In der Männer-Republik : Wie Frauen die Politik eroberten

Starke Zeichen, ikonische Protestsignale - zum schwierigen Verhältnis zwischen Politik und Medien: eine Reflexion in 14 Kapiteln.

Sag’s mit Blumen. Die Fraktionschefin der Linkspartei im Thüringer Landtag, Susanne Hennig-Wellsow, hat FDP-Politiker Thomas Kemmerich am 5. Februar auf ihre Weise zu seiner Wahl zum Ministerpräsidenten „gratuliert“.
Sag’s mit Blumen. Die Fraktionschefin der Linkspartei im Thüringer Landtag, Susanne Hennig-Wellsow, hat FDP-Politiker Thomas...Foto: dpa

Der Autor hat gerade das Buch „In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten“ publiziert.

House of Shame

Ist das, was in Erfurt geschah, nun eine Soap-Opera? Oder eine deutsche Ausgabe von „Game of Thrones“? Ist Donald Trump die Drama-Queen eines Streamingdienstes und haben wir jetzt einen deutschen Ableger dieses medialen Irrsinns: House of Shame!? Nancy Pelosi zerreißt den Redetext des Präsidenten, die Bilder entern die Welt. Susanne Hennig-Wellsow wirft einen Blumenstrauß und findet sich wenig später bei „Markus Lanz“ und „Anne Will“ wieder.

Fake-Augenblicke

Die symbolische Interpenetration von Medien und Politik ist in eine neue Phase getreten. Mehr als jemals zuvor steht die Politik unter dem Druck, dem Moment gewachsen zu sein, ihn zu beherrschen, ihn zu inszenieren, sich in ihm zu erfüllen und den Moment an sich – den explosiven Übermoment – sich zu eigen zu machen. Doch der kommunikative Geschwindigkeitsrausch entleert die Zeichen und Bilder und verkommt zur Diktatur der Fake-Augenblicke.

Charisma-Casting

Die SPD hat es 2019 gewagt, mediale und politische Formate versöhnen zu wollen: Charisma-Casting. Auf der Suche nach einem guten Hirten hat die Partei ein Auswahlverfahren in Gang gesetzt, das an eine Castingshow erinnerte: „SPDs next Top-Willy!“ Doch die Formatierung dieser Show, die knappen Redezeiten und die medialen Brechungen und Echos entwerteten diesen ambitionierten Versuch. Politische Rekrutierungsformate sind nur dann auf der Höhe der Zeit, wenn sie den Akteuren neue Sprach- und Performance-Chancen eröffnen, statt sie zu Geiseln von Blasensprech zu machen.

Momentifizierung

Die Momentifizierung der Politik verlangt nicht nur die Entscheidung und Lösung ad hoc, sondern auch die InstantFormulierung, das Tweet-Löwengebrüll und das schlagkräftige Symbol. Die politische Momentifizierung drängt aber nicht nur auf Fast-Sense-Food, sie staucht auch die herkömmlichen Zeitbahnen politischer Prozesse. Die deliberative Demokratie degeneriert zur delirierenden.

Macker

Nancy Pelosi und Susanne Hennig-Wellsow haben starke Zeichen, ikonische Protestsignale gesetzt. Der visuelle und performative Tabubruch ist konfrontativ und disruptiv. Schule machen sollten diese Beispiele nicht, aber im Kontext ihres Entstehens sind es hochwirksame Macho-Antidote. Frauen schreiben sich ein ins kollektive Bildgedächtnis und bestreiten die Präpotenz der Macker.

Postheroisch

Die Autokraten dieser Welt inszenieren sich visuell als Dezisionisten, mit nacktem Oberkörper, geballter Faust, goldenen Palästen. Sie sind die Heldenherren der Welt. Die deutsche Bundeskanzlerin hingegen zeigt sich als postheroische Charismatikerin, die ihr Publikum nicht mit einer überwältigenden Erzählung, triumphalen Bildern oder Ego-Posen fesseln will, sondern dem Bürger zutraut, selbst mehr Demokratie zu suchen und zu wagen.

Zittern

Was auch immer der Grund für das Zittern der Kanzlerin gewesen ist, souveräner als sie konnte man das Problem kaum lösen; sie bestand fortan auf einem Stuhl und stand, sitzend, zu sich selbst. Was als politische Bildbotschaft ein verheerendes Deutungspotenzial hätte entwickeln können, wurde zu einem Tableau Vivant fragiler Menschlichkeit und staatsfraulicher Klugheit. Ihre strikte Verteidigung der privaten gegen die öffentliche Sphäre, der intimen gegen die politische Zone fußt auf der Überzeugung, sich den medialen Bild- und Formatierungskräften niemals mit Haut und Haaren auszuliefern.

Gier

Zwischen klassischen Medienakteuren wie Radio, Fernsehen und Print und neuen Playern wie Facebook, Instagram oder Twitter entwickeln sich crossmediale Dynamiken, die ein beträchtliches destruktives Potenzial entfalten. Im Wettbewerb um Reichweite und Aufmerksamkeit produzieren diese Dynamiken Prä-Ereignisse, Prä-Fakten. Die antizipatorische Gier dieser Medienallianzen lässt sie selbst zu Ereignis und Co-Akteur werden, sie beschleunigen politische Entwicklungsprozesse ohne Rücksicht auf deren interne Zeitbahnen und Reifeprozesse.

Geländewagen

Die Politik verliert ihr Rückgrat, sie wird opportunistisch, wenn sie glaubt, auf diesen medialen Big Waves surfen zu können. Die CDU, die über die Casting-Show der SPD gespottet hat, wirkt gerade wie der hibbelige User einer Dating-App, blitzschnell soll es gehen: Quickie und trotzdem große Liebe. Die Zerstörung der CDU betreibt die Partei selbst, wenn sie es nicht schafft, den medialen Suggestiv- und Dead-Line-Formeln zu entkommen. Wie will man einen zeitgemäßen Konservatismus begründen, wenn man mit dem Geländewagen zum Traualtar fährt?

Rezo

„Die Zerstörung der CDU“: Das Video des Youtubers hat dazu beigetragen, Annegret Kramp-Karrenbauer als Parteichefin zu destabilisieren. Hätte die CDU Rezo weniger als Saboteur, sondern als reflexiven Sanitäter aufgefasst, also als einen konstruktiven Kombattanten in der „Weltrisikogesellschaft“, dann wäre der Modernisierungstotalschaden abzuwenden gewesen. Konfliktpartnerschaften sind als Chancen zu begreifen: Rezo, mittlerweile „Zeit“-Kolumnist, hat das Battle genutzt und sich eine weitere mediale Identität zugelegt. Jetzt sorgt er sich um die CDU und hat, ganz ohne Spott, Empathie und kluge Ratschläge im Gepäck.

Nullte Gewalt

Autokratisches, antidemokratisches Denken beginnt da, wo Politiker die vierte zur nullten Gewalt machen wollen. Wer davon träumt, eigene Blasenwelten zu organisieren oder die unabhängigen Medien zu destabilisieren, verletzt das Prinzip der Gewaltenteilung.

Unbarmherzig

Politik und Medien bedingen und prägen einander. Begriffe wie „Telekratie“ oder „Mediakratie“ streuen die Botschaft, die Medien hätten die Herrschaft übernommen. Das ist falsch. Politik bedarf der Inszenierung, der Symbole, bisweilen auch der Show. Allerdings darf Politik sich nicht hemmungslos den Formaten des Entertainments ausliefern und die Medienakteure dürfen sich nicht hemmungslos mit Politikern verwechseln.

Migrationshintergrund

Das Wort gehört ins „Wörterbuch des Unmenschen“. Es träufelt Gift ins Bewusstsein. Vom Hintergrund zum Untergrund zum Attentat zum Terror.

Hanau

Marietta Slomka hatte Thomas Kemmerich am Abend des 5. Februar im Interview des „heute-journals“ entlarvt: Diese Glatze hatte nichts gelernt aus der Geschichte. Wer aber von Erfurt spricht, darf von Hanau nicht schweigen. Wer Kemmerich den Pakt mit Faschisten vorwirft, muss sich fragen, ob man selbst mit diesen paktiert. Die politischen Talkshows von ARD und ZDF sollten sich fortan sehr genau prüfen, mit welchen Gästen sie um Zustimmung beim Publikum buhlen. Andernfalls müssten sie zurücktreten.

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