Glückwünsche! : Peter Merseburger, 90

Stefan Aust, Michael Naumann, Hermann Rudolph, Fritz Pleitgen und Conrad Wiedemann gratulieren dem Publizisten und ehemaligen „Panorama“-Chef.

Stationen eines bewegten Lebens: Redakteur beim „Spiegel“, Leiter und Moderator des ARD-Politmagazins „Panorama“, Chefredakteur des NDR, ARD-Korrespondent in Washington, Ost-Berlin und London, freier Schriftsteller und Mitglied des deutschen PEN-Zentrums. Am kommenden Mittwoch wird Peter Merseburger 90 Jahre alt.
Stationen eines bewegten Lebens: Redakteur beim „Spiegel“, Leiter und Moderator des ARD-Politmagazins „Panorama“, Chefredakteur...Foto: imago/Hoffmann

Der Lehrmeister

Am Anfang habe ich gegen ihn demonstriert, vor dem Haupteingang des NDR am Gazellenkamp. Meine Kollegin, damals noch Kolumnistin der Zeitschrift „Konkret“, hatte uns dazu aufgefordert. Der von ihr verehrte „Panorama“-Chef, spätere Hitler-Biograf und „FAZ“-Herausgeber Joachim Fest sollte abgelöst und durch Peter Merseburger ersetzt werden. Fest hatte gegen die Notstandsgesetze Stellung bezogen. Und mit seiner Ablösung verlor Ulrike Meinhof einen Auftraggeber. Als sie – nicht allein deswegen – ein paar Jahre später in den Untergrund ging, bekam ich den Auftrag, darüber einer Beitrag für „Panorama“ zu machen.

So begann meine Fernsehkarriere. Zwei Jahre danach wollte Rudolf Augstein für die FDP in den Bundestag einziehen. Peter Merseburger schickte mich in den Wahlkampf, um ein Porträt des „Spiegel“-Herausgebers in einem für ihn ungewöhnlichen Terrain zu drehen. Ich filmte Augstein, wie er hinter Nonnen herlief, um vor laufender Kamera mit ihnen über den Paragrafen 218 zu diskutieren. Es wurde eine Szene von ergreifender Peinlichkeit. Dann forderte Augstein bei einem Wahlkampfauftritt mit Hans-Dietrich Genscher eine Umgehungsstraße für Rheda-Wiedenbrück. Als Genscher sprach, versuchte der „Spiegel“-Chef sich als Politiker, der sich vor der Kamera mit Kindern präsentiert. Als ich den Film schnitt, wurde mir klar: wenn ich die Szenen zeigen würde, wäre es mit der Freundschaft vorbei. Das war es dann auch. Augstein schrieb einen Beschwerdebrief an den „Panorama“-Chef und redete acht Jahre lang kein Wort mit mir. Dafür bestellte mich Merseburger zu sich und ermunterte mich, weiter für „Panorama“ zu arbeiten. Das tat ich fast 15 Jahre lang.

Es wurden spannende Lehrjahre mit den damals besten Magazinredakteuren der Republik, die Merseburger um sich geschart hatte: Lutz Lehmann, Gerhard Bott, Horst Hano, Luc Jochimsen. Das waren Zeiten, als Magazinbeiträge im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen noch Staatskrisen auslösen konnten. Merseburger war unerschrocken, er wusste was geht und was nicht geht. Er ließ seine Leute machen – und die gaben ihr Bestes.

Zu meinem 60. Geburtstag, da war ich „Spiegel“-Chefredakteur, schenkte Merseburger mir Augsteins Beschwerdebrief. Mit einem solchen Geschenk kann ich leider nicht dienen. Aber mit einem herzlichen Glückwunsch und großen Dank für alles, was ich von Peter Merseburger gelernt habe.

Stefan Aust war von 1994 bis 2008 Chefredakteur des „Spiegels“, seit 2014 ist er Herausgeber der „Welt“.

Der Ungehorsame

Vor fast einem halben Jahrhundert hat Peter Merseburger, ohne es zu wollen oder auch nur zu ahnen, mein Leben verändert. Als junger Reporter der „Zeit“ war ich mehr durch Zufall als dank journalistischer Recherche in den Umkreis der terroristischen IRA in Belfast geraten. Über den Bürgerkrieg in Nordirland wollte ich nach meiner Rückkehr einen Filmbeitrag für „Panorama“ produzieren. Von Filmen hatte ich keine Ahnung, anders als mein Hamburger Freund Stefan Aust. Über einem Teller chinesischer Nudeln lehnte Merseburger meinen Vorschlag ab. Er hatte in seiner Sendung genug mit einheimischen Terroristen zu tun. Ich ging zurück an die Universität und widmete mich der irischen Revolutionsgeschichte. Es war mein akademisches Glück.

Meiner Bewunderung Merseburgers tat jene Absage keinen Abbruch. Im Gegenteil. „Panorama“ war eine scharfsinnige und bisweilen auch scharf schießende Sendung zur Einübung von Staatskritik und Ungehorsam in der immer noch jungen Republik mit sehr alten Sitten in Wirtschaft und Verwaltung.

Ein Jahrzehnt später traf ich Merseburger in Washington wieder. Er war dort TV-Korrespondent der ARD – und, soweit ich das erkannte, der einzige deutsche Journalist neben Klaus Harpprecht und Hans Hielscher vom „Spiegel“, der zu seinen engen amerikanischen Freunden Afro-Amerikaner zählte. Auf die Vereinigten Staaten blickte er mit kritisch-amüsierten Augen, anders als manche seiner Vorgänger. Wir wurden Freunde, doch alsbald wechselte er nach Ost-Berlin, zur Freude der Stasi-Beamten, die ihn rund um die Uhr observierten und somit die Allerersten waren, die seine Berichte über den korrupten, hinfälligen Honecker-Staat konsumieren konnten.

Peter Merseburger zählt zu den herausragenden Publizisten der jungen Bundesrepublik, die mit ihrer Hilfe lernte, dem immer noch autoritär fixierten Staatsgeist jener Jahre Paroli zu bieten. „Panorama“ war in Bonn und in anderen konservativen Staatskanzleien wenn nicht gefürchtet, so doch höchst unbeliebt – anders als die unseligen Talkshows unserer Tage. Mit ihm befreundet zu sein, ist Ansporn und Ehre zugleich. Glückwunsch zum Neunzigsten!

Michael Naumann war erster Kulturstaatsminister Deutschlands, 2015 wurde er Gründungsdirektor der Barenboim-Said-Akademie.

Der Zeitgenosse

Als der Name des Ortes vor ein paar Jahren wochenlang die Republik umtrieb, weil Rechtsradikale massiv gegen Flüchtlinge mobil machten, rätselten alle, wo das Nest lag: Tröglitz. Nur nicht Peter Merseburger: „Da war ich als Flakhelfer“, bekannte er, vergnügt über die Überraschung, die er damit bereitete. Geboren im nahe gelegenen sachsen-anhaltinischen Zeitz, war der siebzehnjährige Gymnasiast gegen die alliierten Flieger ins Feld geschickt worden, um das dortige Chemiewerk zu schützen. Die Episode hat einen dunklen Schatten: fast zur gleichen Zeit, fast gleichaltrig befand sich dort Imre Kertész – in jenem Außenlager des KZs Buchenwald, von dem die Welt durch seinen mit dem Nobelpreis gekrönten „Roman eines Schicksallosen“ erfahren hat.

Das sind so die Blicke in die Schächte der deutschen Vergangenheit, die einer wie Merseburger mit seiner Lebensgeschichte für einen Augenblick aufreißt. Sie zeigen beklemmend, wie nahe und wie weit diese abgesunkene Zeit ist: Eine große Gestalt im deutschen Journalismus, ein prominenter Kollege und Freund, der noch hineinreicht in ihre Gründe und Abgründe. Merseburger schreibt an Erinnerungen, da wird man, vermutlich, mehr davon lesen. Auch vom Aufwachsen in der kleinen Stadt im mitteldeutschen Industrierevier in Krieg und Nachkrieg, mit dem Geruch nach Chemie und der Abluft verbrannter Braunkohle, der ihm im Gedächtnis geblieben ist. Auch von den zwei Wochen, die er 1946 im Gefängnis saß, weil er westliche Zeitungen verteilt und Plakate geklebt hatte – übrigens für die CDU, was er gerne erzählt, weil es seinem links-liberalen Ruf eine Pointe setzt. Und davon, wie er dann die Zonen wechselte wie damals Hunderttausende – von Ost nach West, über die noch unbefestigte Grenze.

Der Rest ist dann schon die Laufbahn, die aus Peter Merseburger eine herausragende Gestalt der Publizistik in der Bundesrepublik gemacht hat. Der angriffslustige Moderator von „Panorama“, der die Republik mit ihren Schwächen und Ärgerlichkeiten auf die Hörner zu nehmen schien, gehört ins Bild ihrer bewegten sechziger Jahre. Aber schon seine späteren Stationen als ARD-Auslandskorrespondent schlugen sich auch in Büchern nieder – nur London, sein letzter Arbeitsplatz, fehlt.

Die Bücher, die er seither geschrieben hat – darunter Biographien von Kurt Schumacher, Willy Brandt und Theodor Heuss – sind vorzüglich erzählt, mit altem Reportereifer recherchiert, voller Geschichtssinn, aber geboren allemal aus Merseburgers unermüdlicher Zeitgenossenschaft.

Hermann Rudolph war Chefredakteur und Herausgeber des Tagesspiegels.

Der Feingeist

Peter Merseburger gehört mit Gert von Paczensky, Gerd Ruge, Peter Scholl-Latour, Claus-Hinrich Casdorff, Friedrich Nowottny, Dieter Gütt und Dagobert Lindlau zu den Journalisten, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und der ARD vor Jahrzehnten Statur und Respekt verschafft haben. Von diesem Ansehen profitieren wir heute noch.

Peter Merseburger und ich wechselten 1982 die Korrespondentenplätze. Er von Washington nach Ost-Berlin, ich von der Spree an den Potomac. Eine radikalere Veränderung im Leben eines Journalisten konnte es damals nicht geben, als zwischen DDR und USA zu wechseln. Für mich war es nach den Zensurbedingungen in Moskau und Ost-Berlin ein Akt der journalistischen Befreiung. Für Peter Merseburger muss es ein fürchterlicher Absturz gewesen sein, aus einem Land, in dem die Pressefreiheit eine unverwüstliche Autorität besitzt (was kürzlich Präsident Trump erlebte, als er vergeblich versuchte, ein Buch über ihn aus dem Verkehr zu ziehen), in einen Staat versetzt zu werden, in dem die Pressefreiheit kriminalisiert wurde. Das war keine Traumkarriere für einen gestandenen Journalisten, aber Peter Merseburger ging mit der ungemütlichen Situation souverän um. Als Chef und Moderator von „Panorama“ hatte er jahrelang den Druck von Politikern und anderen einflussreichen Gestalten unserer westdeutschen Teilrepublik ausgehalten.

Als unabhängiger Geist genoss er bei den Menschen in Ost- und Westdeutschland eine hohe Wertschätzung. Das SED-Regime konnte deshalb nicht willkürlich mit ihm umspringen. Das DDR-Milieu war ihm nicht unvertraut. Als NDR-Chefredakteur war er in der ARD für die Berichterstattung über den anderen deutschen Staat zuständig gewesen.

Unter den robusten Reportertypen wirkte er wie ein Gelehrter. Ein Feingeist. Während unsereins Amerika mit Reiseberichten über Mississippi, Louisiana oder Alaska vorstellte, machte er sich Gedanken über den Neo-Konservatismus in den USA. Nicht unbedingt ein Augenschmaus, aber seine Filme kamen bei der Kritik gut an. Was er hervorbrachte – ob Film, Artikel oder Buch – waren elegant formulierte Meisterwerke der Recherche. Für Leser wie Zuschauer immer ein Gewinn.

Fritz Pleitgen war von 1995 bis 2007 Intendant des Westdeutschen Rundfunk.

Der Mythen-Sammler

Unter den fünf großen politischen Biographien, die Peter Merseburgers Alterswerk ausmachen, fällt eine in mehrfacher Hinsicht aus dem Rahmen. Sie ist nicht, wie die anderen vier, einer bedeutenden Persönlichkeit der westdeutschen Zeitgeschichte gewidmet, sondern der virtuellen deutschen Kulturhauptstadt Weimar, ohne deren Klassik-Wunder von 1800 die typisch deutsche Streu- oder Stadttheaterkultur, aus der sie stammt, im europäischen Vergleich immer zweitklassig geblieben wäre. Dieser historischen Besonderheit entsprechend hat Merseburger eine Kulturbiographie Weimars geschrieben, die die einschlägigen Möglichkeiten und Grenzen eines deutschen Duodezfürstentums mit der Wachsamkeit eines investigativen Journalisten herauspräpariert. Sie beginnt 1521 mit Luther auf der Wartburg und endet 1950 mit der Vereinnahmung Goethes und Schillers durch die DDR und der Vereinnahmung Buchenwalds durch die russische Besatzung.

Wollte man nach dem mentalitätsgeschichtlichen Kern seines Buches suchen, dann bestände er wohl im nationalen Triumph, dass aus dem Kleinen durchaus das Große, ja vielleicht das Größte hervortreten könne. Mit Letzterem – „der Geist weht, wo er will“ – hat Merseburger kein Problem, wohl aber mit der Berechtigung und Haltbarkeit des nationalen Triumphes, der die hybride Formel vom „Land der Dichter und Denker“ hervorbrachte.

Zeigt doch der gewichtige zweite Teil seines Buches, dass fast alle Versuche, den Geist von Weimar an Ort und Stelle zu erneuern oder wenigstens zu perpetuieren, entweder im Sande verliefen oder mit Eklat scheiterten. Verschätzt mit dem Geist von Weimar haben sich ja 1919 auch die Abgeordneten der ersten deutschen Republik, die sich von der Klassik-Aura das Höchste erhofften und am Ende nichts in Händen hielten. Ganz zu schweigen davon, dass der Ort ihrer Wahl zu den frühesten Brutnestern des Faschismus gehörte.

Merseburgers „Mythos Weimar“ ist ein Geschichtsbuch der Sonderklasse. Besseres und Präziseres über Glanz und Elend der neuzeitlichen deutschen Kulturgeschichte ist in der Nachkriegszeit meines Erachtens nicht geschrieben worden. Allerdings ist für die, die die deutsche Literatur trotz allem lieben, die Erstlektüre fast unerträglich. Zu viele der Diskurse, die der Verfasser rekonstruiert, sind aus heutiger Sicht unfassbar. Aber Bücher wie dieses muss man sowieso zweimal lesen.

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Conrad Wiedemann ist emeritierter Professor der Germanistik (TU Berlin) und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

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