Die "Sportschau" und der ewige Wintersport : Skeleton statt Schach-WM

In London läuft gerade eine hoch-spannende Schach-Weltmeisterschaft. ARD und ZDF senden weiter munter Wintersport vor sich hin.

London: Schach-Weltmeisterschaft, Carlsen (Norwegen, re.) - Caruana (USA). Im Fernsehen kriegt man davon nichts mit.
London: Schach-Weltmeisterschaft, Carlsen (Norwegen, re.) - Caruana (USA). Im Fernsehen kriegt man davon nichts mit.Foto: dpa

Highnoon in London. Magnus Carlsen und Fabiano Caruana, Weltmeoster und Herausforderer, erstmals seit langem sitzen die beiden besten Schachspieler der Welt am Brett und klügeln in diesen Tagen in einem Wettkampf über zwölf Runden (mit etwaigem Stichkampf) aus, wer die Nummer eins in dieser Sportart ist.

Sportart? Viele bestreiten ja, dass Schach überhaupt etwas mit Fußball, Tennis, Biathlon & Co. zu tun hat. Wer sich allerdings einmal näher damit beschäftigt hat, zum Beispiel beim hochklassigen Kandidatenturnier im Frühjahr in Berlin, den Spielern bei einer Sechs-Stunden-Partie über die Schulter schaut, weiß, was da am Brett in Köpfen und Körpern abgeht. Ohne tägliches Fitnesstraining wird keiner mehr Schach-Weltmeister.


Der ARD-„Sportschau“ ist das alles egal. Sie sendet an diesem Wochenende munter ihren Wintersport rauf und runter. Eisschnelllauf, Skispringen, Ski Alpin, Eiskunstlauf, gut zehn Stunden an zwei Tagen. Dazu noch eine „normale“ Sportschau-Ausgabe am Samstag, 18 Uhr, die es schafft, in 70 Minuten an der Schach-WM vorbeizusenden, ebenso wie abends das ZDF-„Sportstudio“.

Und das, obwohl die Fußball-Bundesliga pausiert, Raum für Anderes da wäre. Die Sender verweisen gerne auf die Quoten beim Wintersport. Ein Totschlag-Argument. Dass es da draußen durchaus Interesse an der Schach-Weltmeisterschaft gibt, beweisen die guten Abrufzahlen der Online-Live-Ticker, bei Spiegel online, chess24.com oder chessbase.de.

Ein WM-Kampf auf Augenhöhe, bis zum Freitag fünf teils umkämpfte, überraschende Remis-Partien, Live-Kommentare, Analysen, User-Einbindung mit Chats, muntere Pressekonfferenzen, ganz zu schweigen vom Popstar-Image des ehemaligen Schach-Wunderkindes Magnus Carlsen. Immerhin, der WDR teilt mit, dass er am übernächsten Wochenende, Sonntag, 25. November, einen "Vollbeitrag" in der "Sportschau" plant.

Mal sehen. Und reichlich spät. ARD/ZDF, schlaft weiter, sendet stundenlang Rodeln oder Skeleton von weißen Bergen und Höhen. Wir schalten ab und klicken uns in die Live-Ticker. Am Sonntag beginnt die zweite Hälfte der Schach-Weltmeisterschaft.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!