Doku-Drama zum Fall Jürgen Schneider : Das Gespenst

Peanuts, Pleite und Perücke: Die ARD rollt nochmals den Fall Jürgen Schneider auf. Das Toupet sitzt auf jeden Fall.

Nikolaus von Festenberg
„Ich find’ das alles wirklisch sehr aufregend.“ Claudia (Gesine Cukrowski) und Jürgen Schneider (Reiner Schöne) im Genfer Hotelzimmer.
„Ich find’ das alles wirklisch sehr aufregend.“ Claudia (Gesine Cukrowski) und Jürgen Schneider (Reiner Schöne) im Genfer...Foto: MDR/Saxonia Entertainment/Axel B

Wer glaubt noch Banken? Wer widerspricht am Stammtisch, wenn die Boni der Geldinstitute angeprangert werden? Die Tugend des ehrbaren Kaufmanns, die Seriosität des verlässlichen Geldmannes – wer spürt das noch am Tresen? Kein Institut hat so viel Nimbus eingebüßt wie das Geldhaus, das via Internet und Homebanking längst am Verschwinden in virtuelle Welten ist. Brechts Bonmot „Was ist der Überfall auf eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ drückt das heutige Misstrauen aus. Da waren das Platzen der Immobilienblase, die Milliarden-Minus-Gebrüder Lehman, der gebrochene Stolz der privaten Globalplayer vor dem Nothelfer Staat: Was macht das uns schon aus? Hochmut vor dem Fall.

Das ist, Gott sei Dank, ein bisschen vorbei, aber für das einfallsarme Fernsehen ein Anlass, sich mit der Zeit neu zu beschäftigen, bevor alles den Bach herunterging. Zum zweiten Mal. Im März 1996 startete der Kinofilm „Peanuts – Die Bank zahlt alles“. Gerade war einer der größten Bankenskandale der Nachkriegszeit aufgeflogen. Der Frankfurter Bauunternehmer Jürgen Schneider, hatte mit Krediten in Milliardenhöhe teure Bauvorhaben finanziert, steckte mit geschickten Manövern immer mehr geliehenes Geld in immer größer werdende Schulden und floh ins Ausland. 5,5 Milliarden Euro – a-fonds perdu.

Schneider, wohl aus Furcht vor Anwälten, hieß in dem Film Schuster (Ulrich Mühe), fungiert zunächst als kleiner kreditunwürdiger Architekt, bis er sich in schwarzem Anzug, mit Toupet und Halb-Brille präsentiert, große Leihsummen fordert und den Bankchef (Traugott Bure) aufs Kreuz legt. Jeder erkannte die Parallelen zum Fall Schneider, jeder sah die Schlamperei und die Arroganz des Bankenmanagements und goutierte die bitterböse Komödie.

Nach der Lehmann-Brother-Insolvenz 2008 und deren Auswüchsen hätte wohl niemand geglaubt, dass sich irgendwelche Filmarchäologen noch einmal für den notorischen Geldschwindler interessieren würden. So heißt es diesen Montag: Macht’s noch einmal, ihr Sam’s vom MDR. Die erste Bilanz des Schneider-Revivals (Buch und Regie: Christian Hans Schulz) ist enttäuschend. Zwei Jahrzehnte nach der Aufdeckung des Schwindels gibt es kaum neue Fakten. Toupet, Brille, seriöses Tuch und hochherrschaftliches Ambiente sind natürlich geblieben, wenn auch nicht mehr im Taunusschloss gedreht werden konnte.

Ins schwarze Herz des Kapitalismus

Neben den Hauptdarstellern der Fiktion (Jürgen Schneider: Reiner Schöne, Claudia Schneider: Gesine Cukrowski), zweifelhaften Helfern und dem komisch ergebenen Faktotum Küpferle (Hans-Jürgen Silbermann) marschieren Heerscharen von Zeitzeugen auf den Schirm: Anwälte, Staatsanwalt, Richter, Deutschbanker (die alles hinterher besser gewusst haben), geprellte Handwerker. Dazu sprudeln die TV-Geräte die Nachrichten jener Jahre heraus. Der Erzählfluss stockt, weil die Kommentatoren alle zu Wort kommen müssen.

Vieles, was man gerade gesehen hat, wird nochmals erklärt. Das Skandalon des Betruges verliert sich, weil der Film keine Haltung zu Schneider entwickelt. Ist er nur Schuft? Hat er Robin-Hood-hafte Züge? Hat er vor der Geschichte gar Verdienste, etwa die Leipziger Innenstadt vor späteren Investorenstürmen bewahrt zu haben? Man ermüdet schnell. Schiere und nicht gestaltete Fülle der Fakten ist Gegenteil einer eindringlichen Geschichte.

Ins schwarze Herz des Kapitalismus dringt „Der Aufschneider“ nicht vor. Die Einheit von Ethik und Wirtschaft existiert nur in den Lore-Romanen der Sonntagsreden. In jeder Investition steckt Gewalt und produktive Zerstörung. Geld ist immer Wette auf Zukunft. Sie unterliegt dem Risiko. Glaube ist stärker als Wahrheit. Die Dokumentation ist nur der Abbildung verpflichtet, nicht einem Weiterdenken. Das macht sie harmlos.

Der Darsteller der Schneider-Rolle, Reiner Schöne, lässt vornehmen Wahnsinn durchschimmern. Die Auftritte in Pilcher-Stücken haben ihn gelehrt, nervöse Gentleman-Versteinerung herüberzubringen. Das passt: Für das Herunterreißen von Charaktermasken lässt sich die Doku ja leider keine Zeit. Was allerdings seiner Partnerin Gesine Cukrowski zugemutet wird, ist unter Niveau: Sie hat wie bei den Hesselbachs hessisch zu babbeln: „Ich find’ das alles wirklisch sehr aufregend.“ Der Zuschauer eher nicht.

„Der Auf-Schneider“, Montag, ARD, 20 Uhr 15

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