Fernsehen in Coronavirus-Zeiten : Ablenkung tut not

Mord im Seniorenheim, vermisste Altenpflegerinnen: Wie sieht ein angemessenes TV-Programm in diesen Zeiten aus?

Mord in der Seniorenresidenz. Ein Krimi mit diesem Thema fühlt sich in Coronavirus-Zeiten merkwürdig an.
Mord in der Seniorenresidenz. Ein Krimi mit diesem Thema fühlt sich in Coronavirus-Zeiten merkwürdig an.Foto: ZDF/Erika Hauri

In Zeiten der Coronaviruskrise verändert sich alles, auch die Wahrnehmung des Fernsehprogramms. Wenn in einer aufgezeichneten Quizshow wie „Wer weiß denn sowas“ Moderator Kai Pflaume Tagessieger Reinhold Beckmann die Hand schüttelt und dazu das Saalpublikum klatscht, wirkt das inzwischen wie aus einer anderen Zeit, wo doch solche Gesten mittlerweile ein No-Go sind. Fast erwartet man Warnhinweise, wie man sie zuvor von besonders gewagten TV-Versuchen kannte. „Machen Sie so etwas bloß nicht nach“.

Doch was sollen die Sender auch machen? Auf Aufzeichnungen verzichten? Es werden künftig – ganz im Gegenteil – eher mehr denn weniger Wiederholungen gesendet werden müssen, da immer mehr Dreharbeiten wegen der Ansteckungsgefahr unterbrochen oder verschoben werden. Umso mehr werden sich die Zuschauer über jede neue Folge einer TV-Reihe wie „Der Alte“ mit Jan-Gregor Kremp als Hauptkommissar Richard Voss und Stephanie Stumph als seine Assistentin Annabell Lorenz freuen.

Ein Titel wie eine Grabinschrift

An diesem Freitag startet eine neue Staffel mit der ersten von insgesamt acht Episoden. Sie trägt den Titel „Unvergessen“ [ZDF, Freitag, 20 Uhr 15], was bereits stark nach einer Grabinschrift klingt. Der Tod ereilt eine Bewohnerin der Seniorenresidenz „Seeblick“. Solche Einrichtungen tragen ja gerne wohlklingende Namen, in diesem Fall ist er mehr als berechtigt. Das Heim muss früher ein Schloss gewesen sein, das Grundstück ist riesig und der unverbaute Blick auf den See spektakulär. An Mord denkt man in diesem Ambiente zuletzt.

Das ging auch dem Leichenbeschauer Radka Richter (Eva Christian) so, der den Totenschein ohne nähere Untersuchung ausgestellt hat. „Unsere Bewohner sind alt, das ist der Tod nicht unnormal“, weiß Heimleiter Timo Götze (Wowo Habdank). Nur weil die Zimmernachbarin verdächtige Geräusche gehört hat, wird das Verbrechen offenbar. Isa von Wangenheim (herrlich mondän gespielt von Gaby Dohm) alarmiert die Polizei und hilft sogar bei den Ermittlungen. Unterdessen muss sich der „Alte“ Sorgen um seinen eigenen Vater machen, den er seit Tagen telefonisch nicht erreichen kann.

Unter normalen Umständen wäre diese Folge der ZDF-Krimireihe nicht weiter ungewöhnlich. Die Figuren sind relativ einfach gezeichnet, das Team um Kommissar Voss gewohnt sympathisch, und bis zur Aufklärung des Verbrechens gibt es noch genügend Wendungen für eine spannende Unterhaltungsstunde. Und dennoch stimmt gefühlt etwas nicht, wenn allerorten eindringlich vor den Gefahren des Coronavirus für ältere Menschen gewarnt wird.

Wenn Seniorenheime sich abschotten und selbst Angehörige abweisen, um Schlimmeres zu verhindern. Wie sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Fernsehansprache am Mittwoch, als sie den Schutz älterer Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen betonte? „Da sind unsere Solidarität, unsere Vernunft, unser Herz für einander auf eine Probe gestellt.“

Nochmals Seniorenheim im Programm

Um ältere Menschen geht es im ZDF-Freitagsprogramm gleich im Anschluss von „Der Alte“ in „Letzte Spur Berlin“ [ZDF, Freitag, 21 Uhr 15]weiter. Eine etwas zu engagierte Altenpflegerin (Eva Mattes), die tagsüber im Seniorenheim arbeitet und abends am Krisentelefon sitzt, wird zum Vermisstenfall für das Team von Oliver Radek (Hans-Werner Meyer) und Mina Amiri (Jasmin Tabatabai). Der Tod, er spielt auch hier eine verbrecherische Rolle.

Sicher: Gerade in dieser schwierigen Zeit ist Unterhaltung unverzichtbar, besonders im Fernsehen, zumal das sonstige kulturelle Leben derzeit brach liegen muss. Niemand kann auf Dauer das mediale Dauerfeuer der Corona-Meldungen ohne Zeiten der Ablenkung überstehen. Das Problem ist nur, dass sich nun die Dominanz des Krimis, in dem es ständig um Leben und vor allem Tod geht, rächt. Auch die Programmverantwortlichen sind nun gefordert, angemessen und verantwortungsvoll zu agieren.

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