Interview mit David Kross : „Einfach mal die Stopp-Taste drücken“

Schauspieler David Kross über Immobilienspekulanten und Provinzgewächse, die Netflix-Serie „Betonrausch“ und Corona-Folgen.

Jan Freitag
Durch Filme wie „Der Vorleser“ und „Same Same But Different“ wurde David Kross, 29, international bekannt. In der Netflix-Serie „Betonrausch“ spielt er den Immobilienschwindler Viktor Stein, der sich zunehmend in einen Strudel aus Lügen, Betrug und Täuschung manövriert.
Durch Filme wie „Der Vorleser“ und „Same Same But Different“ wurde David Kross, 29, international bekannt. In der Netflix-Serie...Foto: Nik Konietzny/Netflix

Im Netflix-Drama „Betonrausch“ spielt der deutsche Weltstar David Kross ("Der Pass", "Boy 7") ab Freitag einen Immobilienspekulanten im dauernden Exzess. Privat ist der 29-Jährige vom Dorf dagegen die Ruhe selbst.

Herr Kross, Sie stammen genau wie Ihre Filmfigur Viktor aus der Provinz und sind als junger Mann ins große Berlin gezogen. War das bei Ihnen derselbe Sprung ins Abenteuer ohne Plan und Geld?
Es war schon ein Sturz ins Abenteuer, aber nicht so ganz ohne Plan oder Geld. Obwohl ich Berlin von Dreharbeiten schon kannte, war es trotzdem etwas Besonderes, dort plötzlich fern von zu Hause allein zu wohnen. Und während Viktor überhaupt keine Ahnung hat, wie es in Berlin weitergeht, war mir völlig klar, was ich wollte.

Ein Weltstar werden?
Nee. Aber mir war schon klar, dass Berlin mit all seinen Produktionsfirmen, Drehorten und Agenturen der perfekte Ort für den Start war.

Sie sind also nicht wie Viktor in den Exzess mit Nutten, Koks, schnellem Geld gerauscht?
Nein! Das Koks in „Betonrausch“ bestand aus Traubenzucker mit Pfefferminz. Das brennt allerdings auch ein bisschen; als ich bei einem Take mal viel zu viel davon gezogen habe, ist das voll in den Kopf geknallt; da musste ich den Kick fast gar nicht mehr spielen.

Wie realistisch ist denn die kapitalistisch entfesselte Business- und Partyszene, in der Ihre Figur landet?
Der Regisseur und Autor Cüneyt Kaya hat jedenfalls intensiv in den Kreisen recherchiert. Das macht „Betonrausch“ zum Zusammenschnitt verschiedener Geschichten, die für sich alle absolut realistisch sind, in dieser Konstellation aber fiktional. Wenn man durch Berlin geht, trifft man echt alle naselang Typen, die genauso mit Geld um sich werfen wie Viktor und Gerry.

Sie selbst sind einst zu einer Menge an Geld gekommen, die für Gleichaltrige Ihrer Mittelschicht ungewöhnlich ist. Haben Sie es auf den Kopf gehauen oder gespart?
Natürlich hab’ ich mir Dinge gekauft, die mit 15 vorher unmöglich gewesen wären, wie eine Spiegelreflexkamera. Da es von „Knallhart“ bis „Vorleser“ aber so wahnsinnig schnell ging, war Geld ganz ehrlich zunächst kein Thema. Ich habe erst kürzlich einen Steuerbescheid von damals gesehen und gemerkt, was mir gezahlt wurde. Das Bewusstsein, dass die Schauspielerei auch ein Beruf ist, um Geld zu verdienen, kam erst später, und es hat mir insofern eher Sorge bereitet, darüber den Spaß an der Arbeit nicht verlieren zu wollen.

Haben Sie je die Erfahrung von Viktor gemacht, dass Geld einer Lawine gleicht, wie er im Film sagt – wer genug hat, dem wird noch mehr hinterhergeschmissen, während all jene, die nichts haben, nichts kriegen?
Da ist gesamtgesellschaftlich schon was dran. Aber als Schauspieler kriegt man höchstens mal einen Anzug geschenkt, von dem sich der Hersteller erhofft, dass man ihn öffentlich trägt. Ich hänge zwar zwischen den Polen, aber doch etwas weiter weg von dieser Spekulanten-Szene.

"Als Investor bin ich eher konservativ"

Neigen Sie selbst zur Risikokapitalanlage?
Nein, als Investor bin ich eher konservativ. Schon weil man sich viel zu sehr mit dem Thema beschäftigen und einiges an Wissen zusammentragen muss, um es lukrativ zu machen. Wobei Viktor da ja auch ohne Vorkenntnisse reingeraten ist.

Ist dieses Landei, das in kürzester Zeit mit windigen Immobiliendeals hoch steigt und tief fällt, eigentlich der erste echte Antagonist des Guten Ihrer Filmlaufbahn?
Schon, er treibt ja ziemlich skrupellos selbst gewöhnliche Leute in den Ruin. Gerade deshalb wollte ich ihn auch unbedingt spielen – allerdings nur, weil er gleich mehrere Entwicklungen durchmacht, also nicht so der eindeutige Bösewicht ist.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple-Geräte  herunterladen können und hier für Android-Geräte]

Könnte dieser Film für einen Schauspieler, dem man wegen seines arglosen Lächelns lange Zeit nur nette Figuren zugebilligt hat, so gesehen ein Türöffner ins breitere Rollenspektrum sein?
Wer weiß? Wobei ich witzigerweise gerade noch ein weiteres Projekt habe, bei dem die Rolle noch viel, viel ambivalenter ist, das ist echt ein richtiger Bösewicht, ich war selbst überrascht, mit dem Lächeln so eine Chance zu bekommen.

Gibt es da möglicherweise einen Dominoeffekt?
Kommt drauf an, wie „Betonrausch“ beim Publikum ankommt. Und da haben wir angesichts der Coronakrise großes Glück gehabt, dass er auf Netflix läuft. Wir alle hoffen, dass die Kinos bald wieder öffnen, aber bis dahin helfen uns Streamingdienste enorm durch die schwere Zeit. Denn seien wir ehrlich: Zusammen mit den Synchronfassungen wird dieser Film vermutlich von mehr Menschen gesehen als die meisten meiner Kinofilme zusammen.

Kein hoffnungsfrohes Argument für den Fortbestand des Mediums Kino …
Das stimmt leider, ja. Ist aber unabhängig von der Coronakrise geschehen.

"Es wird mit Sicherheit weitergehen"

Was bedeutet die für Sie beruflich gerade?
Ich musste einen Dreh nach etwa einem Drittel unterbrechen, aber es wird mit Sicherheit weitergehen.

Und privat sitzen Sie zu Hause in Berlin und warten auf die Lockerung des Lockdowns?
Zu Hause ja, aber in Hamburg. Dort bin ich vor Kurzem hingezogen und warte auf bessere Zeiten. Aber ehrlich: Ich als Schauspieler bin das Warten gewohnt. Das ist kein Vergleich zu Menschen, deren ganze Existenz auf dem Spiel steht. Und gerade ein Film wie „Betonrausch“ zeigt, dass die Krise abgesehen von der gesundheitlichen und finanziellen Katastrophe uns auch etwas anderes zeigen kann. Ich glaube, in unserer überhitzten Zeit tut es vielen gut, mal die Stopptaste zu drücken und kurz wieder zur Besinnung zu kommen.

Wenn wieder Play gedrückt wird, entstehen vom RTL-Thriller über die Jagd nach dem Antivirus bis zur Arte-Serie über die Krise der Clubkultur sicher Hunderte von Pandemie-Fiktionen. In welcher würden Sie da gern mitmachen?
Spontan würde es mich wahrscheinlich reizen, einen Mann zu spielen, der in der Quarantäne wahnsinnig wird. Davon gibt es vermutlich grade viele.

Mehr zum Thema

Das Interview führt Jan Freitag.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!