Interview mit Lisa Martinek : „Härter als alles zuvor“

"Das ist eine Frage der Konzentration": In der ARD-Serie „Die Heiland“ spielt Lisa Martinek eine blinde Anwältin.

Jan Freitag
Die blinde Anwältin Romy Heiland (Lisa Martinek) weiß sich vor Gericht zu orientieren.
Die blinde Anwältin Romy Heiland (Lisa Martinek) weiß sich vor Gericht zu orientieren.Foto: ARD/Reiner Bajo

Frau Martinek, Sie spielen die blinde Anwältin Heiland versiert, aber am Ende doch als Sehende. Warum hat man für die Rolle keine blinde Schauspielerin besetzt?

Es gäbe gewiss Frauen, die blind sind und sich die Darstellung auch zutrauen. Aber ausgebildete Schauspielerinnen mit einer Sehbehinderung, wie ich sie in der Serie habe, sind überaus selten – schon weil ihr Einsatzbereich so begrenzt wäre. Außerdem gibt es versicherungstechnische Gründe dafür, Sehende zu besetzen; ein Filmset ist anders als die Bühne kein geschützter Raum. Und das brächte am Ende auch ein zeitliches Problem.

Trotzdem haben Sie nicht die lebenslange Übung von Pamela Pabst, an deren Geschichte sich „Die Heiland“ orientiert.

Das stimmt. Andererseits gibt es Blinde mit ausgeprägter Mimik, die Varianten der Blindheit sind ja mannigfaltig. Und das eine Prozent Sehkraft von Pamela Pabst klingt wenig, verändert zwischen 100 und null Prozent aber alles. Außerdem habe ich zur Vorbereitung Kurse des Blindenverbands Berlin besucht und einen Mobilitätstrainer, der mir eine Art Bewegungstraining verordnet hat. Und als ich Pamela Pabst kennengelernt habe, hat sie zur Abstraktion gewissermaßen die Realität beigesteuert. Mittlerweile sind wir befreundet.

Macht das die Serie zum Biopic?

Nein, sie ist reine Fiktion, orientiert sich aber an Pamelas Geschichte. Ich habe mir auch praktisch viel von ihrer Arbeit in der Kanzlei abgeschaut – wie sie sich bewegt, Telefonate führt, mit ihrer Assistentin umgeht, in Prozessen agiert.

Wie kriegt man es hin, als Sehende die Augen so starr zu halten?

Indem ich nicht fixiere, sondern mich aufs Hören besinne. Das ist eine Frage der Konzentration, die zum Berufsprofil des Schauspielers zählt, während es Menschen generell schwerfällt, sich voll auf den Moment zu fokussieren. Deshalb kostet das schon im Normalfall viel Kraft, aber in der Rolle einer Blinden ist es ungleich härter als alles, was ich zuvor gespielt habe.

Dient es Ihnen da als Ablenkung vom sichtbaren Umfeld, dass Ihre Figur alles mit den Fingern berühren muss, oder ist das ein Tick, den Regie und Drehbuch vorgeben?

Weder noch. Dieses taktile Element habe ich mir bei vielen Blinden abgeguckt, Pamela zum Beispiel gnibbelt immer so mit ihren Fingern, und zwar umso mehr, je aufgeregter sie ist. Das ist eine Art sensorischer Ersatz fürs Sehen, den ich der Regie als visuelles Element angeboten habe. Als Schauspielerin bin ich ja verantwortlich für meine Figur. Andererseits hat sich auch die Produktion intensiv mit Pamela beschäftigt und dadurch eine Authentizität erzeugt, die man am Schreibtisch allein nicht erfinden kann.

Wodurch genau?

Indem meine Assistentin ins Büro kommt und sagt, wie schön es da sei, und die Heiland ihr zustimmt. Da fragt der sehende Verstand erst mal, wie die das denn wissen will? Aber sie weiß es eben. Als ich mit Pamela in das schöne, alte Gerichtsgebäude ging, wo sie oft arbeitet, war es genauso. Sie macht das zwar an der Akustik fest, der Haptik, aber es wirkt, als würde sie es sehen. Diesen Orientierungssinn ohne Sichtkontakt habe ich mir abgeschaut.

Haben Sie von Pamela Pabst da auch etwas über sich und das Leben gelernt?

Mein Blick auf beides ist jetzt ein anderer, bewussterer geworden. Weil Geschwindigkeit für Blinde, die nicht fünf Dinge auf einmal tun können, eine andere Bedeutung hat, konzentriere ich mich auch im Alltag mehr auf den Augenblick und das, was ich darin tun möchte.

Ansonsten sind Sie eher ein Typ, der fünf Sachen gleichzeitig macht?

Ja, leider, und gerate dabei gern mal in Hektik. Jetzt bin ein bisschen fokussierter und denke öfter mal daran, wie sich das Leben an dieser oder jener Stelle für Menschen mit Behinderung bewältigen ließe. Etwa wenn der Fahrstuhl im Bahnhof eine Ebene überm Bahnsteig endet.

Sie sind wachsamer geworden?

Und kommunikativer. Reden, fragen, statt sich Reime zu machen, wäre für uns alle besser. Ich war schon gut im Kommunizieren, bin durch den Film und Pamela aber ermutigt worden, dass es nur zu wenig Kommunikation geben kann.

Will die Serie nur unterhalten oder auch übers Leben mit Handicap aufklären?

Letzteres. Aber was den Alltag der Heiland betrifft, ist da durchaus Luft nach oben. Es soll keine Doku werden, aber das Ziel ist schon, das Entertainment mit Botschaften zu verbinden.

Folge 1 von "Die Heiland - Wir sind Anwalt" zeigt die ARD am Dienstag, 4.9. um 20.15 Uhr.

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