Medien : Feldpost digital

UN-Soldaten bloggen aus Afghanistan – deutsche Streitkräfte hingegen nicht. Aus gutem Grund

Carolin Jenkner Marscha van der Vlies

Sjoerd ist 24, niederländischer Soldat in Afghanistan. Bis vor ein paar Tagen konnte jedermann im Internet mitlesen, wenn er in sein Tagebuch schrieb: „Ausgerechnet jetzt halten die Afghanen es für nötig, eine Rakete auf uns abzuschießen. Sie schlägt 150 bis 200 Meter von uns entfernt ein. Zufällig sehe ich in jene Richtung und kann die ganze Explosion beobachten. Ich sage dir: näher brauchen sie nicht zu kommen!“

Die Soldaten in Afghanistan, aber nicht nur sie, sind zur Zielscheibe von Terroristen geworden. In der vergangenen Woche ist ein Entwicklungshelfer der deutschen Welthungerhilfe bei einem Überfall erschossen worden. Als Ventil für den Druck, unter dem sie stehen, nutzen sie auch Weblogs. In Afghanistan stationierte Soldaten vieler Nationen schreiben Online-Tagebücher, um ihre Erlebnisse und Gefühlswelten zu schildern. Gefühlswelten wie die des US-Soldaten „X“, wie er sich in seinem Blog nennt: „Zu Hause ist dort, wo dein Herz ist, sagt man. Was passiert, wenn du nicht mehr weißt, wo dein Herz ist? Wenn du dich einfach nicht wie zu Hause fühlst?“

Der schwedische Soldat Joakim berichtet, wie er einem Kind Schuhe, Winterkleidung und Spielzeug gekauft hat. Unter dem Foto des strahlenden Kindes steht: „Sie hat uns angelächelt. Ich glaube, alleine der Umstand, dass wir das für sie tun konnten, hat uns glücklich gemacht.“

Bisweilen geben die Soldaten Informationen preis, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Was der Niederländer Sjoerd in seinem Blog locker ausplaudert, ist eine sensible Information, die selbst „embedded“ Journalisten, also jene, die direkt vom Militär aus berichten, nicht veröffentlichen dürfen. Geheime oder harmlose Informationen aus dem Krieg – dank Weblogs gelangen sie an die Öffentlichkeit, lange Zeit unkontrolliert. Und auch Beleidigungen gegenüber den Afghanen verbreiten sich über die Internettagebücher: „Die Menschen stinken und die Kinder sind irritierend“, schreibt ein Soldat.

Über tausend Blogs von US-Soldaten kursieren im Web, immerhin ein paar Dutzend anderer Nationen. Ausgerechnet die deutschen Soldaten, die das demokratische Moment ihrer Armee stets betonen, mischen beim freien Informationsfluss im Netz allerdings kaum mit. Auf der Website milblogger.com sind keine deutschsprachigen Blogger aus Afghanistan registriert. In Suchmaschinen finden sich nur Wehrdienstleistende und Offiziersanwärter, die über die Ausbildung in Deutschland berichten. Auch Wilfried Stolze, dem Pressesprecher des Bundeswehrverbandes, sind keine deutschen Soldaten-Blogger in Afghanistan bekannt.

Dabei sind die technischen Voraussetzungen durchaus gegeben: In allen deutschen Stützpunkten am Hindukusch besteht die Möglichkeit, im Internet zu surfen. Für E-Mails an die Familie wird das auch ausgiebig genutzt. „Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass von Afghanistan aus Weblogs entstehen“, sagt Stolze. Zwar sei er als Pressesprecher des Bundeswehrverbandes grundsätzlich für mehr Rechte für Soldaten und würde ihnen auch Blogs erlauben. Ganz unproblematisch sieht er das Bloggen von der Front aber nicht: „Wenn man Soldat wird, wird auch das Recht auf freie Meinungsäußerung leicht eingeschränkt“, gibt er zu bedenken. Sensible militärische Informationen dürften dadurch auf keinen Fall veröffentlicht werden.

Das gilt nicht nur für Soldaten. Auch die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen leben in Afghanistan gefährlich. Sie versuchen, so unauffällig wie möglich zu arbeiten. Rudi Tarneden von Unicef Deutschland rät seinen Entwicklungshelfern ganz klar davon ab, aus Afghanistan zu bloggen. Das Kinderhilfswerk hat seine Mitarbeiter zwar schon aus vielen Ländern bloggen lassen, auch auf der Unicef-Homepage. „In Afghanistan ist das Sicherheitsrisiko aber so hoch, dass man sich nicht noch extra exponieren sollte“, sagt er.

Die Verteidigungsministerien in Washington und Den Haag haben erkannt, dass Soldatenblogs riskant sein können. Das US-Militär lässt von einer Spezialeinheit namens „Army Web Risk Assessment Cell“ überprüfen, was ihre Soldaten im Netz veröffentlichen. Daraufhin wurden die Blogger vorsichtiger, manche schlossen ihre Blogs ganz.

Auch das Tagebuch des Niederländers Sjoerd ist jetzt leer. Als er vom Kommandanten darauf angesprochen wurde, hat er nachgedacht und die Einträge gelöscht. Verboten sind Blogs bei den niederländischen Soldaten indes nicht, nur Beleidigungen und sensible Informationen sind tabu. Jan Blacquière, Sprecher des Verteidigungsministeriums in Den Haag, schätzt die demokratische Seite der Blogs: „Man darf auch kritisch sein“, sagt er. Und Blog heißt nicht immer gleich Geheimnisverrat: Viele Soldaten nutzen es einfach als Draht in die Heimat.

http://sjoerd1982.waarbenjij.nu

http://texasaurus.blogspot.com/

http://www.flyingswede.com/