Fernsehen und Corona : Die Chance zur Sternstunde

Die Ausnahmesituation verlangt die Ausnahme vom Allerlei in Fernsehen, Radio, Online. Der Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen wird revitalisiert.

Keine öffentliche Vorstellung: die Staatsoper Unter den Linden
Keine öffentliche Vorstellung: die Staatsoper Unter den LindenFoto: dpa

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg hat ein Statement gesetzt. Statt der Erfolgsreihe „Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt“ hat das Fernsehen am Samstag „Carmen“ im Opernhaus Unter den Linden gezeigt. 80 000 Zuschauerinnen und Zuschauer haben eingeschaltet. Weit wichtiger als die Zahl ist der Akt der Solidarität.

Das Coronavirus hat das Kunst- und Kulturleben infiziert, lahmgelegt. Da müssen die elektronischen Medien einspringen, TV-Fenster sein in eine Szene, die sonst vom Livemoment lebt und am stärksten in der unmittelbaren Interaktion zwischen Künstler und Publikum wirkt. Natürlich fehlte da was in der Fernseh-„Carmen“, zugleich wäre der Verzicht der weitaus größere Verlust.

Den Livestream der Opernpremiere hatten 160 000 Zuschauer in der ganzen Welt abgerufen. Heißt: Die Konkurrenz zwischen linearem Fernsehen und Online-Streaming bleibt heftig, aber kein Medium wird das andere substituieren können. An einem Wochentag schalten 52 Millionen Deutsche ARD & Co nach Programmschema ein, am Wochenende sind es um die 55 Millionen.

Für das öffentlich-rechtliche Fernsehen kann das nur bedeuten: Fernsehen als Corona-TV mit Kultur und Bildung. Nicht nur Opern und Theater, auch Museen und Schulen werden/sind geschlossen. Für nicht wenige Schülerinnen und Schüler mag das zunächst wie Ferien aussehen, ist es aber nicht: 24 Stunden zu Hause können sehr, sehr lang werden.

Kika und Super RTL haben entsprechende Programmänderungen angekündigt, das BR-Fernsehen startet zusammen mit dem Kulturministerium „Schule daheim“, Mediathek und Audiothek der ARD bündeln Lerninhalte zu Themenspecials.

Der öffentlich-rechtliche Programmauftrag kann sich im gesellschaftlich notwendigen Erziehungs- und Bildungsauftrag revitalisieren. Die Ausnahmesituation verlangt die Ausnahme vom Allerlei in Fernsehen, Radio, Online.

Für ARD, ZDF und Deutschlandradio kann das zur öffentlich-rechtlichen Sternstunde werden. Indem sie senden, wofür sie bezahlt werden, indem die Verantwortlichen begreifen: Der Nutzer lebt nicht von der Information in der „Tagesschau“ und von der Krimi-Ablenkung allein. Corona-TV als Quarantäne-TV ist mehr.

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