Hajo Seppelt im Porträt : Zwischen Wada und Whistleblowern

Seit über 15 Jahren recherchiert ARD-Mann Hajo Seppelt in Sachen Doping und Korruption. Nun hat der Sportjournalist ein Buch dazu geschrieben. Was treibt ihn um? Eine Begegnung in Babelsberg.

Mal nicht undercover. Hajo Seppelt, 56, ist Deutschlands Dopingrechercheur Nummer eins. Damit hat sich der Sportjournalist nicht nur Freunde gemacht. Foto: WDR
Mal nicht undercover. Hajo Seppelt, 56, ist Deutschlands Dopingrechercheur Nummer eins. Damit hat sich der Sportjournalist nicht...Foto: WDR/Herby Sachs

Kommerz oder Wahrhaftigkeit? Korruptionsverdacht oder ehrlicher WM-Ausrichter? Wer Hajo Seppelt kennt, ahnt, welche Gedanken sich Deutschlands TV-Dopingrechercheur Nummer eins zum Sportgroßereignis Nummer eins dieser Tage macht. Am Freitagnachmittag startete die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha.

Zum selben Zeitpunkt hatte Seppelt eine Doku im Ersten laufen, die sich – wieder einmal – den Schattenseiten des Sports zuwandte. In „Kampf ums Geschlecht – die verstoßenen Frauen des Sports“ berichtete die ehemalige Weltklasse-Läuferin Annet Negesa aus Uganda über die fatalen Folgen ihrer Hormon-Operation. Seit dem Eingriff kann Negesa keinen Leistungssport mehr betreiben.

Ein echter Seppelt – wo sich die Sportwelt über Rekorde und Medaillen freuen will, zeigt er uns die Kehrseite der Medaille. Und wundert sich ein paar Tage vorher beim Journalistenbesuch darüber, wie man stundenlang Leichtathletik-WM in Doha schauen kann, ohne den schönen Schein zu hinterfragen.

Ortstermin in Potsdam-Babelsberg, zu Besuch bei EyeOpening.Media, Seppelts Produktionsfirma. Vierter Stock in einem Gebäude zwischen RBB und Medienstadt. Hier entstehen all die Geschichten, die die Sportwelt in den vergangenen Jahren aus den Angeln gehoben haben: Recherchen zum russischen Staatsdoping, Kinderdoping in der DDR, Vertuschungen in Kenia, China oder Nordkorea, Dopingnetzwerke überall.

Das war ja nicht immer so in Seppelts Leben. Auf dem Büroregal Bilder aus den 1980ern: Seppelt neben Kerner, Seppelt neben Merlene Ottey. Im Raum verstreut diverse Auszeichnungen (Deutscher Fernsehpreis, Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis 2016), die davon zeugen, dass wir es hier mit einer etwas anderen Art Sportjournalisten zu tun haben als der, die wir Samstag für Samstag in „Sportschau“ oder „Sportstudio“ oder eben vor der Kamera bei der Leichtathletik-WM sehen.

Undercover in der Unterwelt des Spitzensports

Seppelt stellt ein Glas Wasser auf der Tisch. Daneben ein Exemplar seines neuen Buches „Feinde des Sports – Undercover in der Unterwelt des Spitzensports“ (Econ-Verlag). Der gebürtige Berliner schildert darin seine Anfänge im Sportjournalismus beim SFB, zusammen mit Reporterkollegen, Simon, Kerner, Sprentzel.

Da ist schon auch viel Dankbarkeit zu spüren, später die Metamorphose zum weltweit wohl bekanntesten Enthüller im Sport – eine andere Art von Ruhm als Simon, Kerner & Co. Ist das Buch jetzt eine Art Autobiografie, mit 56? Nicht wirklich, sagt Seppelt. „Ich habe in der Welt des Dopings, der Korruption so spannende Geschichten erlebt, die nie in meinen Filmen Einzug gehalten haben, dass ich das einfach mal festhalten wollte.“

Treffen mit dubiosen Kontaktmännern oder mutigen Whistleblowern, Recherchen in den entlegensten Winkeln der Welt, Dreharbeiten mit überraschenden Wendungen. „Das waren manchmal wahre Krimis. Als ich meinen Co-Autor Wigbert Löer fand, stand das Buch fest.“

Stoff ist genug da. Seppelts Recherchen im Milieu von Doping und Korruption führten zu Ermittlungen von Strafverfolgern und Rücktritten hoher Funktionäre, was auch Seppelts Privatleben bestimmt hat, als er zum Beispiel die Stepanows – Whistleblower, die Russland verlassen mussten – in seiner Berliner Wohnung hat leben lassen.

„Meine Zeit in der ARD hatte ja Höhen und Tiefen“

Mit versteckter Kamera in Untergrundlaboren und in Hinterzimmern von Sportfunktionären – es gibt bequemere Jobs. Im Mai 2018 lieferte Seppelt eine weitere Folge von „Geheimsache Doping“. Darin ging er Verdachtsmomenten zum Doping im Fußball im Land des WM-Gastgebers nach. Weil es in Russland für ihn zu gefährlich sei, flog Seppelt nicht zur Fußball-WM.

Sicherheitsbehörden hatten dem Journalisten von der geplanten Reise abgeraten. Bei alldem muss er sich doch mal gefragt haben: Was soll das alles? Ich könnte jetzt entspannt im Radio Hertha-Spiele oder Schwimm-Events kommentieren.

„Meine Zeit in der ARD hatte ja Höhen und Tiefen“, sagt Seppelt. „Vor zwölf Jahren hatten sie mich als Schwimmkommentator rausgeschmissen.“ Das hatte er anderthalb Jahrzehnte gemacht. „Ich muss aber auch zugeben: Mich hatte das Schwimmen immer weniger interessiert.“

Damals hatte er sich gefragt: Was passiert da vor mir? Kann ich dem trauen, was da abläuft? „Da kam ich schon auch mal in Konflikt mit Kollegen. Habe dann gesagt: Das ist mir zu viel Oberflächlichkeit, Distanzlosigkeit und Entertainment. Das war nicht das, worum es mir ging.“

Worum dann? Was treibt Hajo Seppelt um? Das Bundesverdienstkreuz im Regal? In einer im Buch dokumentierten Mail des damaligen Wada-Chefermittlers Robertson 2014 an Witali Stepanow, den Tester der russischen Doping-Agentur Rusada heißt es: „Er sucht die Wahrheit …“.

Seppelt zögert kurz. Das klinge ihm zu pathetisch, nach Robin Hood. „Ich mag die Unwahrheit nicht. Ich kann damit nicht umgehen. Ich kann Heuchelei und Verlogenheit schlecht ertragen, vor allem auch im Journalismus.“

Es gibt Kritiker, die sagen, Seppelt sei obsessiv. Er überlegt kurz, sagt vehement: „ Nein, bin ich nicht. Ich bin hartnäckig und gebe nicht so leicht auf. Das ist auch nötig, vor allem, wenn wir an schwierigen Themen dran sind.“

Klar könne er nicht ausschließen, dass ihn der eine oder andere in Deutschland für einen Spielverderber oder Nestbeschmutzer hält. Andere sagen, er sei zu eitel. Seine Reportagen sind öfters in Ich-Form gedreht. Er ist häufig im Bild zu sehen. „In den vergangenen Jahren haben wir das deutlich reduziert. Die Erzählweise in unseren Filmen entstand 2014, als ein WDR-Redakteur die Idee hatte, die Story zu Russland in der Ich-Form zu erzählen, um die Zuschauer besser mitzunehmen.“

Das mit der Mitnahme kann nicht ganz falsch gewesen sein. Das größte Kompliment für seine Arbeit sei, sagt Seppelt, wenn Leute sich in der Art äußern wie mal nach einem Film geschehen: „Wissen Sie, Herr Seppelt, die Recherche, die ich da gerade gesehen habe, ist mir das ganze Jahr meiner Rundfunkgebühren wert.“

Auch eine Art von Public Value. Für die nächste Woche hat Seppelt weitere Berichte über Auswüchse des Sports angekündigt. Dann ist noch Leichtathletik-WM, in einem heißen Land mit viel Geld, ohne geeignete Wettkampfbedingungen. Die ersten Athleten sind in der Nacht zum Samstag beim Marathonlauf umgefallen. Seppelt wird’s geahnt haben.

1 Kommentar

Neuester Kommentar