Doku über deutsch-französischen Krieg : Weit ist es nach Berlin

Eine Arte-Dokumentation blickt auf den großen folgenreichen deutsch-französischen Bruderkrieg.

Manfred Riepe
lm Quartier. Eine Gruppe von württembergischen Offizieren nach dem Waffenstillstand vom 28. Januar 1871.
lm Quartier. Eine Gruppe von württembergischen Offizieren nach dem Waffenstillstand vom 28. Januar 1871.Foto: arte

Der Krieg von 1870/71 scheint aus heutiger Sicht nur eine Eintrag in Geschichtsbüchern zu sein. Dabei wurzelt in diesem deutsch-französischen Gemetzel bereits der Keim für die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Eine aufwendige Arte-Dokumentation rekonstruiert den Bruderkrieg aus drei unterschiedlichen Perspektiven. Der dreiteilige Dokumentarfilm von Hermann Pölking-Eiken und Linn Sackarnds basiert auf einer gleichnamigen Buchpublikation, die dieser Tage erscheint.

Ihr aufwendig recherchierter Rückblick auf den deutsch-französischen Krieg stützt sich unter anderem auf die Schilderungen von William Howard Russell. Der irische Journalist, berühmt durch seine Reportagen aus Krisengebieten, gilt als einer der ersten modernen Kriegsberichterstatter.

Auf Augenhöhe begleitete er den preußischen Feldzug und beobachtete dabei minuziös, „wie die Macht des Kaiserreichs in Atome zermahlen wurde“. Unter anderem schildert Russel, wie man bei französischen Kriegsgefangenen Wörterbücher fand, die ausschließlich für den rechtsrheinischen Gebrauch ausgelegt waren. Dokumentiert sind Eintragungen wie „Wie weit ist es nach Berlin?“ oder „Bringe er Brot, Wein und Geflügel“.

Der Krieg brach aus, weil Otto von Bismarck Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen dazu drängte, sich zum spanischen König ernennen zu lassen. In diesem Szenario wähnte Napoleon III. sich von deutschen Mächten umzingelt. Mit seinem Einlenken schien Bismarck die Krise zunächst abwenden zu wollen. Der französische Kaiser forderte jedoch, Preußen solle grundsätzlich auf die spanische Krone verzichten.

Mit diesem diplomatischen Fauxpas spielte er Bismarcks Kriegsplänen in die Hände. Preußen, ein militaristischer Staat, suchte nur einen Vorwand, um in einen provozierten Krieg zu ziehen. Der damit eintretende Bündnisfall führte nämlich zur lange ersehnten Vereinigung der zersplitterten deutschen Staaten. Es ging um die Gründung jenes Deutschen Reiches, von dem später so viel Unheil ausgehen sollte.

Wer genug Geld hatte, musste auch in diesen Zeiten nicht hungern

Aus der Sicht von Paul Bronsart von Schellendorff, Mitglied des Großen Generalstabs der Preußen, zeichnet die Dokumentation nach, wie die schlecht organisierten französischen Streitkräfte von einer hochgerüsteten deutschen Militärmaschinerie überrannt wurden. Der Krieg von 1870/71 war der erste, der von industrieller Logistik und modernen Waffentechnik entschieden wurde. Die französische Kavallerie, reitende Männer mit gezückten Säbeln, wurden von deutscher Artillerie in Stücke gerissen. „Und das alles inmitten unvorstellbaren Lärms.“

Mit der Kapitulation Napoleon III. war der Krieg nicht zu Ende. Parlamentarier entmachteten den Kaiser, proklamierten die Republik und gaben eine Durchhalteparole aus. Daraufhin belagerten deutsche Truppen Paris monatelang. Aus der Sicht von Geneviève Bréton, einer 20-Jährigen aus der intellektuellen Großbourgeoisie, schildert der Film das Leid der Menschen in der eingekesselten Metropole.

Wer genug Geld hatte, musste auch in diesen Zeiten nicht hungern. Auf den Menükarten der Haute Cuisine fanden sich zubereitete Elefanten, deren Fleisch man aus dem Pariser Zoo bezog.

Tagebucheintragungen, historische Fotografien, Experteninterviews und eine Erzählerstimme fügen sich mosaikhaft zum vielstimmigen Panorama einer militärischen Auseinandersetzung, die Europas Landkarte vor 150 Jahren nachhaltig veränderte („Der Bruderkrieg - Deutsche und Franzosen 1870/71“, drei Teile, Dienstag. 18. August, Arte, ab 20 Uhr 15). Der Krieg legte die Saat für eine Erbfeindschaft, die das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen für drei Generationen vergiften sollte.

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