Dellings Abschied beim Pokalfinale : „Ich bin ein ständiger Unruhegeist“

30 Jahre „Sportschau“, 380 Moderationen der Sendung: Mit dem DFB-Pokalfinale am Samstag ist Schluss in der ARD. Gerhard Delling nimmt Abschied. Ein Interview.

30 Jahre "Sportschau", mit dem Pokalfinale ist es vorbei: Gerhard Delling.
30 Jahre "Sportschau", mit dem Pokalfinale ist es vorbei: Gerhard Delling.Foto: dpa

Herr Delling, wo waren Sie am vergangenen Samstag, 18 Uhr?
Da war ich gerade in Venedig und habe mir Kunstwerke angeschaut.

Tintoretto also statt „Sportschau“. Hatten Sie da keine Phantomschmerzen? Zu der Zeit lief die Sendung, die sie 30 Jahre lang moderiert hatten mit einer besonders spannenden Ausgabe, der Meisterschaftsentscheidung.
Es gab ja vorher durchaus auch schon „Sportschau“, wo ich nicht beteiligt war. Aber ich war bestens informiert über den Ausgang der Spiele.

Und, waren Sie mit dem Ausgang, dem Meister, unzufrieden?
Wieso?

Sie hatten mal eine Geburtstags-Gala von Borussia Dortmund moderiert.
Ach so, nein. Das war eine ehrenvolle Aufgabe, die ich gern gemacht habe. Aber es gibt auch andere Vereine, die ich besonders verfolge, vor allem natürlich, wenn es persönliche Erlebnisse gab. Ich habe eine Affinität zu den beiden Hamburger Clubs. Beim HSV habe ich mein erstes Bundesligaspiel gesehen, als Junge.

Gehen wir noch mal eine Woche zurück. Bei Ihrem „Sportschau“-Abschied im Studio war Ihr letzter Satz: „Die Lücke, die ich hinterlasse, wird mich schon ersetzen.“ Wo haben Sie diesen sehr philosophischen, fast absurden Satz her?
Ich habe da nicht lange dran gesessen. Der Satz hat sich bei mir irgendwann mal breitgemacht. Der passte jetzt so gut. Da steckt ja ganz viel mit drin. Das mit der Lücke und sich trotzdem nicht so wichtig nehmen. Das ist keine Systemkritik.

Gerhard Delling machte auch Talks- und Polit-Magazine.
Gerhard Delling machte auch Talks- und Polit-Magazine.Foto: dpa

Man könnte den Satz auch süffisant lesen. Und glauben, Sie verlassen die ARD-„Sportschau“ nicht ganz freiwillig, nach über 30 Jahren. Mit Matthias Opdenhövel, Jessy Wellmer und Alex Bommes scheint beim WDR der Jugendwahn ausgebrochen.
Mein Abschied hat sicherlich auch ein bisschen damit zu tun gehabt, dass die Aufgaben, die ich mir gewünscht hätte, nicht gekommen sind. Ich bin ja nie einfach nur Moderator gewesen. Ich sehe mich als Journalist, hab’ Formate entwickelt, bin ein ständiger Unruhegeist. Bei der ARD war es jetzt nicht mehr möglich, das weiter zu tun, sprich, noch mal neu anzufangen.

Das klingt schon auch ein wenig verbittert.
Nein.

Sind beim Abschied Tränen geflossen?
Es war sehr melancholisch und rührend. Mit Shantychor im Studio, Abschiedsfilm und sehr vertraulichen Gesprächen. Da kamen viele Kollegen, Wegbegleiter aus 30 Jahren Köln und darüber hinaus.

Hätten Sie sich nach 30 Jahren „Sportschau“ nicht doch einen Blumenstrauß vor der Kamera gewünscht, wie Beckmann ihn zum „Sportschau“-Abschied bekam?
Nö. Ich finde, das gehört da nicht hin. Wir hatten eine normale „Sportschau“. Was danach kam, das Persönliche, das war mir wichtig.

Und nun? Gibt es ein Leben nach der „Sportschau“? Man hört, Sie wollen eine App machen.
Ganz konkret kann ich da noch nicht werden. Nur so viel: Ich mache die App nicht, sondern kümmere mich um den Content. Ich habe großes Interesse daran, etwas im digitalen Bereich zu tun, auch mit Bewegtbildern. Mit meinem Schwager habe ich biologisch abbaubare Reinigungsmittel entwickelt. Das Umweltthema treibt mich schon seit meiner Kindheit um. Dazu mache ich noch Personal Coaching. Es gibt zu tun.

Ein Buch soll es auch sein.
Ja, den Wunsch habe ich schon lange. Ein fiktionaler Stoff, mit autobiografischen Bezügen.

Ehrlich gesagt, glaube ich, Sie sind eine Rampensau. Ein Buch, eine App, das kann es mit 60 nicht gewesen sein. Haben Sky oder Dazn bei Ihnen angerufen? Auch ein Jörg Wontorra oder Marcel Reif sind von ARD/ZDF ins Pay-TV gewechselt.
Prinzipiell bin ich allem gegenüber aufgeschlossen. Der Sport, aber auch aktuelle politische oder wirtschaftliche Ereignisse interessieren mich immer noch. Aber ich will jetzt raus aus der „Routine“. Es muss mich wieder neu fesseln.

Pokalerfahren: Delling und Trainer Niko Kovac
Pokalerfahren: Delling und Trainer Niko KovacFoto: picture alliance / Ina Fassbende

Das kennt man auch von Beckmann oder Kerner. Woher kommt diese Lust, aus der Schublade Sport-Moderator herauszu- drängen? Sie haben mal das „Nachtmagazin“ moderiert.
Wie gesagt, ich habe mich nie als reinen Sportmoderator gesehen, sondern als Journalist – auch Sportjournalist. Ich hatte beim WDR eine Sendung „Dellings Woche“, eine Gesellschafts-Talkshow mit Featurefilmen. Die ist zu Anfang falsch konzipiert gewesen, zum Ende hin war sie das, was mir gefällt.

Es werden im Fernsehen immer Experten gesucht. Eine sichere Nummer. Im „Doppelpass“ bei Sport1 saßen neulich mit Beckmann, Opdenhövel und Steffen Simon drei „Sportschau“-Kollegen von Ihnen.
Das ist eher nichts für mich. Ich bin nicht der Stammtisch-Typ.

Dann werden wir Sie am Samstag, beim Pokalfinale, zum vorerst letzten Mal im Fernsehen sehen. Im Grunde kann es da nur einen Experten an Ihrer Seite geben.
(lacht) Das stimmt.

Gerhard Delling (li.) holte sich an der Seite von Günter Netzer im Experten-Duo den Grimme-Preis.
Gerhard Delling (li.) holte sich an der Seite von Günter Netzer im Experten-Duo den Grimme-Preis.Foto: picture alliance / dpa

Und?
Günter Netzer? Nein, auf keinen Fall. Den können wir nicht zurückholen. Seitdem ich Netzer kenne, weiß ich, dass man ein Leben lang getrennt sein muss.

Sehen Sie sich öfters?
Regelmäßig. Wir siezen uns auch noch, sind aber sehr befreundet. Es geht bei Günter Netzer nicht mit dem Du. Ich glaube wirklich, wir sind beide klug genug zu wissen, dass man solche Dinge wie unser Moderatoren-Duo nicht aufwärmt. Man stellt sich nicht dahin und tut so, als sei alles wie früher.

Schade, wir hätten Delling und Netzer am Samstag gerne noch mal gemeinsam vor Bierduschen fliehen sehen.
Oh, darüber habe ich tatsächlich noch nicht nachgedacht. Bierdusche wäre fatal. Ich wollte nach meinem letzten Spiel in aller Ruhe etwas essen und trinken, und das möglichst nicht im feuchten Hemd.

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