Einsparungen bei rbbKultur : Zwischen Moll und Dur

Wie soll im Etat von rbbKultur eine Million Euro gespart werden? Diese Frage stellt sich am Mittwoch auch für den RBB-Rundfunkrat.

Verena Keysers ist Programmchefin von rbbKultur.
Verena Keysers ist Programmchefin von rbbKultur. Die Kulturwelle des Rundfunk Berlin-Brandenburg muss künftig mit weniger Geld...Foto: Gundula Krause/RBB

Für die offizielle Tagesordnung der 110. Sitzung des RBB-Rundfunkrates, der am Mittwoch in Berlin tagt, hat es nicht mehr gereicht. Doch der Protest gegen die Kürzungen bei der Radiowelle rbbKultur ist inzwischen so laut, dass das Kontrollgremium des Rundfunk Berlin-Brandenburg an diesem Nachmittag kaum an dem Thema vorbeikommen dürfte.

Die „Freien-Initiative rbbKultur“ hat sich mit einem Offenen Brief an RBB-Intendantin Patricia Schlesinger und mit Protestschreiben an den RBB-Rundfunkrat gegen die „radikale Kürzung im Hörfunk-Programm von rbbKultur“ gewendet. Der Knackpunkt ist für die Initiative die Höhe der Kürzungen von einer Million Euro jährlich, die in ihrer Wirkung viel höher ausfalle als die von der Intendanz genannten zehn Prozent.

Tatsächlich handele es sich um eine Einsparung von 20 Prozent, machen die Freien ihre eigene Rechnung auf. Sie beruht darauf, dass gut die Hälfte des Etats von insgesamt zehn Millionen Euro auf Personalkosten für die fest angestellten Mitarbeiter verwendet wird, sagt Franziska Walser von der Freien-Initiative. Eine Summe also, die sich nicht ohne Weiteres verringern lasse. Gespart werden könne somit nur bei der anderen Etat-Hälfte, also im Wesentlichen bei den Freien Mitarbeitern.

Wo und wie genau die Summe eingespart wird, steht allerdings noch nicht fest. Darüber soll vom September an ein „breit angelegter, transparenter Diskussionsprozess“ unter Führung von Wellenchefin Verena Keysers und RBB-Programmchef Jan Schulte-Kellinghaus geführt werden.

4000 journalistische Beiträge weniger?

Die Mitarbeiter befürchten nun, dass pro Jahr rund 4000 journalistische Beiträge entfallen könnten, bei denen es sich vor allem um tagesaktuelle Themen wie Kritiken, Vorberichte oder Diskurse handeln könnte. Was wird aus dem Bereichen Bildung, Religion und Zeitgeschichte oder Magazinen wie „Zeitpunkte“? Wird es weniger Berichte aus der freien Kulturszene geben? Werden die tagesaktuellen Themen in Wortinseln am Vor- und Nachmittag gebündelt und wird gleichzeitig das Mittagsprogramm ausgedünnt? Oder nimmt der senderübergreifende Austausch von Beiträgen weiter zu? Befürchtungen gibt es viele.

Schlesinger widerspricht in ihrer Antwort auf den Offenen Brief, dass die Kürzungen den Programmauftrag gefährden. Auch mit neun Millionen jährlich für rbbKultur im Radio „kann das Kulturleben dieser Region adäquat abgebildet werden“, schreibt sie. rbbKultur soll im Radio so erfolgreich werden wie das rbbKultur-Magazin im TV, sagte Intendantin Patricia Schlesinger dem Tagesspiegel im Interview.

In der Debatte um die zukünftige Ausrichtung von rbbKultur gibt es durchaus unterschiedliche Standpunkte. Rundfunkratsmitglied Bernd Lammel, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes Berlin, hat keine grundsätzlichen Einwände gegen Einsparungen. Im Gleichgewicht der RBB-Wellen sei rbbKultur tatsächlich ein überaus gut ausgestattetes Programm. Es sei wenig sinnvoll, „alte Strukturen um jeden Preis zu konservieren“, stattdessen müsse ein zukunftsfähiges Modell entwickelt werden, bei dem gleichzeitig Geld gespart und die Zuhörerzahl und die Akzeptanz der Kulturradios gesteigert wird. Dazu brauche es eine größere Offenheit für Veränderungen von Podcasts bis zu flexiblen Programmstrukturen, sagt der Gewerkschafter. Gute Ideen seien auf Seiten der Mitarbeiter, der Intendanz und der Programmverantwortlichen vorhanden. Vor allem aber gebe es eine gebildete und Kultur-interessierte Hörerschaft nicht nur in Berlin, sondern genauso in Brandenburg, die stärker berücksichtigt werden müsse – ebenso wie es verstärkt junge Kulturangebote brauche.

Hoffen auf die Baby-Boomer

Es sei jedoch schwer zu ertragen, wenn die Einsparungen auf dem Rücken der Freien passierten, sagt Lammel. Das müsse allerdings auch gar nicht so sein. Dadurch, dass in den nächsten Jahren viele Mitarbeiter aus der Baby-Boomer-Generation in den Ruhestand gehen, werden sechsstellige Beträge frei, die umgeschichtet werden könnten.

So kontrovers die Positionen sind, der Gesprächsfaden ist immerhin stark. Es gibt regelmäßige Treffen unter anderem der Freienvertretung mit rbbKultur-Wellenchefin Keysers. Für Freitag wurde den Mitarbeitern ein Gespräch mit Programmchef Schulte-Kellinghaus angeboten. Das Problem bestehe vielmehr darin, dass es keine Bewegung in den Argumenten gibt, wird beklagt. Möglicherweise kann der Rundfunkrat daran etwas ändern.

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