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Causa Claas Relotius : US-Botschafter Grenell greift "Spiegel" an

US-Botschafter Richard Grenell ist wegen der zum Teil gefälschten Berichte im Spiegel besorgt - und spricht von "anti-amerikanischer" Berichterstattung.

US-Botschafter Richard Grenell
US-Botschafter Richard GrenellFoto: Reuters

Der Fall um gefälschte Texte des „Spiegel“-Reporters Claas Relotius beschäftigt jetzt auch die Politik. Die Enthüllungen "bereiten der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika große Sorgen", heißt es in einer Erklärung von US-Botschafter Richard Grenell.

Dies sei vor allem deshalb der Fall, weil es in einigen dieser gefälschten Berichte um US-Politik und bestimmte Teile der amerikanischen Bevölkerung gegangen sei.

In einem Brief an den designierten "Spiegel"-Chefredakteur Steffen Klusmann, den das Magazin am Freitagabend auf seiner Internetseite veröffentlichte, geht Grenell noch weiter. Grenell schreibt unter anderem: „Wir sind besorgt, dass die Leitung des ‚Spiegel‘ diese Art der Berichterstattung forciert und dass die Reporter offenkundig das liefern, was die Unternehmensleitung verlangt.“ Unverantwortliches Verhalten habe „anti-amerikanische Berichterstattung“ ermöglicht. Seit Präsident Trump im Amt sei, sei „diese Tendenz ins Uferlose“ gestiegen“.

In seinem Antwortschreiben an Grenell entschuldigte sich der stellvertretende "Spiegel"-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit, den Vorwurf des Anti-Amerikanismus wies er aber zurück. "Wir entschuldigen uns bei allen amerikanischen Bürgern, die durch diese Reportagen beleidigt und verunglimpft wurden", schrieb Kurbjuweit. "Uns tut das sehr leid. Das hätte niemals passieren dürfen."

Der "Spiegel"-Vertreter fügte hinzu: "Wenn wir den amerikanischen Präsidenten kritisieren, ist das nicht Anti-Amerikanismus, sondern Kritik an der Politik des Mannes im Weißen Haus."

Zitate, Personen, Szenen - ausgedacht

Das Hamburger Verlagshaus selbst lässt nach Tagen der Dauerbeschäftigung mit dem Thema auf der Webseite auch seine Printleser daran teilhaben. Auf sage und schreibe 23 Seiten rollt der „Spiegel“ in seiner am Samstag erschienenen Ausgabe die Fälschergeschichte auf, die die ganze Medienbranche erschüttert hat, samt Reaktionen von Kollegen und Lesern. Mehr oder weniger im demutsvollen Tenor, der schon die Onlineberichterstattung in den vergangenen drei Tagen durchzogen hat und weiter durchzieht.

„Wir hatten über Jahre Reportagen und andere Texte im Blatt, die nicht die Wirklichkeit abbildeten, sondern in Teilen erfunden waren. Unser Kollege Claas Relotius hat sich nicht auf die Recherche verlassen, sondern seine Fantasie eingesetzt, hat sich Zitate, Szenen, Personen ausgedacht, um viele seiner Geschichten besser, spannender wirken zu lassen. Für einen Journalisten ist das unverzeihlich. Für uns ist aber genauso erschreckend, dass es Relotius so lange gelungen ist, uns zu täuschen“, heißt es im Editorial.

Ein Kollege schöpfte Verdacht

Es folgt die Geschichte von Juan Moreno. Der „Spiegel“-Reporter hatte bei einer Recherche mit Relotius Verdacht geschöpft und Fälschungen aufgedeckt. In einem Gespräch kritisiert „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, wie der „Spiegel“ den Fall öffentlich gemacht hat, „diese Mischung aus Kulturreportage und Essay“. Und er fragt: „Ist es in dem Genre der Reportage zu einer Deformation gekommen, die alle Häuser betrifft?“ (mit AFP)

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