"Die verlorene Tochter" im ZDF : Da braut sich was zusammen

Sechs Teile ergeben nicht immer ein Familiendrama: "Die verlorene Tochter" verliert sich in Effekthascherei

Jan Freitag
Düstere Gegenwart. Die Schatten der Vergangenheit drohen Isa von Gems (Henriette Confurius) wieder einzuholen.
Düstere Gegenwart. Die Schatten der Vergangenheit drohen Isa von Gems (Henriette Confurius) wieder einzuholen.Foto: dpa

Unter all den Berufsgruppen, die das Fernsehen routinemäßig fiktionalisiert, sind Bierbrauer die ambivalenteste. Obwohl Marketingstrategen alles tun, um ihr Getränk lässig mit gestärkter Schürze in Szene zu setzen, bleiben Weizen und Pils Produkte der breiten Masse. Von wegen Luxusklasse also. Es sei denn, wir gehen von der Nachfrage- zur Angebotsseite. Dort heißen Bildschirmbrauer dann nämlich gern Graf Guldenburg und fahren Rolls-Royce oder Hofstetter und zapfen „Bier Royal“, sind also wie die Patriarchen mehrerer „Tatorte“ Traditionsunternehmen jenseits CEO-geführter Konzerne.

Auch die Fernsehfamilie von Gems stammt aus dem Landadel einer deutschen Mittelgebirgsidylle, residiert im dunklen Barock standesbewusster Noblesse, droht aber – so viel Zeitgeist muss sein – von der multinationalen Konkurrenz geschluckt zu werden. Klingt also alles nach einer dynastischen Wirtschaftserzählung, die das ZDF zur besten Sendezeit zeigt – wäre da nicht der Titel.

„Die verlorene Tochter“ erinnert ja nicht nur dem Namen nach an „Das Verschwinden“, mit dem Hans-Christian Schmid 2017 im Ersten Lob geerntet hat wie Bierbrauer Hopfendolden. Auch damals suchte Julia Jentsch sechs Stunden verzweifelt nach der eigenen Tochter. Hier jedoch hat Claudia Michelsens Sigrid von Gems die Hoffnung aufgegeben, ihre Isa (Henriette Confurius) zehn Jahre, nachdem sie von einem Schulfest nicht heimgekehrt ist, wiederzusehen.

Geheimnisvolles Familiendrama

Am Ende der ersten von sechs Folgen allerdings, die das Zweite zum Dreiteiler bündelt, taucht Isa aus dem Nichts wieder auf – und sorgt damit für das, was das ZDF als „geheimnisvolles Familiendrama“ bewirbt. Während sich die Rückkehrerin nur bruchstückhaft an die Zeit ihrer Abwesenheit erinnert, entspinnt sich schließlich ein dichtes Netz aus Liebe, Hass, Treue, Eifersucht, Verrat, Freundschaft, Gier und das Erbe der Guld…, pardon: Gems’, deren Anwesen das Epizentrum dieses Erdbebens menschlicher Abgründe bildet.

Dafür hat Regisseur Kai Wessel natürlich ein Großaufgebot an Stars gebucht. Claudia Michelsen spielt die Mutter der Aufgetauchten gewohntermaßen gut mit fragilem Trotz, während der gravitätische Christian Berkel ihren Mann als elitäres Alphatier mit Haltung verkörpert, dem die Verkaufspläne seines unterkühlten Sohns Philip (Rick Okon) gehörig am Rückgrat rütteln. Und während Götz Schuberts verkrachter Ex-Cop verbissen um die späte Lösung eines Kriminalfalls kämpft, der ihn einst zum Saufen ergo Scheitern brachte, schwebt über allem Henriette Confurius als lebender Geist einer Story, die, nun ja, echt nicht unspannend ist, aber von Christian Jeltschs Drehbuch heillos überfrachtet wurde.

Ständig blicken Leute bedeutungsschwer durch geschlossene Gardinen, ständig dräut es düster am Himmel vor lauter Schwermut, ständig presst Martin Todsharows Gefühle ins Musikkorsett. Adlige verhalten sich adelig, Arbeitslose prollig, Journalisten wie Aasgeier und Isa wurde in der Tatnacht missbraucht, was offenbar ihre – der deutsche Fernsehtwist schlechthin – rätselhafte Amnesie erklärt. Warum Fachwerkdörfer eine Kriminalpolizei mit Mordkommission haben, bleibt dabei so unerklärlich wie der Cowboyakzent von Emily Cox als Amerikanerin in der deutschen Provinz.

Reine Effekthascherei

„Die verlorene Tochter“ ist also, in zwei Worten: reine Effekthascherei. Und spätestens wenn der hippe Philip seine Eltern auf dem nebulösen Edgar-Wallace-Landsitz mit Hildegard Schmahl als unsterblicher Lil Dagover dauernd „Mutter“ und „Vater“ nennt, wird sie sogar unfreiwillig komisch.

Dennoch haben die 270 Minuten ihre Highlights – nur dass sie sich vornehmlich auf die ersten drei jeder Folge beschränken. Darin nämlich blendet Kai Wessel auf den Sommer 2009 zurück und offenbart so Vorspann für Vorspann etwas mehr vom schicksalhaften Tag des Verlierens. Ein schöner, kluger, ein wegweisender Twist. Leider der einzige.

„Die verlorene Tochter“, ZDF, Montag, Mittwoch, Donnerstag, 20 Uhr 15

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