Doku über Profi-Camp der Spielergewerkschaft : Abrackern fürs große Spiel

Die Nitro-Doku „FC Arbeitslos“ zeigt die Schattenseiten des Profi-Fußballs - in sechs Folgen.

Die Coachs des „FC Arbeitslos“: Peter Neururer (rechts) und Co-Trainer Frank Heinemann bringen die vereinslosen Spieler auf Trab.
Die Coachs des „FC Arbeitslos“: Peter Neururer (rechts) und Co-Trainer Frank Heinemann bringen die vereinslosen Spieler auf Trab.Foto: RTL/Frank W. Hempe

Bandscheibenvorfall, eine OP, immer noch Taubheit in der Fußsohle – es ist eigentlich undenkbar, dass Enis Alushi nochmals Profifußball spielt, wie einst beim 1. FC Nürnberg. Der 32-Jährige, der schon sechs Länderspiele für den Kosovo bestritt, schuftet in der Reha an seinem Comeback. Er ist Gast im Profi-Camp der Spielergewerkschaft VDV – und Protagonist der sechsteiligen Doku-Reportage „FC Arbeitslos – zurück ins große Spiel“. Der Sender Nitro liefert damit einen starken Kontrast zu den Hochglanzfußballbildern von Bundesliga oder Champions League, Woche für Woche. Wer denkt schon beim Anblick der rund 720 Bundesligaprofis von Erster und Zweiter Liga daran, dass Hunderte von ambitionierten Fußballspielern keinen Vertrag haben, trotz allen Drängens, Trainierens und Arbeitens?

Peter Neururer ist auch so einer, der es lange nicht mehr zum  Trainer eines Profivereins geschafft hat. Irgendwie hat man ihn, sonst gerne Gast beim Fußball-Stammtisch auf Sport 1, hier im Fernsehen erwartet, als schnell und gerne sprechenden VDV-Trainer. Er muss die Spieler in dem Camp, die derzeit vereinslos sind, fit halten, brüllt zusammen mit Co-Trainer Frank Heinemann Kommandos übers Feld. Die Doku hat die Gruppe im Sommer 2018 sowohl beim Training, bei Testspielen vor Vereinsscouts und privat mit ihren Familien begleitet.

Nicht-Aufgeben, Hoffnung, Existenzängste

Es geht um Schein und Sein, um Leidenschaft, um Nicht-Aufgeben, Hoffnung, Existenzängste, manchmal auch um gefährliche Illusionen. Die Spieler müssen heraus aus ihrer Blase, sagt Spielerberater Stefan Brasas, früher Torwart bei Werder Bremen. Das VDV-Camp sei ein Schaufenster. Profis verdienen Millionen. Heruntergefallen in die Dritte oder gar Vierte Liga müssten sie mit 3000 Euro netto im Monat auskommen, von Arbeitslosigkeit ganz zu schweigen. Man würde als Zuschauer vielleicht gerne wissen, was der Spielerberater verdient, aber das passt wohl nicht hierher.

Enis Alushi ist 32, ein recht hohes Alter, um überhaupt noch ins Profigeschäft zurückzukehren. Macht er sich falsche Hoffnungen? „Manchen muss man es sagen, es macht vielleicht bei dir keinen Sinn mehr“, sagt Carsten Ramelow, Ex-Profi bei Bayer Leverkusen und Vizepräsident des VDV. Das könnte auch für Dominik Schütz, 32, gelten. Der Torwart, bereits zum vierten Mal im Camp, seit drei Jahren ohne Verein, schwitzt auf dem Laufband. Belastungs-EKG, Verausgabung, Leistungsdiagnostik. Schütz gibt sich danach erstaunlich unbeirrbar und reflektiert. „Es ist ein Kampf gegen mich selbst.“

Der Name Manuel Neuer fällt. Im Fußball gebe es entweder Talent oder Arbeit. Er halte an seinem Traum fest. Ob er einen Plan B habe? „Ja, aber darüber zu reden, würde mir zu viel Energie rauben.“ Eines stehe für ihn fest: Unterklassig soll es nicht mehr sein, wenn er es in diesem Jahr nicht mit einem neuen Profiverein schafft, gibt er den Plan A auf. Andere machen sich da mehr Hoffnungen, wollen so viel Bedenken wie Dominik Schütz gar nicht erst an sich heranlassen. „Mein größter Traum ist es, bei Schalke 04 aufzulaufen“, sagt Tim Stappmann, 19, Innenverteidiger, ebenso kämpferisch wie Torwart Niclas Kühn, 19, letzter Verein Dynamo Dresden.

Der Mann muss spielen

Derweil drischt Enis Alushi draußen die Bälle ins Netz, grätscht, jubelt. Viel kindliches Vergnügen, es ist sein erstes Rasentraining nach der OP. Man spürt es förmlich: Der Mann muss spielen. Und man sieht: Vorher lernen all diese Spieler geduldig in diesem Camp, sich bei der Arbeitsagentur zu melden.

Eben noch im Rampenlicht, jetzt arbeitslos – die Schattenseite von Ruhm und Reichtum. Ein gelungener Versuch des RTL-Senders Nitro, hinter die Kulissen des Profifußballs zu schauen, getragen von zuweilen erstaunlichen Einsichten der Spieler und vom Warmupper Peter Neururer. Als die erste Folge der Reportagereihe fast vorbei ist, klingelt beim VDV-Trainer auf dem Trainingsplatz das Handy. Er wendet sich ab. Doch mal ein neuer Verein für ihn, oder eine Einladung zum Fußball-Stammtisch?

„FC Arbeitslos – zurück ins große Spiel“, ab Montag, 29. 10., RTL Nitro, 21 Uhr 15, sechs Folgen

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