Die Nackten und die Toten : Ein starker „Tatort“ zum Pflegenotstand

Eine Heldin? Ein Todesengel? Der Stuttgarter „Tatort“ lässt am Sonntag die beiden Kommissare an einer zwielichtigen Altenpflegerin verzweifeln.

Dann gingen die Jalousien herunter. Die Kommissare Lannert (Richy Müller, li.) und Bootz (Felix Klare) verdächtigen die Altenpflegerin Anne Werner (Katharina Marie Schubert), für den vorzeitigen Tod von Patienten verantwortlich zu sein.
Dann gingen die Jalousien herunter. Die Kommissare Lannert (Richy Müller, li.) und Bootz (Felix Klare) verdächtigen die...Foto: SWR/Maor Waisburd

Was für ein Fernsehkrimi: Die Dialoge und Sequenzen stürmen ineinander hinein, schießen aneinander vorbei, sprengen das lineare Erzählen, gehen auch mal ins Leere, und in irgendeinem Augenblick merkt man, dass einen diese im Grunde leise daher kommende Geschichte um eine verdächtige Altenpflegerin, die ihren Job macht und möglicherweise auch mehr als das, dass einen dieser Krimi packt und nicht mehr loslässt. Das passiert selten genug im „Tatort“.

Alleine schon die Präsenz der Hauptdarstellerin. Katharina Marie Schubert, heimisch an den großen deutschen Bühnen, derzeit am Thalia Theater in Hamburg in der „Dreigroschenoper“, spielt die Hauptverdächtige Anne Werner – eine Art Jeanne d’Arc der Altenpflege, die nach dem plötzlichen Tod zweier ihrer Schützlingen als Todesengel unter Verdacht gerät.

Die Senioren starben zuhause, der eine an plötzlichem Herzstillstand, mutmaßlich falsch medikamentiert, der andere war die Treppe hinuntergestürzt. In zermürbenden, tagelangen Verhören versuchen die Kommissare Bootz (Felix Klare) und Lannert (Richy Müller) dieser Anne Werner auf die Spur zu kommen. Gibt es da ein Mordmotiv? Hoher Zeitdruck, starke Belastung, geringes Einkommen? „Ich bin zufrieden“, sagt die Pflegerin mit Nachdruck.

Selten hat man die sonst so abgebrühten Stuttgarter Kommissare so hilflos gesehen. Sie bieten ihre ganze Vernehmungskunst auf, durchleuchten Tagesabläufe und Patientenleben, während sie gleichzeitig ihre Arbeit in Frage stellen, mit der Frage kämpfen, ob ihre Ermittlungen überhaupt angemessen sind, weil ihnen – wie dem Zuschauer – auch klar wird, klar werden muss, was das Wort Pflegenotstand für die Pflegerin in der Realität bedeutet.

Dann gehen die Jalousien im Zimmer herunter

Wen die Ermittler auch befragen, die meisten sind voll des Lobs für Anne Werner. Sie sei stets freundlich, kompetent, korrekt, das in einem Beruf, dessen Bedingungen alles andere als einfach sind. Die Verdächtige selbst streitet alle Vorhaltungen seltsam gefasst ab. Dabei durchleuchten Lannert und Bootz das gesamte Leben der Altenpflegerin, den mobilen Pflegedienst Elvira. Sie lassen nicht locker. Sie wollen kein zweites Mal zu früh aufgeben, die Ermittlungen nach dem ersten Alten-Todesfall wurden allzu voreilig eingestellt.

Der Krimi schafft das Kunststück, dass er vorhersehbar zu sein scheint, was es aber nicht ist. Immer wieder werden in die Aussagen aus dem Verhör Werner-Bootz-Lannert Rückblenden geschnitten. Die alleinerziehende Pflegerin, die große finanzielle Probleme hat, an den Betten ihrer Patienten, die Geld und – große körperliche Begehren haben. Dann gehen die Jalousien im Zimmer herunter.

Dem Film ist im wahrsten Sinne des Wortes auf die nackten Knochen zu sehen. Die Frage, die im Raum steht: Opfert sich hier jemand für seinen Beruf auf, oder ist das eine kaltblütige Mörderin? Buch (Wolfgang Stauch) und Regie (Jens Wischnewski) halten das offen bis zuletzt.

Dazu keine privaten Ermittlerschmonzetten wie häufig im „Tatort“ – ein klassischer Krimi mit gutem Gespür für Dynamik und Rhythmus, der sich auf die Ermittlerarbeit konzentriert. Über einen oftmals tabuisierten Bereich unserer Gesellschaft, über die großen, schwierigen Themen Alter, Pflege, würdigen Tod. Über die Träume des Mittelstands. Erstaunlich, wie wichtig es der Pflegerin ist, den Schein zu wahren, sei es vor Nachbarn oder den Eltern der Mitschüler ihres Sohnes. „Wir haben ein Auto, in dem das Radio und die Heizung kaputt ist. Aber Hauptsache, vorne ist ein Stern drauf“, wirft der Teenager seiner Mutter vor.

90 Minuten Sozialdrama, das sich am Ende, nach Einblicken in den Irrsinn Altenpflege/Gesundheitssystem („Wenn man nur vier Minuten Zeit hat zum Kämmen und Rasieren, weil die Kasse nur 3,04 Euro zahlt, dann sieht das eben nicht aus wie bei Udo Walz“) im Gesicht der Pflegerin verdichtet. Die frontal in die Kamera schaut, zwei Kommissare in die Verzweiflung getrieben hat und für sich weiß, dass sie das Richtige tut. Eine Mörderin, ein Todesengel? Eine Heldin? Wie würden Sie entscheiden? Anne Werner lächelt. „Tatort: Anne und der Tod“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15