Dokudrama "Brecht" : Genie zwischen Frauen und Fronten

„Brecht“: Zu Heinrich Breloers zweiteiligem Dokudrama in Arte und ARD über den Jahrhundertdichter B.B.

Moskau, Swerdlow-Saal des Kreml, 15. Mai 1955. Bertolt Brecht (Burghart Klaußner, links) bedankt sich, dass er den Stalin-Preis verliehen bekommen hat. Helene Weigel, seine Frau (Adele Neuhauser), kommt ohne Begeisterung aus.
Moskau, Swerdlow-Saal des Kreml, 15. Mai 1955. Bertolt Brecht (Burghart Klaußner, links) bedankt sich, dass er den Stalin-Preis...Foto: WDR/Nik Konietzny

Einem Protagonisten, der sonst womöglich übersehen wird, gebührt hier gleich zu Anfang ein Lorbeer. Denn der Szenenbildner Christoph Kanter hat für Heinrich Breloers nach der Berlinale-Kinopremiere nunmehr bei Arte und dann in der ARD anlaufenden Fernseh-Zweiteiler „Brecht“ ganz fabelhaft gewerkelt.

So ist in den Prager Barrandov Studios vieles maßstabgetreu nach Fotografien und Dokumenten rekonstruiert worden: Bert Brechts Mansarde im Augsburger Elternhaus oder die berühmte Atelierwohnung in der Berlin-Wilmersdorfer Spichernstraße 16, wo der Dramatiker mit seiner Geliebten und Co-Autorin Elisabeth Hauptmann die 1928 uraufgeführte „Dreigroschenoper“ schrieb. Und selbst die als Museumsort an der Berliner Chausseestraße zu besichtigende letzte Wohnung Brechts und seiner Frau Helene Weigel ist in Prag mit allen Ausstattungsdetails als Duplikat akribisch neu erstanden.

Irgendwie fehlen für das Reenactment eines Jahrhundertlebens wie dem von Bertolt Brecht (1898 – 1956) als Akteure nur noch die Avatare. Sie werden vermutlich die Hauptdarsteller oder genauer: Hauptnachsteller zukünftiger Dokudramen sein. Bislang aber sind die Regisseure und Drehbuchautoren noch die primären Nachsteller, und ein Altmeister des filmbiografischen Hybrids aus historischem Originalmaterial und Retrofiktion ist natürlich Heinrich Breloer („Die Manns“, „Speer und er“).

Tom Schilling als junger Brecht

Folglich konkurrieren auch in „Brecht“ noch immer die leibhaftigen Darsteller dank Maske und eigener Spielkunst um Ähnlichkeiten und Glaubwürdigkeit im Vergleich zu den mehr oder weniger bekannten Vorbildern. Tom Schilling, der zuletzt in Florian Henckel von Donnersmarcks Künstlerfilm „Werk ohne Autor“ eine Kino-Version des Malers Gerhart Richter gab, hat als junger Brecht durchaus etwas vom spröden Charme des um frühen Dichterruhm und schnell wechselnde Liebesaffairen genial besorgten Aufsteigers – und Aufschneiders. Dabei singt er zur Klampfe sogar noch viel melodischer als es B. B. (nach originalen Tondokumenten zu urteilen) selber einst tat.

Doch Schillings Brecht-Figur aus der Zeit vor 1933 fehlt trotz Kurzhaarfrisur, Zigarren, flotter Halstücher, Lederjacke und Kabrio die wichtige Schärfe. Er spielt den spitzig Naseweisen, vorwitzige Altklugheit, indes ohne den brennenden Ehrgeiz, das Lodernde. Ohne den jähen Wechsel von Hitze und Kälte, wenn es um Dichtung, Damen oder erste Dramen geht. Auch die Wendung zum Politischen und die Schatten des Faschismus Ende der Zwanziger Jahre bleiben eher blass bei Schilling und überhaupt im ersten Teil von Breloers „Brecht“.

Exiljahre nur sehr knapp behandelt

Den Witz und die List der Titelfigur hat in den schmalen, immer wachen Augen, im dünnlippigen Tonfall, in jeder mal minimalen, mal aufbrausenden Geste dann Burghart Klaußner als Nachkriegs-Brecht in der zweiten Folge. Weggelassen oder nur andeutungsweise nachmemoriert sind allerdings Brechts und Helene Weigels Exiljahre während der Hitlerzeit. Es hätte dafür insgesamt eines Dreiteilers bedurft, doch Breloer bekam leider nicht das nötige Sendergeld.

Natürlich spielen im zweiten Teil die Jahre von 1948 bis zu Brechts Tod 1956 in Ost-Berlin die wesentliche Rolle. Also der Aufbau des Berliner Ensembles, Brechts späte Karriere als Regisseur nicht nur der eigenen Texte. Glanzstücke sind die auf Grund von Originaldokumenten nachgespielten Wortwechsel und Schlagfertigkeiten Brechts auf den Theaterproben, die sich aus Burghart Klaußners Mund mitsamt seiner Mimik selbst wie Originale anhören und ansehen lassen.

Gut besetzt sind in Nebenrollen auch Mala Emde und Friederike Bech als Brechts Jugendlieben, Ernst Stötzner als lebenslanger Freund und Bühnenbildner Caspar Neher oder Trine Dyrholm als Muse, Mätresse und Mitarbeiterin Ruth Berlau. Überhaupt ist „Brecht“ im Ganzen viel gelungener als etwa Breloers grotesk überschätzter Schmachtfetzen über „Die Manns“ aus dem Jahr 2001. Das verdankt sich neben Klaußner und einigen interessanten alten wie neuen Interviews – mit Brechts 1989 in Augsburg verstorbener Frühliebe Paula Banholzer oder mit einer Spätliebe, der jetzt 90-jährigen Schweizer Schauspielerin Regine Lutz – vor allem dem Ladykracher Adele Neuhauser. Die im Fernsehen bisher vornehmlich als Wiener „Tatort“–Kommissarin Bibi Fellner bekannte Österreicherin ist hier bis in die physiognomische Ähnlichkeit als Helene Weigel, gleichfalls eine gebürtige Wienerin, schon ganz ohne Maske eine schauspielerische Wucht.

Verbindung von Poesie und Politik fehlt

Dennoch fehlt diesem ganzen Annäherungsversuch an den Kosmos Brecht ein Kernmotiv – über die reichlich ausgewalzte amouröse Unzuverlässigkeit des Titelhelden hinaus. Trotz aller bemühter Darstellung etwa der Ereignisse des 17. Junis 1953 in Ost-Berlin oder Brechts Erschrecken über Chrustschows „Geheimrede“ 1956 mit der Benennung von Stalins Unrechtsregime: Breloer schafft nicht die existenzielle Verbindung von Poesie und Politik. Brecht hatte ja schon in den 30er Jahren wider besseres Wissen die Moskauer Schauprozesse verteidigt. Und seine Freundin Carola Neher, die Polly seines und G. W. Pabsts „Dreigroschenoper“-Films von 1931, sie kommt als später im Gulag umgekommene Schlüsselfigur in diesem „Brecht“ überhaupt nicht vor.

Kurz vor seinem Tod, nachdem er in Moskau noch den Stalin–Preis angenommen hatte, arbeitete Brecht an der BE-Premiere seines „Galileo Galilei“. Darin geht es um das Ethos des Forschers Galilei, der unter Androhung der Inquisition sein besseres Wissen widerruft, aber die Wissenschaft heimlich weiter betreibt. Besser mit befleckten Händen dastehen, als mit leeren, ist Brechts Stückbotschaft. In einem der von Breloer eingestreuten Interviews sagt dazu B. K. Tragelehn, der Berliner Regisseur und frühe Assistent am BE: Eigentlich handelte Brechts „Galilei“ von ihm selbst.

Genau dieses Kippspiel zwischen eigener Moral und taktischer Feigheit, zwischen Treue, Ethos und Verrat hätte für Breloer der Anker im Meer der Motive sein können. So werden am Ende nur die Totenmasken Brechts zerschlagen und die einst in Brecht verliebte Schauspielerin Regine Lutz sagt sehr schön: „Er hat mich gekannt, und zwar sehr gut. – Ihn erkennen konnte man nicht.“

„Brecht“, beide Teile bei Arte am 22. und in der ARD am 27. März jeweils um 20 Uhr 15 Uhr. Heinrich Breloers „Brecht. Roman seines Lebens“ ist als Buch bei Kiepenheuer & Witsch erschienen , 528 Seiten, 22,99 Euro.