Medien : Die junge Frau und das Meer

Böse, kalte Ostsee: „Vom Ende der Eiszeit“ zeigt die Ferres auf Mörderjagd

Joachim Huber

Der Titel lenkt den Blick in die falsche Richtung. „Vom Ende der Eiszeit“ hat nichts mit Erderwärmung zu schaffen, es geht um menschliche Wärme, die aus der Kälte kommt. Deswegen ein Krimi und ein sehr beachtlicher.

Die Ostsee ist erst einmal Mordsee. Lena Jörning (Veronica Ferres) findet im Eis vorm Dorf eine Leiche. Es ist überhaupt die erste Leiche, mit der die Polizistin konfrontiert wird, und dann ist die Tote auch noch die eigene Schwester. Evelyn war vor zwölf Jahren aus dem Dorf abgehauen, es war eine Flucht aus der Eintönigkeit der rauen Ostseeküste. Lena war geblieben, hatte nie was von Evelyn gehört. Jetzt steht sie da, die Lena, im tiefen Schnee, soll sich an der Fahndung nach dem Mörder beteiligen und zugleich ihre und die Vergangenheit der Schwester begreifen.

Das passiert schmerzhaft, wütend und überraschend, als dann auch noch der Ehemann von Evelyn auftaucht. Evelyn – Typ Uschi Obermaier – hatte das Dorf nach ihrer Rückkehr aufgemischt. Die Männer standen Schlange, sie bekamen, was sie wollten, und Evelyn bekam für den verlangten Sex die gewünschte Serviceleistung; Opiate gegen den Krebs, Autoreparaturen, Filme aus der Videothek von Lenas Dauerverlobtem Bruno. Janna Striebeck spielt die Evelyn wie Martin Feifel ihren Ehemann Claas, als in sich verzweifelten Menschen. Der Tod kann Erlösung bringen. Christian Jeltsch, ein Könner unter den Drehbuchautoren für den Fernsehkrimi, hat das fein gezeichnet. Da quälen sich Menschen durchs Leben, die zum Leben kaum taugen, obwohl sie nach Leben hungern.

Regisseur Friedemann Fromm erlaubt weder dem Ensemble noch der Kamera übertriebenes Gehabe. Die Landschaft ist in Schnee und Eis erstarrt, das Leben im Dorf hat seine festen Bahnen. Fromm setzt die Figuren präzise in den Blick des Zuschauers. Die Schauspieler haben ihren Charakteren zu dienen und sich nicht daran zu bedienen. Mag die Story den Dorfrahmen beinahe sprengen, Lena und Evelyn, Claas und Bruno (August Schmölzer) sind bei genauerem Hinsehen Zwerge, die erst im wachsenden Schatten der Geschichte an Größe gewinnen.

Auftritt Detlev Buck als großstädtischer Kommissar und Konstanze Breitebner als Assistentin, sie staucht das Dorfpersonal mit ihrer scharfe Klappe zusammen, Bucks Kriminaler ist der großstädtische Arrogantling, für den die Dörfler so störend sind wie Rotz am Ärmel. Immerhin, der Kommissar kann sich in der Einöde beim Eislaufen an ein schönes Jugenderlebnis erinnern. Schlusssatz nach Lösung des Falls: „Ist doch nicht meine Gegend.“ Buck kann sehr kalt spielen, die wenigen Wärmebilder seiner Figur ändern da nichts.

Der Schauplatz des Krimis „Vom Ende der Eiszeit“ ist mehr als eine Kulisse, er schreibt am Geschehen mit. Die klirrende Kälte, die stählerne Bläue des Eises, die tief stehende, kraftlose Sonne – das panzert die Natur und die Menschen (und Finnland, wo gedreht worden ist). Mit Ausgang des Krimis erleben beide ihre Katharsis: Lena Jörning, sie legt den Dorfpolizistinnen-Habit ab, das Eis, es bricht, die Sonne, sie strahlt. Regisseur Fromm und Kameramann Jo Heim scheuen keine Mühe, um die Atmosphäre mit mystischen Bildern aufzuladen. Unerklärlicherweise fehlt der Gesang der Wale, zum Ausgleich gibt eine Kioskverkäuferin die Dorfschamanin.

Veronica Ferres zeigt sich in diesem Krimi als Understatement-Künstlerin. Nix an großen Gesten und riesigen Emotionen, wie sie diese Großraum-Schauspielern sonst im 20-Uhr-15-Quotenseller zu beanspruchen pflegt. Ihre Lena ist in und mit der Enge des Ostseedorfes geschrumpft, ein wenig verkümmert. Wie sie da so steht, so blond und die Polizistenmütze über Augen und Ohren gezogen, könnte sie die Eisprinzessin sein und ist doch nur die Tiefschneepolizistin. Die Mordfahndung lässt sie auftauen. Lena Jörning wird hinausgehen in die Welt, aus der ihre Schwester Evelyn zurückgekommen ist. Ob sie scheitern wird? Möglich. Aber sie wird leben.

Auch das ist „Vom Ende der Eiszeit“: Eine vitale Erinnerung an eine Jahreszeit, die Winter hieß.

„Vom Ende der Eiszeit“, ARD,

20 Uhr 15

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