Charme der Nostalgie : Ist „Anno 1800“ der beste Sieger?

Andreas Scheuer lobt den "Charme der Nostalgie" beim großen Computerspielpreis-Sieger "Anno 1800". Ein anderes Signal wäre gerade jetzt besser gewesen.

In "Anno 1800" stehen die Zeichen auf Strike. Das Game wurde jetzt mit dem Deutschen Computerspielpreis als Bestes Deutsches Spiel ausgezeichnet.
In "Anno 1800" stehen die Zeichen auf Strike. Das Game wurde jetzt mit dem Deutschen Computerspielpreis als Bestes Deutsches Spiel...Screenshot: Ubisoft

Das Computerspiel „Foldit“ ist ein kostenloses Puzzlegame, mit dem Forschern nicht zuletzt im Kampf gegen Viren geholfen wird. Die Spieler „falten“ dazu als Teil der Schwarmintelligenz an ihrem Computer die Bestandteile von Proteinen so, dass das Ergebnis die richtige Struktur bekommt.

„Foldit“ erhielt am Montagabend bei der „Digital-Gala“ des Deutschen Computerspielpreises den undotierten Sonderpreis der Jury. Es hätte das richtige Spiel zur richtigen Unzeit der Coronakrise werden können, würdig die Krone als „Bestes Deutsches Spiel“ zu tragen – wäre „Foldit“ nicht ein Projekt der Universität von Washington.

Ausgereift ja, aber innovativ?

Eine gute Entscheidung war es allemal. Die Vergabe des Hauptpreises an das Aufbaustrategiespiel „Anno 1800“ ist ebenfalls eine gute Wahl, aber eben nicht das beste Signal. Sicher, das Spiel ist so ausgereift und perfekt, wie man es vom jüngsten Vertreter einer Reihe erwarten kann, die ihren Ursprung im Jahr 1998 hat und nach wie vor zu den erfolgreichsten Spielen aus Deutschland gehört.


Ein "Serious Game" im besten Sinne: Mit "Foldit" werden Proteinbausteine gefaltet, bis sie im Kampf gegen Viren erfolgreich sind.
Ein "Serious Game" im besten Sinne: Mit "Foldit" werden Proteinbausteine gefaltet, bis sie im Kampf gegen Viren erfolgreich sind.Screenshot: Tsp

Wenn Andreas Scheuer als Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur daran den „Charme der Nostalgie“ lobt, dann mögen die Neuerungen gegenüber dem Vorgänger noch so begeistern, ein Ausweis von Innovation ist diese Siegerauswahl gleichwohl nicht. Dass Mitfavorit „Through the Darkest of Times“ aus Berlin nicht den Hauptpreis erhielt – dafür aber den Preis für das „Beste Serious Game“ – hat nicht zuletzt mit dem Sujet zu tun. Games mit Nazi-Bezug enthalten eine Restproblematik, selbst wenn der Spieler den Widerstand gegen das Hitler-Regime organisiert.

Mit dem Computerspielpreis will die Politik diese Unterhaltungsform als Kulturgut anerkennen und zugleich den Entwicklerstandort Deutschland stärken. Gerade in der Corona-Zeit – die womöglich länger dauert, als viele derzeit glauben – könnten innovative Computerspiele einen wichtigen Beitrag leisten, nicht nur für die Branche, sondern die Gesellschaft. Sogar die Wissenschaft könnte profitieren, siehe die „Foldit“-Proteine.

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