Doku über Schmalfilme aus der NS-Zeit : Kamera läuft, Moral erblindet

Glaube-und-Schönheit-Getänzel, Mädelblusen, strammer HJ-Eifer: Eine ernüchternde ZDF-Doku über die Schmalfilmerei in der NS-Zeit.

Nikolaus von Festenberg
Deutschland privat 1939. Ein Hobbyfilmer aus Berlin-Schöneberg hält den Besuch seines Sohnes vom Reichsarbeitsdienst fest, die Mutter bewundert die NS-Uniform.
Deutschland privat 1939. Ein Hobbyfilmer aus Berlin-Schöneberg hält den Besuch seines Sohnes vom Reichsarbeitsdienst fest, die...Foto: ZDF und AKH

Beklommen erinnert sich der ältere Mensch an den gefürchteten Abend mit Dias und Schmalfilmen: War das nun Pisa, wo der alte Onkel mit dem Strohhut winkt, oder war das woanders? Als die Videokamera Schmalfilm und Dia liquidierte, wurde es nicht besser, nur seltener. Es muss schon der Schatten der schrecklichen deutschen Geschichte auf die privaten Bildschnitzel fallen, und es müssen Experten weise Worte sprechen, damit wir uns aus Anlass des 80. Jahrestages des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs dem Beitrag „Wir im Krieg. Privatfilme aus der NS-Zeit“ zuwenden, um zu sehen, was Experten wie der Autor der ZDF-Sendung, Jörg Müllner, auf Dachböden, in Kellern und diversen Archiven, in Sammlungen von Familien oder Einzelpersonen gefunden haben.

Vorweg: Widerstand ist nicht zu sehen. Der Leiter der Redaktion Zeitgeschichte, Stefan Brauburger, hat recht: „Es sind aufschlussreiche Einblicke in jene Zeit, die auch vor Augen führen, wie selbstverständlich sich viele Menschen in den Alltag des NS-Regimes einfügten.“ Würde nicht der Erklärtext einsetzen, man würde wie einst zur Erdnuss greifen, wenn man sieht, wie das frisch vermählte Ehepaar Höse aus Leipzig im August 1939 in den letzten Tagen vor Kriegsbeginn die Oder hinabpaddelt.

Aber der Sprecher sagt etwas von letzten Bildern auf 16mm-Farbfilm aus dem noch unzerstörten Breslau und Stettin und weist darauf hin, dass Höses an dem zum Lazarettschiff umgebauten Urlaubsdampfer „Stuttgart“ nichtsahnend vorbeifahren. Es steht für den Überfall auf Polen bereit.

Die Historikerin Isabel Heinemann kommentiert: „Das ist eine Paradoxie, inmitten der anlaufenden Kriegsvorbereitungen trotz allem am privaten Glück festzuhalten. Man hofft ja auch immer, dass es gut ausgeht.“ Ja, es soll gut gehen, selbst wenn es schrecklich läuft.

Wer es sich leisten kann, das aufkommende Medium Schmalfilm zu nutzen – ein teurer Spaß, kosten doch zehn Minuten des seit 1936 verfügbaren farbigen Materials 250 Mark (ein Arbeiter verdient in jener Zeit 150 Mark im Monat) –, der bildet gerne alles ab, was die Welt bietet. Der meint, das Medium Farbfilm stehe für eine optimistische Weltsicht. Der will keine Unmoral anprangern. Der lässt es surren, wenn die Welt neu gemacht wird.

Eine Filmaufnahme war es wert

Zu sehen ist das Bündnis von privatem Voyeurismus und entfesselter Propaganda, das die Filmerei zur Affirmation der Diktatur macht, ohne dass die Pioniere mit der privaten Kamera es begreifen. Viele denken genauso wie Hitlers Leute.

Die Macher der Sendung blättern die ganze Breite des Heimkinos auf: Familienidyllen, Hakenkreuzfahnen und Aufmärsche, Volksfeste und SA-Paraden, Glaube-und-Schönheit-Getänzel, Mädelblusen, strammer HJ-Eifer, Panzer zum Spielen unterm Weihnachtsbaum oder zum Klettern für Kinder.

Am gespenstischsten wirkt die naive Kamerabegeisterung, wenn Hobbyfilmer Antisemitismusszenen wie das versuchte Plündern eines jüdischen Tabakladens durch Schüler, brennende Synagogen, karnevalistische Erniedrigungen der rassisch Diskriminierten aufs private Zelluloid bannen. Nichts mehr zu spüren von der Höflichkeit der privaten Familienfeiern, dem Rausch der Farben, dem schwülen Bündnis von weiblicher Schönheit und nazigewollter Fruchtbarkeit.

Wer nicht hören will, sagen die Bilder der Verfolger von den Verfolgten, muss fühlen. Tut uns vielleicht leid, es gehört nun mal zur Volksgemeinschaft und ist doch irgendwie manchmal auch komisch, wie die hakennasigen Judenkarikaturen auf den Karnevalswagen zur Erheiterung dem Jeckenvolk vorgeführt werden. Die Kamera läuft, die Moral erblindet.

Manchmal wird die Schmalfilmkamera zum historischen Beweismittel. Der Amateurfilmer Reinhard Wiener nahm seine Kamera mit in den Krieg und filmte, wie Mitglieder einer Einsatzgruppe und lettische Kollaborateure in den Dünen Juden erschießen: Aufnahmen nicht aus Protest, sondern aus Gewohnheit, bei allem dabei zu sein, was man nicht ändern konnte oder wollte.

Eine Filmaufnahme war es wert: wie der junge Götz aus Leipzig seine Kuscheltiere aufhängt und sie verbrennt. Er will kein Kind mehr sein, er wird zum Einsatz gezogen. Er wird später als Soldat die Zerstörung Warschaus filmen. Wird der Funkaufklärer je moralisch begreifen, was er da aufnimmt?

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„Wir im Krieg. Privatfilme aus der NS-Zeit“, ZDF, Dienstag, 20 Uhr 15