Dieter Bohlen verlässt DSDS-Jury : Einer, der sich selbst am wichtigsten nimmt

Dieter Bohlen zeigte bei DSDS den Verlierern dieser Gesellschaft, dass sie immer wie Verlierer behandelt werden würden. Ein Kommentar.

Wenn die Kohle stimmt, ist sich Dieter Bohlen für keine Werbung zu schade.
Wenn die Kohle stimmt, ist sich Dieter Bohlen für keine Werbung zu schade.Foto: imago images/Future Image

Wenn Dieter Bohlen etwas nicht mag, dann sieht man das an seinem Gesicht. Er gibt sich gar nicht erst die Mühe, seinen Unmut zu verbergen. Da ist er wie ein Kind.

Wenn er etwas lustig findet oder blöd, ist es genauso. Manchmal findet er Dinge sogar "berührend". Dann glaubt man ihm kein Wort. Denn dieser Mann, mittlerweile 67 Jahre alt, ist das wandelnde Scheitern jeglicher Impulskontrolle.

Und wenn er etwas nicht mag, dann kündigt sich in seinem Gesicht eine Worttirade an, die kurz darauf mit der Gewissheit eines cholerischen Charakters auf sein armes Opfer niedergeht. Man kann sagen, dass sich die Karriere dieses "Pop-Titans" (Bunte) der einfachen Tatsache verdankt, dass er sich seinen Weg freigewütet hat.

Nun wird er bei RTL als Chefjuror der Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" ausgewechselt. Nach fast 20 Jahren findet jemand, dass die Show "neu erfunden" werden müsse. Bohlen könne sich aber wieder bewerben, heißt es seitens des Senders, sollte er eine "gute neue Programmidee" haben, dafür sei der Sender "immer offen". Man weiß, was das bedeutet.

Jogi Löw und Dieter Bohlen gehen - das Ende der Ära Angela Merkel wird greifbarer

Es ist ein bisschen merkwürdig, dass diese Ankündigung nur zwei Tage nach dem erklärten Rückzug des Fußball-Bundestrainers erfolgt. Mit den Abgängen von Jogi Löw und Dieter Bohlen wird das drohende Ende der Ära von Dauerkanzlerin Angela Merkel noch ein bisschen greifbarer. Der eine muss gehen, weil er seinem eigenen Leistungsprinzip nicht mehr gerecht wurde. Der andere, weil sein Leistungsprinzip schon immer falsch war - und nicht mehr in die Zeit passt.

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Dieter Bohlen wollte Talente entdecken. Am besten Superstars. Er hat in 17 Staffeln keinen einzigen gefunden, sondern nur Leute für die Klatschpresse rekrutiert, die über ein bisschen Dieter-Bohlen-Konfektionspop hinaus bald nur noch gut genug für Trash-Geschichten waren.

Nicht ein einziger Song von Alexander Klaws, Mark Medlock, Sarah oder Pietro Lombardi hat so viel Emotionen erzeugt wie eine der zahllosen "Exklusiv"-Stories über sie. Aber heiße Luft als das große neue Ding zu verkaufen, ist eines der Markenzeichen von Dieter Bohlen.

Man muss die Leute nicht bedauern, die sich den Knebelverträgen ausgesetzt haben oder als "Supertalent" entdeckt werden wollten. Selbst Schuld, wenn sie, statt sich ein Publikum zu verdienen, lieber eines geschenkt bekommen wollten. Um Talent ging es nie. Welcher Künstler mit Format würde sich schon diesem Fleischwolf aussetzen?

Bohlens Stichwortgeber: Die Juroren der 12. Staffel von "Deutschland sucht den Superstar". H.P. Baxxter, Vanessa Mai und Michelle (v. li.). Wer gewonnen hat? Sei "wurscht", meinte die "Bunte".
Bohlens Stichwortgeber: Die Juroren der 12. Staffel von "Deutschland sucht den Superstar". H.P. Baxxter, Vanessa Mai und Michelle...Foto: imago images/Hermann J. Knippertz

Mit seinem vulgären, toxischen Ich-weiß-wie-das-Geschäft-läuft-Realismus war Bohlen immer der eigentliche Star. Er zeigte den Verlierern dieser Gesellschaft, die vielleicht einfach nur zu stark einem Traum von sich selbst anhingen, dass sie immer wie Verlierer behandelt werden würden.

Du musst es bringen, sonst bist du nichts, lautet seine Losung. Und damit hatte er Recht. Zumindest in seiner Welt war das Gesetz. Und als er einmal mit Verona Feldbusch eine Frau an seine Seite ließ, die das Prinzip der öffentlichen Selbststilisierung besser beherrschte als er selbst, da spürte er die zerstörerische Wirkung des Gesetzes am eigenen Leib. Er kam davon, indem er die Verflossene durch eine neue Verona ersetzte, sie "Naddel" nannte und genüsslich zusah, wie es sie vernichtete.

Immer wenn man denkt, mit Dieter Bohlen ist es jetzt vorbei, das Gute hat gesiegt, taucht er wieder auf mit seinen verspiegelten Sonnenbrillen (so Achtziger!), der panischen Angst vor Falten und in den mit Applikationen vollgetackerten Jeans-Klamotten - ein Pop-Populist, wenn es das geben könnte, der seinen Opportunismus mit einer Art rebellischer Unhöflichkeit tarnt.

Ohne ihn wird DSDS normal und vermutlich ziemlich öde. Keine Sprüche mehr von der Sorte: "Wenn ich mir morgens einen Pickel ausdrücke, dann hat das mehr Power als deine Stimme", die das Publikum zu Schaulustigen machte. Wenn durch Bohlen immerhin die niederen Instinkte von Menschen befriedigt wurden, die auch an schweren Verkehrsunfällen glotzend vorbeifahren würden, so dürfte das TV-Format durch seinen Abgang nicht besser werden, sondern verlogener.

Bohlen wog wenigstens niemanden in der Illusion, dass er oder sie besser seien, als sie glaubten. Oder dass es bei der ganzen Sache um mehr ging. Seine Rolle war es zu sagen: "Die Rechnung, bitte nur bar."

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