"hart aber fair" über das Thema Billigreisen : Sind wir schuld, wenn Venedig untergeht?

"Hart aber fair" lässt Chemnitz außen vor und widmet sich der Frage, inwiefern Billigreiser Städte und Natur zerstören. Ein Gast überraschte besonders.

Markus Ehrenberg
Manuel Andrack als Gast bei "hart aber fair". "
Manuel Andrack als Gast bei "hart aber fair". "Foto: WDR/Dirk Borm

"Lesung auf einem Kreuzfahrtschiff?" "Klar, wenn die Kohle stimmt." Schwer zu sagen, ob das der Autor Manuel Andrack ernst meinte, am Montag abend bei "hart aber fair". Sicher ist, dass die Redaktion um Frank Plasberg mit dem Thema Massentourismus und die Folgen überraschte, wo doch alle in diesen Tagen über Chemnitz und die Folgen reden. (Vielleicht auch eine Reaktion auf die nicht verstummende Kritik, dass die Medien das Thema Rechtsextremismus, Chemnitz, AfD etc. zu sehr aufbauschen, zu sehr aufheizen).

Statt der Frage also, Rechtsextremismus und der richtige Umgang damit ein Augenmerk auf Venedig, Dubrovnik, Amsterdam, Mallorca oder Thailand, all die Hotspots dieser Erde, die im Massenstrom der Touristen unterzugehen drohen oder zumindest doch ihre Identität verlieren, wie es der Europa-Korrespondent Dirk Schümer beklagte.

Sind wir alle Kreuzfahrer und Billigreiser? Ist das Krisengeheul? Wer noch nie in Venedig war, dürfte es sich nach diesem Abend noch mal überlegen. Schümer, der die Hälfte des Jahres in der Lagunenstadt lebt, sagte, dass er sich dort nur noch morgens vor neun Uhr zum Bäcker und auf die Rialto-Brücke wage. Wenn das erste Kreuzfahrtschiff seine Touristen ausspuckt, komme man in der Stadt nicht mehr durch. Venedig gehe bald unter, und wir sind daran schuld.

Das wollte Ex-Tourismusmanager Karl Born so nicht stehen lassen. Man könne den Menschen, gerade auch den Besuchern aus Fernost, schließlich nicht vorschreiben, wohin sie reisen. Es sollte mindestens auch darum gehen, folgerte Greenpeace-Sprecherin Sweelin Heuss, gewisse Kontingente, sprich Limitierungen festzumachen, was die Anzahl von Besuchern, respektive Touristen zur selben Zeit an einem Ort betrifft. Versuche politischer Reglementierung griffen bislang ins Leere.

Noch besser, so Heuss, sei natürlich ein Bewusstseinswandel. Man müsse nicht 22mal im Jahr nach Barcelona fliegen, nur weil das meist weniger kostet als eine Taxifahrt zum Flughafen. Ein Vorschlag, dem erstaunlicherweise auch der bunteste Gast dieser Talkrunde folgen wollte: Matthias Distel alias „Ikke Hüftgold“, vor allem bekannt als Partyeinheizer am Ballermann, der jetzt an Bulgariens Stränden für Stimmung sorgt, dieses aber wesentlich nachhaltiger tun will. Der Flugpreis regelt die Nachfrage, zum Wohle der Städte und Hotspots, die sich langsam gegen diese Völkerwanderung zu wehren beginnen ("Tourist, go home!").

Sinnvoll sei auch, und darin waren sich dann alle einig, dass bei den boomenden Kreuzfahrt-Unternehmen ein Umdenken stattfinden muss. Weg vom Schweröl auf den 400 Kreuzfahrtschiffen dieser Welt, hin zum Gas, wie es die AidaNova praktiziert, die vergangene Woche vom Stapel ging, das erste Kreuzfahrtschiff der Welt, das allein mit emissionsarmem Flüssiggas (LNG) betrieben werden kann. Immerhin ein Anfang. Da muss viel folgen.

Vielleich geht Manuel Andrack dann dort wirklich mal an Bord, auf eine Lesung.

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