Cybercrime-Serie aus Belgien : Gegen jede Regel

Faszinierende Nachwuchs-Cops: Die Cybercrime-Serie „Unit 42"“ aus Belgien überrascht mit einer ungewöhnlichen Ermittlerin.

Jan Freitag
Gefangen in Brüssel. Die Crime-Serie „Unit 42“ ist auch in der ZDF-Mediathek zu sehen, ab Samstag sogar die komplette erste Staffel.
Gefangen in Brüssel. Die Crime-Serie „Unit 42“ ist auch in der ZDF-Mediathek zu sehen, ab Samstag sogar die komplette erste...Foto: ZDF und Kim Sattler / LFV

Im unverdrossen anschwellenden Überbietungswettbewerb horizontal erzählter Fernsehserien jagt längst ein radikaler Twist den nächsten. Die Storys werden komplexer, ihre Figuren ambivalenter. Jeder Handlungsstrang eine Schubumkehr, jeder Dialog auf weltliterarischem Niveau. Einfach mal Leuten beim Leutesein zugucken? Undenkbar!

Selbst ein Krimi-Zehnteiler aus Belgien, einem TV-Serien-Land, das dramaturgisch seit Jahren weltweit die Maßstäbe setzt, muss es daher gehörig krachen lassen, um im Meer der Reizüberflutung für Aufmerksamkeit zu sorgen. Also kracht es am Ende der ersten Folge von „Unit 42§ – und wie. Denn nach knapp 45 Minuten ist der Fall gelöst. Einfach so.

Kein Cliffhanger also vor verschwörungstheoretischer Drohkulisse, kein verschlüsselter Hinweis auf weitere Knoten verworrener Drehbuchideen, nicht die geringste Andeutung unsichtbarer Komplizen, Netzwerke, Auftraggeber.

Stattdessen: Täter gefasst, etwas Privatsphäre, neuer Fall im Anschluss, übernächster Fall sieben Tage später zur gleichen Zeit. Ein bisschen „Derrick“ im neuen Kino-Fernsehen, könnte man im Angesicht dieser Neo-Serie glatt meinen. Und das ist nicht nur wegen der Episodenhaftigkeit gar nicht mal so abwegig. Denn „Unit 42“ ist ermittlerische Hausmannskost, wie sie uns selbst das betuliche Leitmedium früherer Tage schon lang nicht mehr zubereitet hat.

Wie im fiktionalen Polizeigenre üblich, arbeiten in der weltliterarisch bezifferten Spezialeinheit (42 ist die Antwort auf alle Fragen des SciFi-Romans „Per Anhalter durch die Galaxis“) natürlich vier höchst verschiedene Charaktertypen daran, Digitalkriminalität jeder Art aufzuklären: die respektlose Hackerin Billie (Constance Gay), ihr ordnungsliebender Chef Samuel (Patrick Ridremont), der geruhsame Aktenwälzer Bob (Tom Audenaert) und das quirlige Computergehirn Nassim (Roda Fawaz). Gemeinsam kriegen sie es zum Auftakt mit einem Killer zu tun, der seine Opfer vor laufenden Kameras im eigenen Heim erwürgt, was wie gewohnt bis zum Todeseintritt bestens bebildert wird.

Billie wacht nackt neben ihrem Kollegen Nassim auf

Was sodann – wie auch beim zweiten Teil namens „Blinder Gehorsam"“– im Milieu militanter Islamisten folgt, ist klassisches Wo-waren-Sie-gestern-Spiel der biederen Art, nur mit mehr Internetrecherche als einst beim „Alten“. Davon abgesehen, dass gleich zu Beginn mal wieder ein – kriminalstatistisch nahezu nichtexistenter – Ritualmörder ran muss, zeigt sich die Brüsseler „Cybercrime Unit 42“ also bis zur Schmerzgrenze konventionell.

Das Tempo ist gemächlich, ja träge, der neue Teamleiter Sam alleinerziehend, ergo überfordert, viele der Dialoge wiegen das Publikum sanft in den Schlaf, aus dem es nur im Angesicht der Armbinden des Quartetts gelegentlich aufschreckt, die – kein Scherz! – an Hakenkreuze erinnern.

Klingt furchtbar? Nicht zu Unrecht! Doch ausgerechnet die künstlichste Figur dieser durch und durch artifiziellen Cop-Story sorgt dafür, dass man davon seltsam gefesselt wird. Nichts, wirklich gar nichts an der blutjungen Billie dürfte zwar auch nur annähernd dem exekutiven Alltag unseres Nachbarlandes entsprechen.

Sie wohnt in einem leerstehenden Bürogebäude, wacht darin gleich zu Beginn nackt neben ihrem Kollegen Nassim auf, bricht bei der rasenden Motorradfahrt zum Tatort jede Verkehrsregel, flucht selbst im Verhör wie ein Bauarbeiter vor Feierabend und trinkt danach mit einer Batterie Bildschirme als Begleitung ihr einsames Feierabendbier, was schon deshalb leicht konstruiert wirkt, weil Billie unmittelbar vom Laufsteg auf die Polizeischule gestolpert zu sein scheint – so hinreißend ist diese Nachwuchspolizistin von der makellosen Gestalt.

Gerade dieser aufdringliche Realitätsbruch macht es so faszinierend, ihr dabei zuzusehen, wie sie nach einer erfolglosen Befragung „ich geh kacken“ grunzt, um auf dem Klo das Intranet vom Staatsschutz zu infiltrieren, der partout nicht bei der Verfolgung tatverdächtiger Salafisten kooperiert. Ob das für zehn Folgen trägt, bleibt allerdings mehr als fraglich.

„Unit 42“, ab Freitag, ZDFneo, 22 Uhr 50, jeweils als Doppelfolge

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