Gysi und Schmidt bei n-tv : Talk im Sturm

Rezo, Greta, Brexit, Groko, Habeck - offenbar ist einfach zu viel passiert: Gregor Gysi und Harald Schmidt blicken bei n-tv aufs Halbjahr zurück.

Rezo, Strache, Greta, Habeck. Offenbar ist im ersten Halbjahr 2019 so viel passiert, dass n-tv seine Rückblicks-Frequenz mit Gregor Gysi und Harald Schmidt verdoppelt.
Rezo, Strache, Greta, Habeck. Offenbar ist im ersten Halbjahr 2019 so viel passiert, dass n-tv seine Rückblicks-Frequenz mit...Foto: n-tv

Auf die Frage, was einen in diesen heißen Sommertagen talk- und fernsehmäßig überhaupt noch bewegen könnte, gibt es zwei Antworten. Zum Einen: Gar nichts. Sommerpause, wie „Anne Will“. Zum Anderen: Gregor Gysi und Harald Schmidt, Sozialismus und Sarkasmus. Diese Kombination scheint dem Publikum so sehr zu gefallen, dass n-tv dem Jahresrückblick der beiden Gelegenheitstalker am späten Dienstag Abend mit einer Halbjahresausgabe einen draufsetzt. Mitte vergangener Woche war Live-on-Tape-Aufzeichnung in einem Club am Berliner Gendarmenmarkt. Wer Gelegenheit hatte, den beiden – und das ist keine Beleidigung – Selbstdarstellern beim Aneinander-Vorbei–Reden über Rezo, Brexit, Habeck und Greta beizuwohnen, fragt sich am Ende: Warum eigentlich so was nicht öfters im Fernsehen?

„Ganz einfach“, sagt Produzent Friedrich Küppersbusch an diesem glutheißen Tag nach der Aufzeichnung hinter den Kulissen: „Kriegen Sie die beiden erst mal zu einem Termin.“ Von wegen Interview. Keine Chance. Gysi war gleich wieder weg, Schmidt auf dem Sprung zum Flieger nach Wien. Um so kräftiger die einstündige Two-Men-Show vor gut 50 Studiozuschauern, die in tutto ein ungefähres Bild vom Durchschnittsalter des n-tv-Zuschauers geben: 58 Jahre. Etwas älter die beiden Protagonisten vorne auf der Bühne: Schmidt 61, Gysi 71.

Mancher Zuschauer ist nicht zum ersten Mal hier. Ein gewisser Respekt, ein Raunen schwingt mit, als sich (Noch)-Politiker und (Ex-)Moderator nach dem unvermeidlichen Studio-Einheizer dem Plaudertisch nähern (das Vorabgeplänkel sieht man im Fernsehen nicht, wer nie bei einer Live-on-Tape-Aufzeichnung dabei war: den Teil möglichst meiden!).

„Das Strache-Video war Weltklasse“

Das Konzept ist einfach: in 50 Minuten durch sechs Monate. Einspielfilmchen und Reaktionen von Gysi und Schmidt. Der Überraschungsfaktor ihrer Beiträge hält sich allerdings in Grenzen. Schnittpunkte zwischen Sozialismus und Sarkasmus ergeben sich nicht wirklich. Linkes Wahlprogramm mit Gysi, Stand-up-Comedy mit Schmidt. Angenehm unaufgeregt.

Beim Themenkomplex Rezo/ Friday’s für Future/Klimawandel fordert Gysi noch mehr rebellische Jugendliche, Schmidt kann auf die Autoindustrie verzichten. Und: „Ich hab bei uns zu Hause schon gefragt, welche von unseren fünf Flugreisen wollen wir streichen?“ Wer’s glaubt. Zum Groko-Ende und einem grünen Kanzler Habeck schwächt Schmidt ab: „Warum nicht, der Hauptjob ist eh’ EZB-Präsident“, während Gysi anmahnt, anti-ökologisches Verhalten müsse teuer werden. „Wenn die SPD sich retten will, muss sie noch in diesem Jahr die Große Koalition verlassen.“

Zur Kühnertschen Enteignungsdebatte fällt Schmidt ein, wie anstrengend es ist, Multimilliardär zu sein, das wisse ja keiner, während Gysi die Einführung der Vermögenssteuer fordert. Strache und das Skandalvideo dürfen natürlich auch nicht fehlen. Schmidt ist prinzipiell dagegen, dass Menschen ohne Einwilligung heimlich gefilmt werden. Er habe es aber sehr gerne gesehen, „das Video war Weltklasse“. Man solle allerdings nicht von Politikern eine Moral erwarten, die kaum einer sonst im Alltag aufbringe. Selbst besoffen dürfe man nicht so einen Unsinn erzählen, schiebt Gregor Gysi hinterher.

So weit, so vorhersehbar. Und trotzdem recht lustig zu hören und zu sehen (mal abgesehen davon, wie oft bei „Anne Will“ oder „Maybrit Illner“ aneinander vorbei geredet wird), rein körpersprachlich. Manchmal ein scheeler Blick, Gysi von der Seite hoch zu Schmidt: Versteht der mich eigentlich, oder will der mich jetzt verarschen? Politiker und Unterhaltung/Satire, das holpert mitunter und ist nicht erst seit Oettinger und „heute-show“ oder Steinbrück und Florian Schröder Thema. Im Falle Gysi & Schmidt ist an einen Satz von Dirty Harry zu erinnern: Politiker finde er als Gesprächspartner generell unergiebig.

Bei Gysi kann schon mal eine Ausnahme gemacht werden. In dem sich die beiden Alpha-Männer dem Prinzip Talkshow verweigern, bereichern sie das Genre, ähnlich wie es, auf eine wüste Art, Serdar Somuncu bei n-tv tut. Im halben Jahr trifft man sich wieder: Sozialismus und Sarkasmus, Rückblick Nummer Vier.

„Gysi & Schmidt: Der n-tv Rückblick“, Dienstag, n-tv, 23 Uhr 30

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