Das Fernsehen inflationiert die politische Satire.

Seite 2 von 2
Erst lachen, dann wählen? : „Kluge Satire verhöhnt die Macht“
Foto: promo
Foto: promo

Das Fernsehen inflationiert jetzt die politische Satire. Was mit der „heute-show“ beginnt, wird beim angekündigten „Tagesschaum“ von Friedrich Küppersbusch und bei den „Klugscheißern“ nicht enden. Finden Sie das lustig?
Ich kann an der momentanen Inflation nichts Schlechtes finden. Und die öffentlich-rechtlichen Sender beweisen doch – auch das muss einmal gesagt werden – eine erstaunliche ironische Elastizität und Souveränität bei der Veräppelung ihrer eigenen Formate und ihres eigenen Personals. Sie verzichten überdies in aller Regel auf die vulgäre Verachtung von Wehrlosen und Ohnmächtigen, die zu einer Spezialität von Comedy- und Krawall-Sendungen, von Doku-Soaps und Casting-Formaten im Privatfernsehen geworden ist. Kluge Satire verhöhnt die Macht. Die Unterhaltungs- und Satirespezialisten des Privatfernsehens verhöhnen hingegen häufig Ohnmächtige und schüren eine Art Klassenhass gegenüber der sogenannten Unterschicht. Das ist momentan eine ihrer zentralen Geschäftsideen zur Sicherung der Quote: der Hartz-IV-Empfänger als brüllender Trottel. Und diese Geschäftsidee ist natürlich alles andere als komisch.

Also gar keine Kritik an Sendungen von Welke und Co.?
Doch schon, aber eher in Form einer pauschalen Diagnose. Natürlich sind diese Sendungen auch Symptom einer allgemeinen Entpolitisierung und Diskursverweigerung, denn sie konzentrieren sich viel zu oft allein auf die Inszenierung von Politik – und nicht auf die jeweiligen politischen Inhalte, sie bleiben also bei der satirischen Begutachtung von Oberflächen stehen und attackieren zu selten in der Sache. Man lacht dann herzhaft über einen blöden Versprecher, eine grauenhaft abgestürzte Stammel-Rede, eine peinliche Gesangseinlage bei irgendeiner Parteiversammlung oder noch einmal über eine besonders schlecht sitzende Frisur, aber es bleibt ein billiges, blökendes Lachen, das letztlich die allgemeine Politikerverachtung bedient. Politik ist dann inhaltlich entkernt und erscheint nur als eine mehr oder minder seriöse Kulisse interessant – als Fassade der Ernsthaftigkeit und als Chiffre für Relevanz, die man lediglich aus dramaturgischen Gründen für die eigenen Späße braucht.

Hätte da ein Altmeister wie der Kabarettist Dieter Hildebrandt noch eine Chance?
Das weiß ich nicht, aber ich hoffe es doch. Denn er würde die zur Mode gewordene, letztlich unpolitische Stil- und Inszenierungskritik gelegentlich mit inhaltlichen Einsprüchen würzen, die öffentlich für Aufregung sorgen.

Der „Bericht aus Berlin“ in der ARD oder „Berlin direkt“ im ZDF bieten weiterhin Politik im Hardcore-Format. Ist diese Form der Vermittlung noch zeitgemäß?
Warum denn nicht? Aber eben gewiss nicht nur und ausschließlich. Ich bin, was die Vermittlung von Politik betrifft, unbedingt für Pluralität: Möglichst viel Varianz und eine Vielfalt der Formen – und doch im Zweifel ein klarer Vorrang der Inhalte, die sich nicht bei der Suche nach dem Knalleffekt auflösen dürfen. Wir brauchen die klassischen, eher unaufgeregten Politiksendungen, wir brauchen Talkshows und auch die Dauersendung auf Phoenix, aber natürlich auch die satirische Provokation, die zu einer inhaltlichen Debatte inspiriert.

Das Interview führte Joachim Huber.

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Uni Tübingen. Seine jüngste Veröffentlichung: „Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte.“

Artikel auf einer Seite lesen