Crowdsourcing und TV : Der Zuschauer als Kreativdirektor

Kann Crowdsourcing tatsächlich Ideen für erfolgreiches Fernsehen liefern? Die bisherige Bilanz ist eher ernüchternd.

Das ZDF braucht Dich! Auch der Mainzelmann war in die „Show Up!“-Kampagne eingebunden.
Das ZDF braucht Dich! Auch der Mainzelmann war in die „Show Up!“-Kampagne eingebunden.Screenshot: Tsp

Hin und wieder haben TV-Programmanbieter mittels Crowdsourcing probiert, das Publikum und Kreative auch außerhalb des Fernsehbereichs einzubeziehen, um Ideen etwa für neue Formate zu gewinnen, zu bewerten und auszuwählen.

So konnten zum Beispiel bei dem von ZDFneo 2012 initiierten „Viewers Contest“ Zuschauer ihre Sendungsideen per Video einreichen und die Teilnahme an einem Fernsehworkshop, den Besuch am Dreh-Set sowie eine „TVLab“-Teilnahme gewinnen. Somit stellte diese Prämierung gänzlich ab auf fixe, nichtmonetäre Anreize.

Andere Veranstaltungen adressierten nicht etwa erfinderische Zuschauer, sondern in der Kreativwirtschaft tätige Personen. So veranstaltete ProSiebenSat1, unter anderem 2010, unter dem Titel „Brain Station“ einen Wettbewerb für neue TV-Formatideen und wandte sich an Kreative aus den Bereichen Medien, Kunst und Werbung. Das beste Konzept wurde laut Unternehmensmitteilung mit einem Preisgeld von 2500 Euro vergütet.

Ferner gäbe es, wenn man tatsächlich etwas entwickelt, das von großer Relevanz ist, Beteiligungen an den Formaterlösen, meinte Michael Schmidt im Dezember 2009 als Senior Vice President Group Format Acquisitions & Development von ProSiebenSat1. Seine Bilanz lautete: „Ein Programm hat es auf den Schirm gebracht in Norwegen und lässt sich ganz gut im internationalen Verkauf an. Noch sind die Kosten größer als der Revenue daraus, aber es ist ein ganz guter Prozess, in dem man sich auch mal so ein bisschen von außen betrachten kann.“ Drei Jahre später, im Jahr 2012, fand die letzte Veranstaltung von „Brain Station“ statt. Seitdem gab es bei ProSiebenSat1 kein vergleichbares Projekt mehr.

„Da sehen wir uns schon auch ein bisschen als Kurator.“

2013 rief das ZDF für den Wettbewerb mit dem Titel „Show Up!“ junge Kreative dazu auf, Ideen für ein Showkonzept einzureichen. Die Finalisten erhielten eine Vergütung von 2500 Euro, wobei die Weiterentwicklung eines Konzepts durch das ZDF mit 7500 Euro vergütet würde. Letztlich führte „Show Up!“ zu keinem neuen Format für das ZDF.

Beim Crowdvoting geht es darum, Bewertungen der Crowd zu nutzen. Entsprechend lassen sich Ideen bewerten und auswählen, indem Nutzer eingebunden werden. So können User bei dem „Cash & Quote Award“, einem derzeit stattfindenden monatlichen Wettbewerb der ZDF-Nachwuchsinitiative „ZDI talents“, auf Drittplattformen wie YouTube, Facebook und Twitter abstimmen über einige eingereichte Videos, die von einer Redaktionsjury nominiert worden sind.

„Mit einer Jury-Vorauswahl können wir zumindest auch mal ein bisschen eine qualitative Messlatte einziehen, die aus unserer Sicht als Öffentlich-Rechtlicher relevant ist“, erklärte Lucia Haslauer, Mitglied der verantwortlichen Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“. „Da sehen wir uns schon auch ein bisschen als Kurator.“

Das Ergebnis des Crowdvotings setzt sich zusammen aus den Views, Interaktionen und Mentions sowie dem Verhältnis von positiven zu negativen Bewertungen. „Im Großen und Ganzen ist es ganz gut gelaufen“, findet die zuständige Redaktionsleiterin Claudia Tronnier mit Blick auf das bisherige Voting.

„Wir haben da sehr viele Likes und sehr viel Interaktion.“ Sie seien anfangs auch überrascht gewesen, denn die Zahl der Abonnenten des „ZDI talents“-YouTube-Kanals sei nicht so rasant gestiegen, wie sie sich das gewünscht hätten, aber bei den Videos sei die Interaktionsrate eben sehr hoch. „Das Community-Voting ist einerseits natürlich der Versuch, Entscheidungsprozesse transparent zu machen und auch zu demokratisieren“, fügte Haslauer hinzu, „auf der anderen Seite aber natürlich auch ein Mittel, um Reichweite zu schaffen für unseren Content.“

Crowdsourcing scheint – entsprechend gestaltet – grundsätzlich auch im TV-Sektor Potenzial zu haben, als ergänzendes Tool, von dem allerdings nicht zu viel erwartet werden sollte. Mit Blick auf „Brain Station“ gab Schmidt einst zu bedenken: „Man sollte jetzt auch nicht allzu hohe Erwartungen haben. Warum sollte die Floprate da geringer sein als im normalen Geschäft?“

Um Crowdsourcing im Fernsehsektor, inklusive diesbezüglichen weiteren Aspekten, unter anderem im Hinblick auf Diversifikation, geht es auch in der Fachpublikation des Autors: „Crowdsourcing als Innovationstool in der TV-Branche?“ In: MedienWirtschaft 3/2017, S. 12–20.

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