Ein Moderator und sein Quiz : Hereinspaziert! 20 Jahre „Wer wird Millionär?“

Mit einer Quizshow kann das Fernsehen schier nichts falsch machen – wenn die Dramaturgie stimmt und der Moderator Günther Jauch heißt.

Norbert Schneider
Jubel allerorten. Wenn ein Kandidat bei der RTL-Show „Wer wird Millionär?“ einen ordentlichen Betrag abräumt, dann ist Moderator Günther Jauch (rechts) der Erste, der sich darüber freut. RTL strahlt die Jubiläumssendung am Montag um 20 Uhr 15 aus.
Jubel allerorten. Wenn ein Kandidat bei der RTL-Show „Wer wird Millionär?“ einen ordentlichen Betrag abräumt, dann ist Moderator...Foto: RTL

Norbert Schneider war Fernsehdirektor des Senders Freies Berlin und Direktor der Landesanstalt für Medien NRW.

Am 4. September 1989 strahlte der englische Fernsehsender ITV 1 die Quizshow „Who Wants to Be a Millionaire?“ aus. Mit großem Erfolg. Die Rechte an diesem Format wurden inzwischen in über hundert Länder verkauft, unter anderem an RTL. Unter dem Titel „Wer wird Millionär?“ begann das Ratespiel auf Deutsch am 3.September 1999, vor nun ziemlich genau zwanzig Jahren, seine beeindruckende Karriere.

Das ist eine auffällig lange Zeit für ein Programm eines Privatsenders. Doch der Grund ist einfach. Die Show erwies sich von Anfang an und erweist sich heute noch immer als aus besonders hartem Quotenholz geschnitzt. Inzwischen gehört sie zu den fünf ältesten und bis heute erfolgreichsten RTL-Formaten.

Zwar ist die Zeit vorbei, in der es eine Ausgabe auf 40 Prozent Marktanteil bringen konnte. Heute sind es zwischen zwölf und 15 Prozent, das sind zwischen vier und fünf Millionen Zuschauer. Und für RTL ist inzwischen alles, was zweistellig ist, ein Erfolg.

Was macht die Beliebtheit solcher Ratespiele beim Publikum aus? Wie kommt es, dass sie seit den frühen Tagen des Fernsehens für große Unterhaltung und großes Publikum sorgen? Man denke nur an „Alles oder nichts“. Bis heute belegt die Show, die der Bayerische Rundfunk von 1958 bis 1988 mit Max Schautzer als letztem Gastgeber produziert hat, unangefochten Platz 1.

Ähnlich lang konnte man dem lakonisch witzigen Robert Lembke bei „Was bin ich?“ zwischen 1958 und 1989 (mit Unterbrechungen) zuschauen. „Der Große Preis“ mit Wim Thoelke brachte es im ZDF auf insgesamt 21 Jahre. „Einer wird gewinnen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff war, mit Pausen, 16 Jahre auf dem Schirm. Von „Wünsch dir was!“ mit Vivi Bach und Dietmar Schönherr gab es zwischen 1969 und 1972 immerhin 24 Folgen, und von „Rate mal mit Rosenthal“ zwischen 1975 und 1986 sogar 85.

Was macht diese Shows so langlebig? Wohl kaum nur der Umstand, dass die Produktionskosten übersichtlich sind.

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Wesentlich sind ihre Köpfe, die Moderatoren, die allesamt sehr populär wurden (falls sie es nicht vorher schon waren), denen man bei der Arbeit gerne zu- und auf der Straße nachschaute, und denen alles Marktschreierische, alles Schräge und Schrille, auf Aufmerksamkeit schielende, fremd war. Sie haben das Rad nicht in jeder Sendung neu erfinden müssen. Innovativ ist an diesen Quizshows nichts.

Bei „Wer wird Millionär?“ gehört es sogar zu den Besonderheiten des Lizenzvertrages, dass die Sendungen in den verschiedenen Ländern mehr oder weniger gleich auszusehen haben, das Studio, die Einspielungen von Musik, die Fahrten der Kamera oder auch das Licht. Das macht diese Show zu einer „Marke“ mit dem immer gleichen, wiedererkennbaren, vertrauten Kern. Bis auf die Gewinner ist schier alles berechenbar, vorhersehbar, solide und unkompliziert. Nicht zu heiß und nicht zu kalt. Angenehm mittelwertig und mittelständisch. Quizshows sind genau von dem Wasser, in dem Leitmedien am liebsten schwimmen.

Der Titel öffnet die Tür zum Publikum

Bei „Wer wird Millionär?“ beginnt die Spur zum Erfolg bereits beim Titel. Er ist knapp und sitzt. Man kann und man möchte sich, indem man ihn spricht, etwas vorstellen. Zwar etwas, was unerreichbar weit weg erscheint, aber doch möglich wäre. Der Titel sagt knapp und verständlich, ähnlich wie „Tatort“ oder „Verstehen Sie Spaß?“, worum es geht. In der englischen Version übrigens noch eine Spur genauer.

Er erinnert an den Mann, der vor dem Zirkuszelt steht und ruft: „Hereinspaziert, Herrschaften! Immer hereinspaziert!“ Der Titel öffnet die Tür zum Publikum. Er steht für Inklusion und blamiert ganz nebenbei auch die phantasielosen Titelverächter, denen es offenbar völlig egal ist, wie ihre Sendungen heißen.

So klar wie der Titel ist auch die Dramaturgie der Sendung: verständlich und unkompliziert. Jeder, der ein- oder zweimal zugeschaut hat, versteht die Regeln. Zu raten gibt es, was man im Zweifel auch wissen könnte: kaum Exotica, die man gar nicht wissen, die man nur raten kann (und die in den aktuellen Quizformaten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks dominieren).

Ein Merkmal dieser Sendung ist – was man auch bei langlaufenden Serien beobachten kann – eine Melange von immer wieder gleichen Abläufen und überraschenden Leistungen Einzelner, der Tempowechsel von Routine und Kontingenz, von Déja-vu und Überraschung.

Dass es sich, von ein paar Ausnahmen abgesehen, um ein Jedermanns-Format handelt, nicht zu verwechseln mit den Voyeurs-Formaten des Reality-TV, hängt auch mit dem Typ der Kandidaten zusammen, die sich auf das Spiel einlassen.

Es sind bis dahin völlig Unbekannte, Menschen wie Du und Ich, ehrgeizig und aufgeregt, verlegen oder forsch, nur für ein paar Minuten nicht mehr Jedermann, sondern im Rampenlicht eines Massenmediums: ein Star. Indem ich diesen Kandidaten beim Raten über die Schulter schaue, erwäge ich, was wohl wäre, wenn ich selbst da säße und mein Gedächtnis erforschen müsste. Und bin ziemlich sicher, dass ich das auch könnte. Vielleicht sogar noch besser.

Das Format vermeidet die Überanstrengung. Unter den Multiple-Choice-Antworten muss der Kandidat nur noch die richtige Wahl treffen. Es ist gewissermaßen eine passive Wahl. Und der Zuschauer am Fernseh-Bildschirm rät immer mit. Er wird damit zu einem Teil der Inszenierung.

Er unterdrückt jeden Anschein von Schadenfreude

Die Möglichkeit, sich dauernd zu vergleichen, und das erhebende Erlebnis, es manchmal auch besser gewusst zu haben, erhöhen die Spannung und das Vergnügen. Und falls man den Kandidaten unsympathisch findet, dann ist das kein Unglück. Man setzt einfach eine Runde aus. Oder man beobachtet inzwischen, wie geschickt der Quizmaster, der viel mehr ist als ein Schiedsrichter, die Fäden zieht.

Neben allen übrigen Stärken dieses Formats ist er es, in diesem Fall Günther Jauch, der mit einer Mischung aus ahnungsloser Unschuld und fröhlicher Verschlagenheit den Lauf der Dinge bestimmt, das Tempo verlangsamt oder anzieht. Er verordnet der Sendung die richtige Temperatur. Und weil Jauch über die Gabe verfügt, Menschen „aufzuschließen“, sie nicht zu blamieren, sondern zu stimulieren, erlebt man die Temperatur als angenehm.

Jauch ist zudem ein Meister des mehrdeutigen Hinweises, einer Tugend, mit der er es – in anderen Zeiten – in der Politik weit hätte bringen können. Er hilft den allermeisten Kandidaten und erliegt nicht der Versuchung, sie reinzulegen.

Er unterdrückt jeden Anschein von Schadenfreude. Wie die meisten Quizmaster vor ihm zeichnet ihn aus, dass er nicht polarisiert. Indem er nichts dazu tut, dass vor allem er gut aussieht, sieht er besonders gut aus.

Das verbindende Moment all dieser Merkmale ist, was schon die antike Rhetorik als Ziel formuliert hat: Es geht um das Publikum. Aristoteles beschreibt die Sache so: „Es basiert nämlich die Rede (und wir ersetzen Rede einfach durch Fernsehen) auf dreierlei: dem Redner, dem Gegenstand ... sowie jemandem, zu dem er redet, und seine Absicht zielt auf diesen – ich meine den Zuhörer.

Der Zuhörer ist nun notwendig einer, der die Rede genießt oder einer, der zu urteilen hat.“ Der Redner hat gewonnen, wenn er sein Publikum gewonnen hat.

Es ist die Adressierung des Publikums, die „Wer wird Millionär?“ noch nach zwanzig Jahren für das Fernsehpublikum attraktiv macht. Auch wenn das Publikum der ersten Stunde inzwischen gealtert ist – die Show ist jung geblieben. Indem das Publikum zuschauend dabei ist, stimuliert es, nicht als Aufgabe, sondern als Nebeneffekt, sozusagen als Beifang, die Quote.

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Die Kandidaten sind die Stellvertreter des großen Publikums, die dafür, dass sie schwer zu tun haben, für ihre Leistung am Ende materiell entschädigt werden. Und dann hat diese ganz spezielle Publikumssendung eben einen ganz speziellen Quizmaster, der bei dem Format „Wer wird Bundespräsident?“ im Falle einer Direktwahl die allerbesten Chancen hätte. Wir gratulieren.

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