Corona-freier „Tatort“ aus Dresden : In die Enge getrieben

Dieser „Tatort“ könnte real sein: Max Riemelt spielt einen Mordverdächtigen, dessen größte Verbrechen seine Unbedarftheit und Impulsivität sind.

Unter Mordverdacht, aus der U-Haft geflüchtet und dann noch Geiselnahme. Louis Bürger (Max Riemelt) entgleitet die Situation zunehmend.
Unter Mordverdacht, aus der U-Haft geflüchtet und dann noch Geiselnahme. Louis Bürger (Max Riemelt) entgleitet die Situation...Foto: MDR/W&B Television

Selbst die besseren Einfälle von Louis Bürger (Max Riemelt) zeugen nicht gerade von überragenden intellektuellen Fähigkeiten. Der junge Mann ist wegen schwerer Körperverletzung vorbestraft, saß dafür drei Jahre im Knast. Sein 12-jähriger Junge wurde ihm und seiner Frau Anna (Katia Fellin) weggenommen und ins Kinderheim gesteckt, weil der Zögling in der Wohnung Ectasy-Pillen gefunden und eingeworfen hat. Als dann ein Wohnungsnachbar erschlagen vor dem Haus liegt und er zum Kreis der Verdächtigen gehört, brennen bei ihm sämtliche Sicherungen durch.

Sein einziger Gedanke: bloß nicht zurück ins Gefängnis, wieder getrennt von Frau und Sohn Tim (Claude Heinrich). Doch die Dresdner Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) wissen längst um die Spuren, die eindeutig auf ihn als möglichen Täter beim Mord an dem Polizisten hinweisen. Bürger wird festgenommen. Er ersinnt einen aberwitzigen Fluchtplan, der dann aber wie fast alles in seinem Leben bei dem Versuch scheitert, den Jungen aus dem Kinderheim zu holen. Die Lage eskaliert mehr und mehr, der unberechenbare Vater wird zum Geiselnehmer und zur tickenden Zeitbombe.

Ein Fall wie aus dem Polizei-Alltag?

Der „Tatort“ aus Dresden mit dem Titel „Die Zeit ist gekommen“ von den Autoren Stefanie Veith und Michael Comtesse weist weder auf gesellschaftliche Missstände hin, noch wird mit aller Kraft versucht, aktuelle Entwicklungen wie das Migrationsthema in einem TV-Krimi zu verarbeiten. Hier ist kein kriminelles Superhirn am Werk, dem die Ermittler das Handwerk legen müssen. Vielmehr schildert der Film von Regisseur Stephan Lacant („Zielfahnder – Blutiger Tango“) ein Verbrechen und eine fatale Kausalkette, wie sie vermutlich viel eher zum Alltag der Polizei gehört als das, was sonst auf diesem Sendeplatz zu sehen ist.

[ „Tatort: Die Zeit ist gekommen“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15]

Die Spannung ergibt sich aus zwei Fragen: Gelingt es Gorniak, Winkler und ihrem Chef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) die Lage so weit zu entspannen, dass durch das irrationale Verhalten des Geiselnehmers niemand zu schaden kommt. Und gelingt es den Ermittlern tatsächlich, Louis Bürger vom Tötungsvorwurf zu entlasten, indem sie einen anderen Täter finden. Immerhin hält Karin Gorniak eine andere als die offensichtliche Theorie für durchaus möglich. Max Riemelt fand an der Rolle des junges Mannes, der eigentlich nur ein bescheidenes Glück für sich und seine Familie sucht, insbesondere spannend, wie die Geschichte größtenteils aus der Perspektive des Verdächtigen erzählt wird.

Interessant ist aber auch, was die Schauspieler auf die Frage antworteten, ob sie selbst eine gute Kommissarin oder ein guter Kriminaldirektor wären? Cornelia Gröschel, deren Kommissarin Winkler als letzte zum Team stieß, hat da ihre Zweifel. „Mir fällt Disziplin und Ordnung sehr leicht“, sagt die 33-jährige gebürtige Dresdnerin, „allerdings scheue ich körperliche Konflikte, also müsste ich wohl eher im Innendienst bleiben“.

"Ich kann kein Blut sehen"

Karin Hanczewski, deren Kommissarin Karin Gorniak zu den toughesten Ermittlerinnen im „Tatort“-Kosmos gehört, verneint eine Befähigung zur Ermittlerin in einer Mordkommission am entschiedensten: „Ich kann weder Blut sehen noch würde ich wissen wollen, was alles so um uns herum an Gewalttaten passiert“, weist sie diese Idee weit von sich. Nach einem Fall wie „Die Zeit ist gekommen“ eine Haltung, der man sich nur anschließen kann.

Martin Brambach, dessen Peter Michael Schnabel in dieser Episode aus Dresden eine folgenschwere Entscheidung zu treffen hat, bringt es auf den Punkt: „Das ist im wahren Leben doch ein bisschen anders und ganz ehrlich, ich möchte auch nicht von einem Kollegen operiert werden, der meint, nach 40 Folgen einer Arztserie jetzt Mediziner zu sein.“

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