Interview mit Patrick Wasserziehr : „Fußball ist keine Atomwissenschaft“

Sky-Moderator Patrick Wasserziehr über zu viel Expertentum, heikle Fieldreporter-Fragen und die Wut von Rudi Völler.

Shitstorm-erprobt. Patrick Wasserziehr, 52, moderiert seit zehn Jahren den Fußball-Talk „Sky 90“. Am Sonntag (19 Uhr 55) läuft die 300. Ausgabe – allerdings nur für Sky-Abonnenten. Anders als „Wontorra“: Der Fußball-Talk auf Sky Sport News HD ist frei empfangbar. Was etwas schade ist – Wasserziehr gilt als einer der besten Moderatoren seiner Zunft. Er arbeitet, mit kurzer Unterbrechung, seit 1992 für den Pay-TV-Sender, lebt in Hamburg.
Shitstorm-erprobt. Patrick Wasserziehr, 52, moderiert seit zehn Jahren den Fußball-Talk „Sky 90“. Am Sonntag (19 Uhr 55) läuft die...Foto: Sky Deutschland AG und Sky Deuts

Herr Wasserziehr, lesen Sie Kritiken Ihrer Arbeit am Fußballplatz und im Studio?

Flapsigerweise könnte ich sagen, nur wenn sie positiv ist, aber das weiß man ja vorher nicht.

Ich fand eine Eloge in der „Bild“-Zeitung: Was Wasserziehr macht, sei eine Klasse für sich; Moderator und Reporter, Interviewer und Erklärer. Ein Weichensteller, der das Gespräch in die richtige Richtung lenkt. So viel Lob macht doch verdächtig.
Ich habe dem Autor Kai Traemann einen ausgegeben (lacht). Nein, im Ernst. Das hat mich in dem Fall so erwischt, wie es den Leser erwischt. Ich hab' mich sehr gefreut, ist ja klar. Ich versuche aber, positive wie auch negative Resonanz nicht zu sehr an mich rankommen zu lassen.

In einem hat der Kollege recht. Inmitten der Schar von Freund-der-Spieler-Reportern fällt es auf, wenn Sie in „Sky 90“ Ihren Sky-Kollegen Didi Hamann siezen.
Jeder macht das so, wie er das für richtig hält. Man kann im Sport Vorname und „Sie“ verwenden. Ich finde schon, dass es genug Kollegen gibt, die sich im Sinne von Hajo Friedrichs nicht gemein machen mit der Sache. Ich versuche stets, eine gewisse Distanz zu den Protagonisten zu wahren. Die Zuschauer könnten sich sonst tendenziell ausgeschlossen fühlen, wenn man sich vor der Kamera duzt. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass sich zwei Kumpels unterhalten, die sich sowieso in allem einig sind. Das schließt ja nicht aus, dass man vielen Gästen mit einer gewissen Sympathie verbunden ist.

Also doch kumpelhaft.
Man braucht schon mal eine gewisse Nähe und Vertrauen zu den Spielern oder Trainern. Dass der andere sich darauf verlassen kann, dass du ihn nicht vorführst im Interview. Und trotzdem kritische Fragen gestellt werden. Die Schulungen von Ernst Huberty und Harry Valérien in den Anfangsjahren von Premiere haben mir da sehr geholfen.

Vor Facebook hat Huberty aber nicht gewarnt. Einen kritischen Punkt in Ihrer Karriere gab es diesbezüglich ja schon: 2017, als Sie im Studio dabei erwischt wurden, wie Sie sich den Kaffee von einem Mitarbeiter umrühren ließen. Hat Sie der Sturm in den sozialen Netzwerken überrascht?
Ich sehe das sportlich. Mit dem Shitstorm musste und muss ich leben. Dafür sollte man auch wissen: Vor so einer Sendung ist man immer im Tunnel. Vor dem Hintergrund war die Szene zu bewerten.

Trinken Sie Ihren Kaffee jetzt nur noch schwarz?
Das habe ich damals spaßeshalber gesagt. Ich hab’ ihn tatsächlich auch meistens schwarz getrunken.

„Sky 90“ läuft am Ende eines langen Bundesliga-Wochenendes, vor 140 000 Zuschauern. Nach „Sportstudio“, „Doppelpass“, „Wontorra“, wo x-mal über Videobeweis oder Schalke-Krise gesprochen wurde.
Grundsätzlich ist es so: Jede Sendung lebt von ihrem Moderator. Natürlich versuche auch ich durch meine Art der Gesprächsführung, „Sky90“ meine persönliche Note zu geben. Darüber hinaus setzen wir inhaltliche Schwerpunkte und nehmen uns die Zeit, auch Hintergründe zu beleuchten. Und die beiden Nachmittagsspiele liefern ja auch noch mal etwas Aktuelles, was wir aufgreifen können.

Droht nicht eine Fußball-Talk-Übersättigung? Immer das Gequatsche über Abseits oder Nicht-Abseits, Handspiel oder nicht, von immer den gleichen Experten …
Nicht, wenn sie andere Fragen stellen. Das heißt nicht, dass ich das Rad neu erfinde. Fußball ist keine Atomwissenschaft. Mein Ansatz ist, das Ganze zwar zu lenken, aber so oft, wie es geht, eine Debatte der Gäste untereinander anzuschieben und zuzulassen. Ein Highlight für mich war, als wir Kahn und Lehmann in einer Sendung hatten. Das lief fast von alleine. Heißt, die Runde sollte von den persönlichen Standpunkten her schon ziemlich konträr aufgestellt sein.

Das behaupten andere Fußball-Stammtische von sich auch.
Für mich ist unsere Sendung entscheidend, ich verweise auf unsere Gästequalität. Wer hatte denn schon in einer gemeinsamen Sendung Netzer, Pelé und Beckenbauer, um nur ein Beispiel zu nennen.

Man kennt Sie auch vom Spielfeld als Reporter. Haben Sie einen Lieblingsspieler, bei dem man was rauskitzeln kann?
Erstens: Ich gehe nie in ein Interview mit dem Vorsatz, dem zeige ich es jetzt aber mal. Das ist ein Gespräch auf Augenhöhe. Ich frage, ob der Trainerstuhl wackelt, wenn ich das für angebracht halte. Es geht dabei natürlich nicht nur um Information. Ich verstehe ein kontrovers geführtes Interview auch als eine Form der Unterhaltung.

Da muss das Gegenüber aber mitspielen.
Sicher. Die spannendsten sind die Interviewpartner, die dich fordern. Wo ich vorher nicht weiß, was kommt. Die einen eigenen Kopf haben. Wo du als Interviewer zeigen musst, was du draufhast. Zum Beispiel bei Uli Hoeneß, aber auch, Arjen Robben, Sandro Wagner, Max Kruse, Marco Reus und Mario Gómez.

Ihr schwierigstes Interview?
Matthias Sammer hat mir mal nach einem verlorenen Dortmund-Spiel in Bremen und einer heiklen Frage dazu vorgeworfen, ich hätte überhaupt keine Ahnung. Als die Kamera aus war, gab er mir die Hand. Neulich hat sich Rudi Völler nach einer unangenehmen Frage an Bayer-Trainer Heiko Herrlich aufgeregt. Das ist völlig okay. Gerade echte Typen wie Völler beleben diese Liga seit Jahrzehnten.

Stichwort belebend. Beckmann, Kerner, Opdenhövel – Fußball-Moderatoren sind ein fahrendes Volk, wechseln gerne mal Sender. Sie sind seit 1992 bei Premiere/Sky, mit kurzem Ausflug zu TM3. Nie Lust gehabt, mit ARD/ZDF zu WM oder EM zu fahren?
Ich fühle mich bei Sky sehr wohl, wir haben seit Jahren die attraktivsten Live-Rechte in Deutschland und der Sender hat mich nach meinen Stärken eingesetzt. Seit zehn Jahren habe ich eine eigene Sendung mit einem hoch motivierten Team und darüber hinaus durfte ich fünf WMs für Sky begleiten.

Ihr Sender lässt Sie auch am Tag vor Heiligabend ran, die Bundesliga spielt. Planen Sie Besonderes in der Jubiläumssendung?
Auch viele andere Menschen müssen am 23. und 24. arbeiten. Unter anderen werden wir Felix Magath begrüßen, der auch bereits bei der ersten Sendung am 9. August 2009 dabei war. Sicher werden wir auf zehn Jahre „Sky 90“ zurückblicken.

Kein Special-Traumgast?
Ich hätte gerne mal José Mourinho in der Sendung, um ihn über eine längere Zeit zu befragen und um herauszufinden, wie er wirklich tickt.

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