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„Eklatante Verletzung der Rundfunkfreiheit“ : WDR-Redakteure berufen Krisensitzung ein

WDR-Intendant Buhrow wird wegen „schlechten Krisenmanagements“ im Hinblick auf das „Umweltsau“-Video kritisiert. Am Sonntag kletterten Aktivisten aufs Funkhaus.

Weiter Unruhe beim WDR in Köln.
Weiter Unruhe beim WDR in Köln.Foto: dpa

„Umweltsau-Satire und kein Ende: Die Redakteursvertretung des WDR kritisiert Tom Buhrow und das „schlechte Krisenmanagement der Geschäftsleitung" im Hinblick auf das „Umweltsau-Video, so zitiert Stefan Niggemeier auf uebermedien.de aus einem Schreiben aus dem WDR-Intranet.

Das Gremium sei irritiert von der „eklatanten Verletzung der inneren Rundfunkfreiheit“.

Am Dienstag werde es dazu eine Redakteursversammlung geben, bestätigte am Samstag eine WDR-Sprecherin. Einlader sei die Redakteursvertretung. Intendant Tom Buhrow werde an der Veranstaltung teilnehmen.

Indes meldet sich Buhrow selbst nochmals im „Spiegel“-Interview zu Wort: „Man wird doch noch mal Entschuldigung sagen dürfen, ohne dass einem gleich Zensur vorgeworfen wird.

Der WDR habe Hunderte Anrufe von „Seniorinnen und Senioren und deren Enkel“ erhalten. Buhrow kommentiert weiter: „Wir können doch nicht einfach so tun, als ob es nicht zählt, wenn sich ein großer Teil unseres Publikums zu Unrecht angegriffen fühlt. Soll ich denen sagen: Sie sitzen einer rechten Instrumentalisierung auf, und Ihre Gefühle sind deshalb irrelevant?“

Proteste am Samstag in Köln

Buhrow rechtfertigt die Sperre außerdem damit, dass das Video nicht direkt als Satire gekennzeichnet gewesen sei. Niggemeier weist jedoch in seinem Blog darauf hin, dass das Lied seinen Ursprung bereits in der WDR5-Sendung „Satire Deluxe“ in einer kürzeren Version am 9. November hatte.

Die Sache treibt weiter um. Demonstranten von vorwiegend rechten Gruppierungen haben sich am Samstag vor dem WDR-Funkhaus in der Kölner Innenstadt versammelt. Ihr Protest richtete sich gegen Rundfunkgebühren und das satirische „Umweltsau“-Video von WDR2. Etwa 1500 Menschen demonstrierten gleichzeitig gegen die Kundgebung rechtspopulistischer und rechtsextremer Gruppen, wie das Kölner Bündnis gegen Rechts erklärte, das die Gegenveranstaltung organisiert hatte.

Laut Polizei wurde bis zum frühen Nachmittag ein Demonstrant vorläufig in Gewahrsam genommen. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen zwischen links- und rechtsorientierten Demonstranten. In 20 Fällen leiteten die Beamten Ermittlungen unter anderem zu Körperverletzungen, Sachbeschädigungen, Widerstands gegen Polizeibeamte, Verstoßes gegen das Waffengesetz und Diebstahls ein. Ein Streifenwagen sei beschädigt worden. Vier Demonstranten wurden leicht verletzt.

„Sie treten das Grundgesetz mit Füßen“

Bei dem Festgenommenen handelt es sich den Angaben zufolge um einen 48-Jährigen, der versuchte Menschen anzugreifen, die zur der Kundgebung gehen wollten. Bei ihm fanden die Polizisten demnach ein Messer sowie einen Presseausweis. Die Ermittlungen dazu dauerten an, hieß es.

Laut Polizei hatten sich am Vormittag zunächst Teilnehmer einer Versammlung der AfD-Kreisgruppe Köln sowie Teilnehmer von Gegenkundgebungen mehrerer Aktionsbündnisse, unter anderem Köln gegen Rechts, in der Stadt versammelt. Mit dem Versuch, Teilnehmer einer für den Nachmittag angemeldeten Versammlung einer Privatperson aus dem politisch rechten Spektrum, daran zu hindern, zum Kundgebungsort zu gehen, „schwelten die Konflikte weiter“, teilte die Polizei weiter mit.

Die rechten Demonstranten, die einem Aufruf aus dem Umfeld der „Bruderschaft Deutschland“, aus AfD-Kreisen sowie Gruppen, die der Identitären Bewegung gefolgt waren, beklagten sich über „merkwürdige Posts“, die eine ganze Generation verunglimpften. Sie bezogen sich dabei offenbar auf einen Tweet eines WDR-Reporters.

Der hatte auf Twitter geschrieben, dass die Großmütter derjenigen, die sich über das Umweltsau-Video des WDR aufregen würden, „Nazisäue“ gewesen wären. WDR2-Chef Jochen Rausch und auch der betreffende Reporter hatte sich anschließend für den Tweet distanziert und entschuldigt.

Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes djv, Frank Überall, warf auf der Gegenkundgebung den rechten Demonstranten vor, die Kinderlied-Persiflage zum Anlass zu nehmen, die Demokratie zu zerstören. „Sie sind gegen den WDR, gegen Journalisten, gegen das Grundgesetz. Sie treten das Grundgesetz mit Füßen.“

Zugleich kritisierte er auch WDR-Intendant Tom Buhrow, der das WDR2-Video auf Facebook hatte löschen lassen: „Man muss ein solches satirisches Lied aushalten, auch wenn man Intendant ist“, sagte Überall. Satire müsse zuspitzen, müsse wehtun. Journalisten wüssten um ihre gesellschaftliche Aufgabe und Verantwortung. „Wir Journalisten werden uns nicht einschüchtern lassen.“

Auch am Sonntag kam der WDR nicht zur Ruh'. Rechtsradikale Aktivisten sind auf das Dach des WDR-Funkhauses in Köln geklettert und haben dort ein großes Banner entrollt. Darauf stand „WDRliche Medienhetze stoppen! GEZ sabotieren!“

Außerdem warfen sie Flugblätter herunter. Nach einem Zeugenhinweis sperrte die Polizei nach eigenen Angaben den Bereich vor dem Funkhaus am Wallrafplatz in der Kölner Innenstadt ab und nahm die fünf Männer in Empfang, als sie auf einer mitgebrachten Leiter vom Dach herunterstiegen.
Die Feuerwehr entfernte das Banner, das von der Polizei sichergestellt wurde. Der Staatsschutz der Polizei Köln ermittelt nun wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und wegen Hausfriedensbruchs. Auf Nachfrage sagte ein Sprecher der Kölner Polizei, dass die Männer einer rechts orientierten Gruppe zuzuordnen seien.

Indes sucht sich der WDR Unterstützung bei einem externen Kommunikationsberater, unter anderem mit Blick auf die Diskussionen um die Erhöhung des Rundfunkbeitrags.

Am Sonntag bestätigte der Sender einen Bericht der „Welt am Sonntag“ und verweist in einer Stellungnahme auf den ARD-Vorsitz des WDR für die kommenden zwei Jahre. In dieser Zeit sei mit umfangreichen zusätzlichen Kommunikationsmaßnahmen zu rechnen, die deutlich über das übliche Maß hinausgingen.

Der Verwaltungsrat habe deshalb bereits im Juni 2019 der Einbindung einer Kommunikationsagentur zugestimmt. Nach einer öffentlichen europaweiten Ausschreibung sei im vergangenen Herbst die Entscheidung für die Agentur „Media 5“ gefallen. (Tsp/dpa/epd)

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