Greta Thunberg bei "Anne Will" : Nur Kubicki widersteht dem Bann des Klimawunderkindes

Greta Thunberg hat die "Anne Will"-Runde dominiert, obwohl es nur Video-Einspieler von ihr gab. Sogar der Kohle-Politiker Haseloff zeigte Verständnis.

Greta Thunberg während der Kundgebung am Brandenburger Tor in Berlin.
Greta Thunberg während der Kundgebung am Brandenburger Tor in Berlin.Foto: Kay Nietfeld,dpa

Provokativ fragte der Titel zu Anne Wills ARD-Debatte am Sonntagabend: „Streiken statt Pauken – ändert die Generation Greta die Politik?“ Dann, auf der Suche nach Antworten, stellte sich heraus: Der Schulstreik der bis zu anderthalb Millionen Jugendlicher in 3000 Städten hat zwar wenig mit Pauken zu tun, doch dafür gleicht er einem globalen Paukenschlag. Sein Klang bedeutet: Ziviler Ungehorsam fürs große Ganze, Verantwortung der Jugend gegenüber der riskanten Verschwendung durch die Alten.

Lichtgestalt der Jugendlichen, die unter dem Motto „Fridays for Future“ auf die Straße gehen, ist Greta Thunberg aus Schweden, Anfang Januar 16 Jahre alt geworden. Täglich, bei jedem Wetter, hielt Greta Thunberg – gegen den Rat ihrer Eltern - seit 20. August 2018 auf den Stufen vor Stockholms Parlament den Abgeordneten ihr Transparent entgegen: „Skolstrejk för Klimatet“. Diese die drei Worte Schwedisch lernte der Rest der Welt, nachdem Thunberg dann auf dem Weltklimagipfel im Dezember eine kurze Rede für die Initiative „Climate Justice Now“ gehalten hatte, in kariertem Hemd und mit langen Zöpfen.

„Ihr seid nicht reif genug, den Tatsachen ins Auge zu sehen“, hielt sie den Erwachsenen vor, „sogar diese Bürde überlasst ihr uns Kindern.“ Dem Luxus der Reichen werde die Biosphäre geopfert, aber eine Wende bahne sich an, ganz egal, wem das gefalle.Vergangenen Freitag hatte Greta 25.000 junge Demonstranten in Berlin zu konstruktiver „Panik“ aufgerufen und im Namen der Kinder und Jugendlichen das radikale Eindämmen der Klimakrise gefordert: „We want a future – is that too much to ask for?“ Ihr Englisch ist pointiert und flüssig.

Greta flankiert von Habeck und Aktivistin

Am Samstag erhielt sie einen Sonderpreis der „Goldenen Kamera“, am Sonntag nun war die große Anstifterin mit der kleinen Statur per Video virtueller Gast bei der ARD-Sendung "Anne Will". Die Moderatorin hatte das Gespräch mit ihr zuvor aufgezeichnet, Sequenzen daraus wurden während der Runde eingeblendet. (Das vollständige Interview auf Englisch gibt es online auf der Anne-Will-Website).

Live flankiert wurden Thunbergs Anliegen von der 19 Jahre alten Aktivistin und Informatikstudentin Therese Kah, sekundiert von Robert Habeck, Parteivorsitzender der Grünen, dem die Umfragensonne derzeit am hellsten scheint. Schule müsse mündige Bürger erziehen, so Habeck, dem Auftrag kämen die Streikenden nach. „Sie haben so gut in der Schule aufgepasst, dass sie wissen, worum es geht.“

Als Klimawarner war auch der Astrophysiker Harald Lesch dabei, begnadeter Fernseherklärer komplexer Wissenschaftsthemen von der Struktur der Materie bis zur Evolution der Gattung Mensch. Keine Frage, dass Professor Lesch sich für Greta begeisterte: „Noch viel mehr Schüler müssten Freitags die Schule schwänzen!“

Gibt es erst schwere Stürme über Zentraleuropa, so Lesch, „würde keiner mehr über die Schulpflicht reden“. Die jungen Leute sagen die Wahrheit, so Lesch, „sie wollen kein Amt ergattern“, sondern sorgten sich um ihre Zukunft, und sie seien „die einzigen, die die Wissenschaft wirklich ernst nehmen.“

Kubicki mit verschmitztem Pragmatismus

Jenseits verbohrter Identity-Politics, verirrter Brexit-Nationalismen oder verengender Netzfixiertheit steigt ein Teil der Jugend global auf die Barrikaden, ganz analog, ganz physisch präsent. Die Jungen erheben Einspruch gegen das rücksichtslose System der Älteren. Deren Part übernahmen bei Anne Will die Profi-Politiker Reiner Haseloff, Christdemokrat und Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, der zur Kohlekommission gehört und, wie Angela Merkel, Physik studiert hat, sowie Wolfgang Kubicki, Vize-Vorsitzender der FDP, deren ökonomischen Pragmatismus er verschmitzt vertritt, wo immer er kann.

Dem Charme, dem Bann des wundersamen Klimawunderkindes Greta, das war ihnen klar, durften auch diese Herren nicht völlig widerstehen, um nicht dazuhocken als Vertreter kurzsichtiger Profitorientierung. Vor allem Haseloff zeigte Verständnis für die „Generation Greta“, weniger allerdings für die Streiks. Kubicki fehlte das Verständnis völlig: Es sei „schlicht und einfach ein Schulschwänzen“, die Schüler schadeten nur sich selbst.

Therese Kah rückte zurecht, nur durch das Demonstrieren an Freitagen sei „die Aufmerksamkeit gesichert“, Klausuren würden in der Regel nicht versäumt - und der Weltklimabericht mahne schließlich zur Eile bis 2030.

Verbales Gerangel mit Habeck

Optimistisch prophezeite Reiner Haseloff, die Klimaziele seien erreichbar und sie würden erreicht werden, man müsse vor allem eher global denken statt national. Von Robert Habeck kam die gute Nachricht, alle technischen Möglichkeiten seien da, es gebe kein Erkenntnisdefizit, es brauche nur den politischen Willen.

„Wir können nicht von heut auf morgen alle Kraftwerke stilllegen“, klagte Wolfgang Kubicki, Indien, China, Südafrika wollten Entwicklung und bräuchten Energie. Die seien auch auf dem Weg zu nichtfossilen Energiequellen, konterte Habeck. Verbales Gerangel lieferten sich Kubicki mit Habeck zum Abschaltplan für Kohlekraftwerke - und wie Habeck argwöhnte Kah, das neue „Klimakabinett“ der Regierung werde sich als „Kaffeekränzchen“ erweisen.

Eingespielt wurde auch Angela Merkels Lob der Kinder, die an den „Fridays for Future“ demonstrieren, und Harald Lesch befürchtete, sie würde „unter dem Schultergeklopfe zusammenbrechen“, und es werde nicht „der Bedeutung des Themas angemessen“ diskutiert.

Deutschland wird seine eigenen Klimaziele verfehlen, wenn das Land den Empfehlungen der Kohlekommission folgt, konstatiert die Wissenschaft – während die Realpolitiker Kompromisse beschwören, wie Reiner Haseloff mahnte: Man müsse die „Akzeptanz der Bevölkerung“ bedenken, „die Menschen mitnehmen“, um radikale Wähler zu beruhigen. Da stimmte Wolfgang Kubicki gerne zu – und Robert Habeck erinnerte daran, dass für den Aufstieg der AfD je nach Gusto „die Flüchtlinge“ oder „der Klimaschutz“ herhalten – davon dürfe die Politik sich nicht treiben lassen.

Erwachsene Version von Greta

Soziale Politik und Wohlstand stünden nicht im Widerspruch zum Klimaschutz, ist auch Therese Kah überzeugt, die sozusagen eine erwachsenere Version von Greta Thunberg verkörperte, der Stichwortgeberin der Sendung. Thunberg, Tochter einer Opernsängerin und eines Schauspielers, soll eine Form des Autismus haben, womit sie die Beharrlichkeit und Konzentriertheit erklärt, mit der sie sich seit dem neunten Lebensjahr dem Klimawandel widmet.

Sie betrachte „die Welt aus einer anderen Perspektive“, sagte sie zu Masha Gessen, der diesjährigen Trägerin des Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, als diese sie im Oktober 2018 für den „New Yorker“ interviewte. „Leute mit Autismus“ erklärte Thunberg, „haben spezielle Interessen.“

Ruhm, so scheint es, ficht die Teenagerin nicht an. Das mediale Interesse werde abebben, sagt sie selber ruhig. Gleichbleibend ernsthaft, besorgt und freundlich reagierte Greta Thunberg, deren Gesicht mitunter wirken kann wie das eines Kindes aus einem Märchenfilm, auf Anne Wills Fragen. „Ich bin realistisch“, stellte sie fest, „ich kenne die Fakten“.

Sie habe keine Zweifel, es gebe für sie keine andere Wahl, als konsequent und aktiv zu sein, ihre Reden schreibe sie selber, und in der gefahrvollen Atomkraft sieht sie, anders als behauptet, keinen Ausweg. Fleischkonsum, Flugreisen – das gibt es in Gretas Familie nicht mehr.

Keine Kompromisse? Will lächelt beim Fragen. Antwort: „Man lebt entweder nachhaltig, oder man lebt nicht nachhaltig.“ Ihre Mission sei es, „die Welt mit dem Pariser Abkommen in Einklang zu bringen“. In diesem Sinn plädierte Harald Lesch bei Anne Will konkret für individuelle Phasen des Nichtstuns als Strategie zum Energiesparen, für einen „Energiesabbat“.

2078, hatte Greta Thunberg auf der Weltklimakonferenz gesagt, werde sie ihren 75. Geburtstag feiern. Vielleicht würden ihre Kinder, so sie welche hätte, dann fragen, warum die Erwachsenen solange man noch handeln konnte nicht das Richtige taten. Die Generation Greta denkt nicht nur eine Generation weiter.