„Dispatches from Elsewhere“ bei Amazon Prime : Fernseh-Varieté der Extraklasse

Die Mysteryserie „Dispatches from Elsewhere“ lässt mittelmäßige Menschen nach dem Glück suchen. Heraus kommt dabei eine rauschhafte Gegenwartsfantasy.

Jan Freitag
Welches Rätsel verbirgt sich hinter der Irrfahrt ins Glück?
Welches Rätsel verbirgt sich hinter der Irrfahrt ins Glück?Foto: AMC/Amazon Prime

Nein, das Leben dieser vier Menschen aus der Mitte Amerikas verläuft alles andere als zufriedenstellend. Die betuliche Janice überspielt mit ihrer guten Laune ein nagendes Empty-Nest-Syndrom. Fredwynns Missmut entspringt seiner Furcht vor staatlicher Verschwörung. Simones Ängste werden durch die soziale Ächtung ihrer Transsexualität auch nicht besser. Und Peters Mangel an Selbstachtung macht ihn so langweilig, dass selbst seine Therapeutin beinahe einnickt.

Was also könnte ihn und seine Leidensgenossen aus dem Trott ihrer Alltagsneurosen holen? Die Antwort lautet: „Dispatches from Elsewhere“. Übersetzbar mit „Meldungen von anderswo“, pflastert der Kabelsender AMC den Weg dieses verhaltens(un)auffälligen Quartetts so lange mit Botschaften einer Geheimgesellschaft namens „Jejune-Society“, bis es sich gemeinsam auf einer Reise ins Wesen seiner Wünsche befindet. Am Freitag nun holt Amazon das wundervolle US-Format nach Deutschland. Und bei aller anfänglichen Tristesse: Von Beginn an strömt ein Gefühl wohliger Wärme durchs Zuschauerherz, das zu keiner Zeit wirklich abkühlen mag.

Ein Dasein von großer Einförmigkeit

Doch der Reihe nach. Peter zum Beispiel, mit ihm beginnt die zehnteilige Anthology-Serie des Streamingdienstes sukzessive verwobener Einzelschicksale, fristet ein kleines Dasein von großer Gleichförmigkeit im riesigen Philadelphia. Morgen für Morgen läuft er zur selben Uhrzeit scheuklappengeschützt durchs gleiche Getümmel derselben Route, um am selben Arbeitsplatz dieselben Computerhandgriffe zu tätigen, bevor er den Abend allein vorm Fernseher wegdämmert. „Ein Dasein ohne Risiko, ohne Schmerz, ohne Freude“, beschreibt es ein gewisser Octavio Coleman Esq. in eloquenter Deutlichkeit aus dem Off. „Nur existieren, nicht leben.“ Eine Tragödie in endlos vielen Akten.

Um ihr zu entfliehen, lockt der charismatische Geheimgesellschaftsführer den spröden Peter auf eine Schnitzeljagd für Mystiker. Die flamboyante Transgenderschönheit Simone (Eve Lindley) hält sie für ein Spiel, der paranoide Fredwynn (André Benjamin) für ein Komplott und die harmoniesüchtige Janice für Schabernack. Peter hingegen will oft erfolglos, aber verbissen an dieses Fenster aus seiner mediokren Existenz glauben und kennzeichnet das mit einer Mimik zwischen Faszination, Panik und Zuversicht, die sein Darsteller Jason Segel bereits als Hauptfigur in „How I Met Your Mother“ zur Perfektion getrieben hat

Eigensinnige Irrfahrt ins Glück

Und auf dem weiten Feld rauschhafter Gegenwartsfantasy, bittet der Showrunner nach eigenem Drehbuch auch sein Ensemble in ein Fernsehvarieté der Extraklasse. Dabei erinnert es zwar inhaltlich an die Abenteuerrallye „The Game“, optisch an den Retrofuturismus von „Maniac“, personell an das moderne Märchen „Big Fish“ und dramaturgisch an den strukturierten Wahnsinn in „Dirk Gentlys holistischer Detektei“. Ungeachtet solcher Referenzen aber ist „Dispatches from Elsewhere“ eine zutiefst eigensinnige Irrfahrt ins Glück, die sich den Anschein harmloser Feelgood-Movies zum Glück mit gehöriger Tiefe entledigt.

Denn natürlich lauert hinterm schönen Schein des selbsterklärten Glücksgurus Octavio (Richard E. Grant) ein Rätsel. Wenn der Rapper Benjamin das Panoptikum sprechender Fische, Yetis, Brillen, Häuser als „Ablenkung von irgendwas Größerem“ bezeichnet, dürfte das also nicht nur Fredwynns Verfolgungswahn geschuldet sein. Umso mehr fasziniert es, wie die Serie ihr Publikum zwischen all dem unterhaltsamen Aberwitz permanent mit der Frage konfrontiert, was die Mittelmäßigkeit mit uns allen, dem Publikum, so macht.

Nach 450 Minuten voller Mitteilungen von irgendwo fällt die Antwort ein bisschen leichter, versprochen.

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