Fernsehfilm „Die Aufseherin“ : Zweifelhaft anders

Ein polnisch-deutscher Dokumentarfilm über die KZ-Aufseherin Johanna Langefeld. Warum ihr ehemalige Gefangene später zur Flucht aus dem Gefängnis verhalfen.

Manfred Riepe
Schmerzhafte Erinnerungen. Auch die Überlebende Joanna Penson kommt zu Wort in der Dokumentation.
Schmerzhafte Erinnerungen. Auch die Überlebende Joanna Penson kommt zu Wort in der Dokumentation.Foto: rbb/Rohde-Dahl Filmproduktion

Sie war KZ-Aufseherin in Ravensbrück und in Auschwitz. Sie führte Selektionen durch und schickte jüdische Frauen ins Gas. 1946 sollte ihr dafür in Krakau der Prozess als Kriegsverbrecherin gemacht werden – doch sie konnte unter mysteriösen Umständen fliehen. Ein polnisch- deutscher Dokumentarfilm zeichnet den Lebensweg von Johanna Langefeld nach, die die Mordmaschine der Nazis mit am laufen hielt.

Joanna Penson, eine Holocaust-Überlebende, die Jahre in Ravensbrück verbrachte, erinnert sich genau an die Aufseherinnen. Das waren „hübsche Mädchen“, „die Uniformen standen ihnen gut“, sie hatten „wunderschöne Frisuren“. Dazu „einen Schäferhund, angelernt, um in die Waden zu beißen“. Die Schilderungen der heute 99-jährigen Medizinprofessorin – später war sie eine persönliche Referentin des polnischen Ex-Staatspräsidenten Lech Walesa – zeugen von einer seltsamen Ambivalenz. An dieser schwer zu fassenden Widersprüchlichkeit arbeiten Gerburg Rohde-Dahl und ihr polnischer Kollege Wladek Jurkow sich ab. Ihr sehenswerter Dokumentarfilm rekonstruiert die Lebensgeschichte von Johanna Langefeld, die seit 1937 NSDAP- Mitglied war. Ein Jahr später bewarb sie sich im KZ Lichtenburg, freiwillig.

[„Die Aufseherin“, RBB, Mittwoch um 22 Uhr 45]

In der Forschung hat man das Thema weiblicher Aufseher zunächst kaum beachtet. Erst in jüngerer Vergangenheit wurde bekannt, dass Frauen für diesen Job sogar mit Werbebroschüren angesprochen wurden. Die Tätigkeit der Aufseherin sei „leichte körperliche Arbeit“. Man brauche dafür „keine beruflichen Kenntnisse zu besitzen“. In den vergangenen Jahren wurde über dieses Thema gelegentlich berichtet. 2015 erinnerte ein Beitrag der ARD-Sendung „Panorama“ an Hilde Michnia. Sie soll einen Gewaltmarsch ins KZ Bergen-Belsen begleitet haben, bei dem 1945 mehrere Tausend Frauen qualvoll in den Tod getrieben wurden.

Der Fall Johanna Langefeld hat noch eine andere Dimension. Die damals 38-Jährige bewährte sich in ihrem Job und wurde rasch zur Oberaufseherin ernannt. Später half sie beim Aufbau des Frauen-KZ in Ravensbrück, das sie nach ihren Vorstellungen mitgestaltete: Sie wollte, so die Gedenkstättenleiterin Insa Eschebach, „ein gutes KZ leiten“. Deutsche Gründlichkeit. Auch bei Frauen. Aufgrund ihrer Befähigung wurde sie nach Auschwitz verlegt, fiel jedoch in den Augen des Kommandanten Rudolf Höß in Ungnade.

„Die Schlimmen, die Schlimmeren und die Sadisten“

Polnische Widerstandskämpferinnen sprechen dagegen andächtig über Johanna Langefeld. Es gab „die Schlimmen, die Schlimmeren und die Sadisten“. Im Vergleich zu den letzteren sei die Aufseherin „zweifellos anders gewesen“: „Das war die einzige, die uns menschlich behandelt hat“. Dennoch wurde sie 1946 als Kriegsverbrecherin nach Polen ausgeliefert, wo sie ihrem mutmaßlichen Todesurteil entgegensah.

Der akribisch recherchierte Film zeichnet nach, warum es dazu nicht kam. Fünf ihrer ehemaligen Gefangenen organisierten Langefelds Flucht. Eine Gegenleistung dafür, dass sie dank ihr das KZ überlebt hatten. Ist diese SS-Oberaufseherin eine Seelenverwandte von Oskar Schindler? Wie falsch dieser Vergleich wäre, zeigt der Film in seinen eindringlichsten Momenten. Die Autoren erinnern an Langefelds tief verinnerlichte antisemitische Überzeugung. Gegenüber jüdischen Frauen empfand sie kein Mitleid. Die waren in ihren Augen nicht lebenswert. So partizipierte Langefeld unter anderem an der „Aktion 14f13“, dem massenhaften Töten sogenannter „Ballastexistenzen“ – so bezeichnete der Nazi-Jargon Alte und Kranke, die nicht arbeitsfähig waren.

Da wurde, so eine Zeitzeugin, „eine gelähmte Frau wie ein Stück Vieh auf den Wagen geworfen“. Berüchtigt war die Langefeld auch dafür, dass sie jene Frauen zu beruhigen versuchte, die imRahmen pseudomedizinischer Experimente zu Tode operiert wurden: „Sie schnitten Teile vom Knochen raus und setzten was ein.“ Diese Gräueltaten, mit Schwarzweißfotos dokumentiert, verlangen dem Zuschauer einiges ab.

Der Film spannt einen weiten Bogen, der von Langefelds beruflicher Karriere, ihrer rätselhaften Flucht bis hin zur Rückkehr nach Deutschland 1954 führt. Die Aufseherin stand auf der Fahndungsliste für die Auschwitzprozesse, wurde aber nie ergriffen. 1974 starb sie in Augsburg, wo sie unerkannt als Verkäuferin gearbeitet hatte. Sie machte sich zum Phantom. Von ihr gibt es kaum ein scharfes Foto.

In ihrem vielstimmigen Porträt konfrontieren Rohde-Dahl und Jurkow den Zuschauer mit einer unbekannten Seite der „Banalität des Bösen“. Hannah Arendt versuchte mit diesem Begriff zum Ausdruck zu bringen, dass Naziverbrecher nicht nur Monster waren. Eine Seite von ihnen erschien menschlich, allzu menschlich. Dies trifft auch auf Johanna Langefeld zu. Gegen Ende ihres Lebens soll sie Marien-Erscheinungen gehabt haben.

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