Dokudrama "Die Aldi-Brüder" : Kein Tanz mit dem Teufel

Raymond Leys Dokudrama „Die Aldi-Brüder“ konzentriert sich auf Theo Albrechts Entführung. Die Rekonstruktion ist detailgetreu, bietet aber keinen Nervenkitzel.

Entführt: Theo Albrecht (Arnd Klawitter, mit gefesselten Händen).
Entführt: Theo Albrecht (Arnd Klawitter, mit gefesselten Händen).Foto: WDR/Kai Schulz

Wenn sich Filme mit zeitgeschichtlichen Ereignissen befassen, hat das in der Regel auch mit der Gegenwart zu tun. „Lehman. Gier frisst Herz“ zum Beispiel, ein erst vor wenigen Wochen ausgestrahltes Dokudrama von Raymond Ley, erzählte die Vorgeschichte der globalen Finanzkrise, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind. Einen entsprechenden Bezug bleibt Leys jüngster Film, „Die Aldi-Brüder“, schuldig. Es gibt keine Berührungspunkte mit dem Schicksal von Theo Albrecht, der 1971 in Essen entführt und nach 17 Tagen gegen die Zahlung von sieben Millionen Mark Lösegeld wieder freigelassen worden ist.

Natürlich kann man so eine Geschichte auch Jahrzehnte später noch erzählen; Peter Keglevic und Rainer Berg haben zum Beispiel aus der Entführung Richard Oetkers (1976) einen packenden Thriller gemacht („Der Tanz mit dem Teufel“, Sat 1 2001). Ley ist jedoch kein Regisseur, dem an vordergründiger Spannung liegt. Sein Metier ist die Geschichtsschreibung mit anderen Mitteln, zur Perfektion gebracht in „Eine mörderische Entscheidung“ (über den Luftangriff in Kundus, Grimme-Preis 2014). Kaum jemand versteht es so vortrefflich wie er, dokumentarische Elemente mit Spielszenen zu kombinieren und daraus einen ganz eigenen Reiz zu beziehen.

Schon bei „Lehman“ hat das erstmals nur bedingt funktioniert, weil der Film ausgerechnet bei den Spielszenen, sonst Leys große Stärke, gewisse Schwächen hatte. Zumindest in dieser Hinsicht kann der Aldi-Film dank Christoph Bach und Arnd Klawitter überzeugen, auch wenn es etwas irritiert, dass der jüngere Bach den älteren Bruder Karl spielt. Entscheidender als so ein Detail ist jedoch eine Zuschauerfrage, der sich jeder Film stellen muss: „Warum soll ich mir das ansehen?“

Distanz zu den Figuren

Leys Rekonstruktion der Entführung ist sicherlich detailgetreu. Nervenkitzel im herkömmlichen Krimisinn kommt jedoch in keinem Moment auf. Das liegt nicht nur an der Inszenierung, sondern vor allem an der Distanz zu den Figuren; das war schon ein Problem bei „Lehman“ (Drehbuch hier wie dort: Dirk Eisfeld, diesmal gemeinsam mit Hannah und Raymond Ley).

Der Film nutzt die Entführung als Rahmen, um den Aufstieg der Albrechts zu Deutschlands größtem Discounter zu schildern (Aldi steht für Albrecht-Diskont). Das ist phasenweise sogar spannender als die Rahmenhandlung, weil es Ley gut gelingt, die Firmenphilosophie mit Hilfe entsprechender Spielszenen sowie Gesprächen mit ehemaligen Aldi-Managern zu vermitteln. Was zu kurz kommt, ist die zunehmende Entfremdung zwischen den Brüdern. Der expandierfreudige Karl spricht irgendwann davon, dass er seinen Bruder als Bremser empfinde, weshalb er schließlich die Aufteilung des Unternehmens in Nord und Süd vorschlägt.

Wirklich sehenswert ist vor allem der Kern des Films, weil die Gespräche zwischen den Entführern (Peter Kurth, Ronald Kukulies) und ihrem Opfer dank kammerspielartiger Intensität einen ganz eigenen Reiz entwickeln. Im Vergleich zu Leys früheren Werken ist „Die Aldi-Brüder“ dennoch nicht nur wegen des sichtbar niedrigeren Budgets ein kleiner Film, in dem auch Zeitkolorit keine große Rolle spielt. Tilmann P. Gangloff

„Die Aldi-Brüder“, Montag, 20 Uhr 15, ARD

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