Bundesdeutsche Filme zur deutsch-deutschen Teilung : Guter West-Hund, böser Ost-Hund

"Die inszenierte Grenze": Christian Hellwig untersucht bundesdeutsche Spielfilme der 50er und 60er Jahre zum Thema Teilung

Joachim Göres
"Flucht nach Berlin". LPG-Chef muss sich vor der Partei verantworten
"Flucht nach Berlin". LPG-Chef muss sich vor der Partei verantwortenFoto: imago/ZUMA/Keystone

"In den nächsten 100 Minuten, in denen dieser Film läuft, flüchten wiederum 50 Männer, Frauen und Kinder aus ihrer Heimat in Mitteldeutschland. Seit 1949 haben 2,5 Millionen Menschen die sowjetische Zone verlassen. Das sind Tatsachen. Und ebenso basieren die Ereignisse in diesem Film auf Tatsachen.“ So beginnt der Film „Flucht nach Berlin“, den der Regisseur Will Tremper 1960 drehte. Der Historiker Christian Hellwig hat in seiner gerade im Wallstein-Verlag veröffentlichten Dissertation „Die inszenierte Grenze“ diesen und sechs weitere westdeutsche Spielfilme zum Thema Flucht und Teilung aus den Jahren 1953 bis 1963 unter die Lupe genommen – aus der Hochzeit des Kalten Krieges, als solche Themen immer auch eine politische Botschaft hatten.

In Trempers Film geht es um einen kleinen Bauern in einem ostdeutschen Dorf, der sein Land an die LPG abgeben muss. Während die Gesandten der SED die Mitteilung über die Landkollektivierung teilnahmslos weitergeben, sieht der Zuschauer in Großaufnahme die verzweifelten Gesichter der Bauern. Im Hintergrund sind immer wieder große Transparente zu sehen, die die Errungenschaften des Sozialismus feiern. Die Parolen hatte Tremper selber entworfen – er bezeichnete sich stolz als „Kalten Krieger“. Die Enteignung ist der letzte Auslöser für die Flucht des Bauern Güden, der auch den Regimeanhänger Baade von der Flucht überzeugt. Ob diese gelingt, bleibt offen.
Ansonsten enden die untersuchten Filme tragisch. In „Weg ohne Umkehr" von 1953 sucht ein in der DDR stationierter Sowjetsoldat eine Frau, die er in West-Berlin kennengelernt hatte. Dabei setzt Regisseur Victor Vicas die Gegensätze plakativ ins Bild: Hier Ruinen, dort Wohlstand, im Osten dunkler Himmel und bedrohliche Filmmusik, im Westen Sonne und swingende Töne. Der Soldat wird angesichts seiner Eindrücke im Westen immer nachdenklicher und setzt sich schließlich nach West-Berlin ab. Das Happy End bleibt aus: seine Freundin wird auf sowjetische Anweisung hin in die DDR verschleppt.

"Himmel ohne Sterne" von Helmut Käutner

Der Film „Himmel ohne Sterne“ von Helmut Käutner aus dem Jahre 1955 spielt an der Grenze zwischen Thüringen und Bayern. Eine ostdeutsche Fabrikarbeiterin und ein westdeutscher Polizist versuchen zueinander zu finden. Beim Überschreiten der Grenze werden beide erschossen, der Mann gezielt durch sowjetische Soldaten, die Frau versehentlich durch westdeutsche Grenzpolizisten. In einer Schlüsselszene kämpfen stellvertretend die Schäferhunde der Grenztruppen miteinander – der westdeutsche hat ein helles Fell, der ostdeutsche ein dunkles.
In allen Filmen sollen Stacheldraht, Mauer und Wachtürme die Unfreiheit der DDR darstellen, die mit diesen Symbolen des Lagerlebens bewusst mit der NS-Zeit in Verbindung gebracht wird – um zugleich dem westdeutschen Zuschauer zu versichern, dass sie mit der braunen Vergangenheit nichts zu tun haben. Auf eine moralische Verurteilung der DDR-Bürger wird verzichtet, sondern durch Plakate mit den Köpfen von Ulbricht oder Stalin den Machthabern die Schuld gegeben.
Alle Streifen sind von den Filmemachern aus eigenem Antrieb realisiert worden. Neben der vom Antikommunismus geprägten Überzeugung spielte auch die Hoffnung auf Filmpreise und Publikumsresonanz eine Rolle. Bei den Preisen ging die Rechnung oft auf, denn der damals vom Innenministerium vergebene Bundesfilmpreis ging an „Weg ohne Umkehr“ und „Himmel ohne Sterne“. Trempers Einschätzung – „Ich habe Millionen potenzieller Zuschauer, all die Flüchtlinge aus der DDR, die bei uns leben“ – erfüllte sich nicht. Die untersuchten Filme floppten.

Fehlendes Happy Ende schreckte Publikum ab

Das lag laut Hellwig nicht an der politischen Botschaft, denn die Ablehnung der DDR als totalitärer Staat sowie das Verschweigen der NS-Vergangenheit als Hintergrund für die innerdeutsche Grenze wurden von der Mehrheit geteilt. Vielmehr schreckten der ernste Inhalt und das fehlende Happy End die Mehrheit ab, die sich nach dem Krieg von der Politik abgewandt hatte. Hellwig: „Die Heimatfilme waren sehr beliebt, ebenso die seichten Spionagefilme. Die Menschen wollten keine Problemfilme sehen.“
Filme aus der DDR, in denen es um die Teilung ging, waren selten. Eine Ausnahme ist „Die Flucht“ von 1977, in der die Grenze und ihre Konsequenzen so offen wie nie zuvor angesprochen wurden, wobei die Botschaft nicht unerwartet ist: Eine intelligente Frau erklärt dem etwas einfältigen Mann, warum es besser ist, in der DDR zu bleiben. Joachim Göres

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!