Medien : Gothic in Westfalen

Der „Tatort“ aus Münster: Morbide Bildkunst und ein Toter aus dem Bestattungsgewerbe

Kurt Sagatz

Der Lichtkegel der Taschenlampe tanzt durch den gefliesten Flur. Ganz offensichtlich handelt es sich um eine medizinische Einrichtung, wenngleich es dort so still ist wie auf einem Friedhof, denn es ist das gerichtsmedizinische Institut von „Tatort“-Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) in Münster. Der Mann mit der Lampe trägt schwarz. Die Kapuze verdeckt den Kopf, sein Mantel reicht bis auf den Boden. Die weiße Lilie bemerkt der Zuschauer erst später, da hat der Mann bereits die Leiche aus der Schublade gezogen, mit der Blume geschmückt und mit der Digitalkamera abgelichtet.

Der jüngste „Tatort“-Krimi aus Münster mit dem Titel „Ruhe sanft“ spielt in der Welt der Toten, genauer gesagt: im Bestattungsgewerbe. Denn im Gegensatz zu der Leiche in der Pathologie ist Bestatter Gerd Hönninger ganz sicher keines natürlichen Todes gestorben. Dagegen spricht schon der schwere Kerzenständer neben dem Toten. Schnell stellt sich die Frage, welche Rolle Hönningers jüngerer Bruder Frank (Michael Lott) bei diesem Verbrechen spielt. Immerhin scheint er sich hervorragend mit seiner Schwägerin (Claudia Geisler) zu verstehen, die wiederum wenig von der trauernden Witwe an sich hat und die Modelleisenbahnen des Verblichenen achtlos in einen großen Karton pfeffert.

Boerne indes hat ganz andere Sorgen: Er ist Gastgeber eines internationalen Forensiker-Kongresses in der westfälischen Metropole Münster. Eine der Teilnehmerinnen, die hübsche Salzburger Ärztin Christine Arnold, wohnt während der Veranstaltung in seiner Wohnung – darum muss sich der Gerichtsmediziner auch bei Kommissar Thiele einquartieren. Der wiederum trifft alsbald auf den Mediziner Michael Wulfes, dessen beruflicher Schwerpunkt allerdings in einer Kinderklinik in Afrika liegt. Zudem hat Wulfes gerade seine zweite Frau verloren, die just zu der Zeit im Bestattungsunternehmen der Hönningers aufgebahrt liegt. Mit Wulfes’ Tochter Lucie (Alice Dwyer) und ihrem Grufti-Look schließt sich der Kreis in diesem morbid-unterhaltsamen Krimi.

Dem „Tatort“ aus Münster gelingt erneut, woran andere scheitern. Das Buch von Stefan Cantz und Jan Hinter, die Thiel und Boerne bereits zum fünften Mal mit Arbeit versorgen, erlaubt es Regisseur Manfred Stelzer („Tatort“, „Schimanski“, „Polizeiruf“, aber auch Komödien wie „Irren ist sexy“), eine große Zahl von Akteuren einzubinden. Denn auch in diesem Teil spielen Thiels taxifahrender Vater Herbert (Claus D. Clausnitzer), Boernes kleinwüchsige Assistentin Alberich (ChrisTine Urspruch) und die kettenrauchende Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) ihre unverzichtbaren Rollen. Nur Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) hat es diesmal etwas schwerer, ihren Platz zu finden, zumal Thiel seine schlechte Laune wegen der gescheiterten Urlaubsreise vor allem an ihr auslässt. Zudem ist es den Autoren wieder einmal gelungen, selbst angesichts eines weltweiten Kongresses den Anschein der kleinen, überschaubaren Welt der westfälischen Provinz zu erhalten. Wo jeder jeden kennt, selbst wenn er gar nicht aus Münster kommt. Am wichtigsten aber: Das Spannungsverhältnis zwischen Boerne und Thiel wird nicht nur gehalten, sondern noch ausgebaut. Ob im Kreise seiner Fachkollegen, im Umgang mit Alberich oder als pedantischer Mitbewohner, in seiner Überspanntheit ist Jan Josef Liefers in seiner Boerne-Rolle genauso genial wie Thiel/Prahl, dem man den Missmut des HSV-Fans in der Diaspora jederzeit abkauft.

„Tatort: Ruhe sanft“, ARD, 20 Uhr 15