Zensur und Informationskontrolle funktionieren nicht mehr

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Interview : „Jeder und alles ist skandalisierbar“

Deutschland ein Land voller Journalisten?

Natürlich heißt das nicht, dass nun alle Journalisten werden sollen, gewiss nicht. Aber mein Punkt ist: In den Zeiten des Web 2.0 und der barrierefreien Ad-hoc-Publikation muss jeder so handeln, als wäre er ein wirklich guter Journalist, empathisch, umsichtig, aber eben – wenn es einen echten Skandal gibt – auch mutig und entschieden.

Gibt es im digitalen Zeitalter noch so etwas wie ein effektives Skandalmanagement?

Nein, das sehe ich nicht – und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen sind die Daten und Dokumente womöglich weltweit verbreitet, die Skandalisierer bleiben oft anonym und sind nicht greifbar; zum anderen gibt es in den Weiten des Netzes keine zentrale Anlaufstelle, von der aus man – weithin sichtbar – eine Gegendarstellung und seine Version des Geschehens bekannt machen könnte. Und überdies erweisen sich häufig gerade die Versuche der Informationskontrolle als kontraproduktiv, auch Zensur funktioniert nicht wirklich. Man kann zeigen: Die Zensurforderung ist eigentlich längst ein entscheidendes Instrument der Mobilmachung.

Früher bestimmten Medien und damit Journalisten, was ein Skandal ist. Jetzt, im digitalen Zeitalter, bestimmt das Publikum als Akteur, was ein Skandal ist. Welche Rolle bleibt da noch den Medien und den Journalisten?

Sie sind nach wie vor zentral – als Chronisten, Analytiker und Verstärker des Skandals, die natürlich auch immer wieder eigene, nach den alten Mustern recherchierte Enthüllungen präsentieren. Überdies: Für die letzte Eskalationsstufe der Skandalisierung ist, das versuchen wir in unserem Buch zu zeigen, nach wie vor der Medienmix entscheidend, das Zusammenspiel alter und neuer Medien. Gesellschaftlich wirksame Empörung benötigt, auch im digitalen Zeitalter, offline wirksame Resonanzverstärker und klassische Leitmedien. Der allein netzinterne Protest verpufft häufig sehr schnell.

Ihr kategorischer Imperativ des digitalen Zeitalters lautet: „Handele stets so, dass dir die öffentlichen Effekte deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen. Aber rechne damit, dass dies nichts nützt“. Eine Kapitulationserklärung, oder?

Das kann man so sehen. Aus meiner Sicht aber eher: ein Stück Realismus und ein Aufruf, sich mental mit den neuen Medienmöglichkeiten zu befreunden, überhaupt mit ihnen in Kontakt zu treten. Niemand kann auch nur ahnen, was morgen zum Skandal werden wird. Niemand kann wissen, welche seiner digitalen Spuren womöglich schon sehr bald unerwünschte, womöglich weltweite Aufmerksamkeit erzeugen. Das heißt: Wir alle sind blind für die mögliche Zukunft unserer Handyfilmchen, Twitterbotschaften, Mailboxnachrichten. Das ist es, was wir mit diesem Imperativ ausdrücken wollten: Es geht um den Versuch, ein neues Gespür für Medieneffekte zu entwickeln. Aber mit dem Scheitern ist unbedingt zu rechnen.

Bernhard Pörksen/Hanne Detel: Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter. Herbert von Halem Verlag, Köln 2012. 248 Seiten, 28 Abbildungen, 2 Tabellen. 19,80 €.

Bernhard Pörksen, 43, ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität

Tübingen.

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