Germany's Next Topmodel : Die nächste Stufe der Frauenverachtung

#Fake, Rotlichtviertel, Pranger: GNTM agiert, als hätte es "MeToo" nie gegeben. Junge Frauen werden demontiert und beschimpft. Ein Kommentar.

Eine gewinnt immer: Heidi Klum.
Eine gewinnt immer: Heidi Klum.Foto: imago images/MediaPunch

Man ist einiges gewohnt bei Heidi Klums Model-Casting-Show "Germany's Next Topmodel" (GNTM).

Dass junge Frauen als "Meedchen" bezeichnet werden, dass sie Prüfungen bestehen müssen, denen sich die Chefin selber nicht aussetzen würde (Laufsteg im Wasser), dass äußere Werte mehr zählen als innere - geschenkt. Doch was sich gestern Abend auf Pro Sieben abgespielt hat, toppt alles.

Hollywood-Ikone: Die "GNTM".Kandidatinnen sollten Marilyn Monroe imitieren.
Hollywood-Ikone: Die "GNTM".Kandidatinnen sollten Marilyn Monroe imitieren.Foto: CINETEXT

Für diejenigen, die es nicht gesehen haben: In der Folge mussten die Teilnehmerinnen zwei Challenges bestehen.

Sie wurden in der berühmten Marilyn-Monroe-Pose (wehendes Kleid über Luftschacht) in Los Angeles auf dem Walk-of-Fame fotografiert, in einem Glaskasten wie im Zoo.

Der Fotograf: ein ruppiger Geselle namens Yu Tsai, der auch für den US-Ableger "America's Next Topmodel" Fotos macht. Ein Mann mit hohen Ansprüchen und wenig Geduld. Und einem eklatanten Mangel an Einfühlungsvermögen. Unsichere Frauen werden gebasht. Die Miene wird eisig, Yu Tsai dreht Kandidatinnen, die bei ihm durchfallen, gern auch mal demonstrativ den Rücken zu.

Zum Eklat kommt es, als er auf Mareike trifft. Die 24-Jährige ist so etwas wie der Underground-Star der Staffel. Voll tätowiert, selbstbewusst. Dem Fotografen gefällt ihre laszive Performance nicht. Er verortet sie im Rotlichtmilieu. Mareike ist gekränkt, verletzt, besteht auf einer Entschuldigung. Und was macht Heidi Klum? Stärkt dem Fotografen den Rücken und erklärt Mareike und den anderen, dass man im Model-Geschäft nun mal eine dicke Haut braucht. Widerworte? Nein, danke.

#Zicke: Kandidatin Johanna.
#Zicke: Kandidatin Johanna.Foto: Geisler-Fotopress

Verglichen mit dem, was danach kommt, ist das Vorspiel aber nur eine laue Brise. Die jungen Frauen, unerfahren im Umgang mit TV-Medien, treffen auf "Taff"-Moderator Christian Düren. Doch das, was als Interviewtraining angekündigt ist, ist nichts anderes als eine Demontage vor Millionenpublikum.

Er habe gründlich recherchiert, heißt es bei "GNTM", allerdings scheint sich das im Wesentlichen auf das Sichten der jeweiligen Instagram-Accounts zu beschränken. Zumindest konfrontiert Medienprofi Düren seine Gesprächspartnerinnen immer mit den Bildern und nimmt sie dann in die Zange.

Von den jungen Frauen übersteht das fast keine ohne Schaden - und einem negativen Hashtag als Strafe. Das Curvy-Model Johanna bittet darum, ausreden zu dürfen, und wird zu #"'Zicke". Mareike kassiert für ihre offenherzigen Instagram-Fotos ein #"No-Role-Model", Kandidatin Lijana wird als #"Fake" tituliert.

Mit den Hashtags am Pranger

Doch auch das ist noch nicht genug. Zum Abschlusswalk müssen die Modelbewerberinnen mit ihren Hashtags laufen. Diese stehen groß auf einem Stück Stoff, das über eine Mischung aus Kreuz und Pranger gespannt ist, in das die Frauen quasi eingesperrt werden. Das erinnert an die Zeiten der Hexenverfolgung. Es fehlen nur noch die Scheiterhaufen.

Wie gesagt, man ist einiges gewohnt bei "GNTM", niemand muss die Sendung schauen.

Doch auch bei Modelcastings muss es eine Grenze für Frauenfeindlichkeit geben, wenn die "MeToo"-Debatten keine Strohfeuer bleiben sollen. Das Weltbild, das Klum und Pro Sieben ihren meist jungen Zuschauerinnen vermitteln, ist: Du musst dir alles gefallen lassen.

Mit einer Quote von 11,4 Prozent unter den 14- bis 49-Jährigen war "GNTM" gestern Spitze. Solche Medienmacht, liebe Frau Klum, kann man auch anders nutzen. Indem man jungen Menschen Selbstbewusstsein gibt und sie vor Männern wie den Gästen der gestrigen Show schützt.

Mehr zum Thema

Ein Nachtrag noch in Sachen Diversity: Transgender-Kandidatin Lucy ist seit gestern nicht mehr dabei. Durchgefallen.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!