Interview mit Sarah Borowik-Frank : „Bin ich hier Gast?“

Dragqueens, Rabbinerinnen, „Hustle Tov“: Modernes jüdisches Leben in einem neuen Podcast von Sarah Borowik-Frank.

Sarah Borowik-Frank und ihr Podcast "Hustle Tov"
Sarah Borowik-Frank und ihr Podcast "Hustle Tov"Foto: Deezer

Ein Podcast über jüdisches Leben, der zeigen will, dass Judentum mehr ist als Schoah und der Kampf gegen Antisemitismus – Sarah Borowik-Frank, Bloggerin und Gewinnerin des diesjährigen vom Streamingdienst Deezer veranstalteten Podcast-Wettbewerbs der Internetmesse re:publica, hat sich einiges vorgenommen. Ihre zusammen mit Projektpartner Frank Labitzke produzierten Audiobeiträge „Hustle Tov“, die im vierten Quartal dieses Jahres wöchentlich über alle Podcast-Plattformen auf Sendung gehen, sollen sich jüdischem Leben in der Moderne widmen. In der ersten Folge geht es um Regina Jonas, weltweit erste Frau, die als Rabbinerin tätig war und ihre Ordination in Deutschland erhielt. In weiteren Episoden werden Feiertage wie Jom Kippur und Rosch Haschana sowie junges jüdisches Leben in Deutschland thematisiert, darunter die Frage, was jüdische Dragqueens mit orthodoxem Judentum zu tun haben.

Sarah Borowik-Frank, 28, wohnt in Konstanz. Sie dreht Dokumentarfilme, bloggt, leistet Bildungsarbeit für jüdische Kultur und hat in dieser Woche einen Podcast-Wettbewerb gewonnen.

Frau Borowik-Frank, was brachte Sie zu diesem Podcast?
Seit einem Jahr baten mich meine Leserinnen, einen Podcast über das jüdische Leben heute zu produzieren. Fast alle beschrieben ihren Kenntnisstand so: „Ich weiß fast nichts über das Judentum – und das möchte ich ändern.“

Ursprünglich hieß der Podcast „Nice to meet Jew“, wieso jetzt in der Gewinnerversion beim Deezer-Wettbewerb „Hustle Tov“? Der Name klingt etwas sperriger ...
Es gibt im englischen Slang die antisemitische Redewendung „(to) Jew hustle“ – „the extreme act of hustling to capitalize on the gain of the wishful outcome“. Wir wollen den Begriff „hustle“ in Verbindung mit dem Judentum neu besetzen und durchaus auch ein wenig irritieren. Irritation schafft Raum im Kopf für Neuorientierung.

Ich habe gehört, Ihr Verhältnis zu Ihrer Großmutter, der Lyrikerin Lia Frank, war eine besondere Motivation. Inwiefern?
1991 erschien ihr Lyrikband „Exodus – von Dushanbe nach Zittau“. In diesem Jahr wurde ich in Zittau geboren. 29 Jahre später lese ich ihre Zeilen: „Bin ich Gast? Bin ich heimgekehrt? Zeit rundet sich, läuft verkehrt – auf den Anfang zu …“ Es ist schwierig, sich in Deutschland als Jüdin heimisch zu fühlen, wenn 2020 Synagogen immer noch nicht sicher sind. Bin ich Gast?

Haben Sie das Gefühl, dass so ein Podcast in diesen Zeiten besonders wichtig ist?
75 Jahre nach der Befreiung des KZ Auschwitz erleben wir an Jom Kippur einen antisemitischen Terroranschlag mit dem Ziel des Massenmords an 70 Juden in der Synagogengemeinde Halle. Viele Menschen haben noch nie von unserem höchsten Feiertag „Jom Kippur“ gehört. Noch weniger wissen, dass in Deutschland täglich mindestens drei antisemitische Straftaten begangen werden, darunter fällt insbesondere die Relativierung der Schoah. Kürzlich kam eine Studie der Zürcher Uni zum Schluss: Bildung hilft bei Antisemitismus.

Sie bloggen schon seit Längerem zu jüdischem Leben. Wer liest das und hört da zu? Glauben Sie, dass so ein Podcast die Leute erreicht, die von jüdischem Leben nichts wissen wollen, um Vorbehalte abzubauen?
Meine Leserinnen auf Instagram, @sarah.borowik, sind zwischen 17 und 65 Jahre alt. Viele von ihnen wissen noch sehr wenig über das Judentum, sind aber unglaublich neugierig und stellen viele gute Fragen. Für fast alle bin ich die erste Jüdin, die sie kennenlernen. Die Vorurteile und Vorbehalte gegen uns finden sich in der breiten Masse. Jeder Mensch, den wir mit „Hustle Tov“ erreichen werden, zählt.

Sie sind von der Hertie-Stiftung als ein Gesicht der Generation Grenzenlos erkoren wurden, als eine von 30 Personen, die sich für den sozialen Zusammenhalt im Land engagieren. Was bedeutet das für Sie?
Es ist mir eine unvorstellbar große Ehre, unter den „30 unter 30“ zu sein. Ich bewundere jede und jeden Einzelnen meiner KollegInnen der Generation Grenzenlos. Durch dieses Projekt werden unsere Stimmen gehört und geschätzt.

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