"Bei Wulff ist unten nichts mehr, da ist Sand, da sind Sie schnell durch"

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Interview : „Ich hätte auch untergehen können“

Eine Affäre wie die um Bundespräsident Wulff wirkt dagegen kleinkrämerisch?

Bei Wulff weiß man noch nicht, wie es zu Ende geht. Aber wenn man die Chance zu einer Tiefenbohrung bei Figuren wie Bertolt Brecht hat, stößt man auf die großen Ströme der Geschichte. Bei Wulff ist unten nichts mehr, da ist Sand, da sind Sie schnell durch.

Nach dem katholischen Internat, einer „Geschlossenen Gesellschaft“, wie Ihr Film hieß, folgte Hamburg. Ein Kulturschock?

Das war ein schmerzhafter Abschied von den Mythen und Sicherheiten des katholischen Himmels, da war auch Exorzismus dabei. Ich habe in der Nähe der Reeperbahn gewohnt, konnte machen, was ich wollte. Ich hätte auch untergehen können. Nach und nach habe ich angefangen, ernsthaft zu arbeiten, habe Menschen und mich selber kennengelernt. Das hat gedauert. Als ich später „Eine Geschlossene Gesellschaft“ drehte, war es eine Wonne, diese Kirche, in der ich gedemütigt und unterdrückt worden war, für den Film zu säkularisieren. Ich trat im Habit des Regisseurs auf, wo ich früher eine kleine Tabernakel-Laus gewesen bin. Dabei war das meine erste Regie, ich hatte überhaupt keine Ahnung. Es war großartig.

Jetzt überlassen Sie als „Vorlass“ der Deutschen Kinemathek eine Menge Material.

Ich hatte von Anfang an bei jedem Filmprojekt das Material in Kisten gesammelt. Inzwischen habe ich hier im Haus vier Keller angemietet. Die Kinemathek macht das jetzt nach und nach im Netz zugänglich. Das ist ein wachsendes Lebens- und Arbeitsbild mit Drehbüchern, Szenenfotos, handschriftlichen Notizen, Audiokommentaren – eine Art Fernstudium für dieses spezielle Fach des Doku-Dramas, aber auch zur Geschichte des deutschen Fernsehens.

Wo gibt es Grenzen?

Es wird einiges Material geben, das erst nach meinem Tod abgeholt werden wird. Persönliches, Briefe und all das, was in einen Nachlass gehört, um das Bild abzurunden. Wenn das Leben vorbei ist, kann man es erzählen.

Und nun? „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen“?

So könnte der Brecht-Film enden. Nur: Das ist ja nicht wahr von Brecht. Denn man steht nicht betroffen, und alle Fragen sind nicht offen. Er hat ziemlich deutlich an den Figuren gezeigt, woran es liegt, dass die Menschen so unmenschlich sind. Es ist das ökonomische System der Ausbeutung. Darin sah er den Schlüssel.

Wie viel Brecht steckt in Breloer?

Ich habe sicher viel von Brecht gelernt. Ein Dokument auf eine Spielszene zu schneiden und umgekehrt, ist der größte Verfremdungseffekt, den es gibt, weil man die Situation im besten Sinne des Wortes noch einmal fremd macht und den Zuschauer dazu bringt, über die Szene nachzudenken. Das hat sicher mit dem zu tun, was Brecht – besser als alles andere in seinem Leben – gelungen ist: das Theater zu revolutionieren und zu verändern.

Das Gespräch führte Thomas Gehringer.

In Gelsenkirchen wurde Heinrich Breloer am 17. Februar 1942 geboren. Der sechsfache Grimme-Preisträger entwickelte mit Horst Königstein das Genre Doku-Drama. Seine Filme befassen sich mit der jüngeren deutschen Geschichte, wie dem RAF-Terrorismus („Todesspiel“) und den Affären der Bundesrepublik („Die Staatskanzlei“). Seine Thomas-Mann-Verfilmung „Die Buddenbrooks“ sahen sich im Kino mehr als 1,2 Millionen Zuschauer an.

Heinrich Breloer hat zwei Kinder und lebt in Köln. Zu seinem Geburtstag startet die Deutsche Kinemathek das Portal www.breloer.deutsche-kinemathek.de.

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