Medien : „Irgendwas machen wir richtig“

Jeffrey Gedmin über seinen neuen Job bei Radio Free Europe, iranische Störsender und die Lust auf Prag

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Herr Gedmin, Sie werden in Prag der Präsident eines mächtigen Senders, Radio Freies Europa/Radio Liberty. Was lockt Sie an der neuen Aufgabe?

Bei Radio Free Europe wird harte, kompetente und unabhängige journalistische Arbeit geleistet, und all das im Namen einer echten Mission, nämlich den Gedanken der Demokratie, Zivilgesellschaft, der Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit zu verbreiten. Nichts ist meinem Herzen, meinem Verstand näher als das, und darum freue ich mich darauf.

Seit einem halben Jahrhundert wird diese Idee und Praxis eines solchen „aufklärerischen Senders” vom US-Kongress unterstützt und unterhalten. Sie entstammt dem Kalten Krieg. Der ist zu Ende. Brauchen wir solche Sender heute überhaupt noch?

Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass diese Art von Arbeit dringend benötigt wird. Radio Free Europe/Radio Liberty hat sich seit dem Ende des Kalten Krieges geografisch allmählich direkt in den Osten und Süden bewegt.

Wohin geht das?

Wir senden zum Beispiel per Radio, Fernsehen und Internet nach Russland, in die Schwarzmeerregion, nach Zentralasien und an den Persischen Golf. Radio Free Europe spielt in all jenen Ländern eine wichtige Rolle, wo freie Presse und Meinungsäußerung weitgehend oder ganz fehlen, wo sie vom Gesetzgeber nicht hinreichend Schutz erfahren.

Und, wird der Sender noch gebraucht?

Diese Frage beantwortet niemand besser als unsere Hörer und Zuschauer selbst. Da sagt zum Beispiel ein russischer Anwalt, er ist 29 Jahre alt – und seine Aussage mag paradox klingen: „Ich weiß, dass diese Radiosendungen von den USA finanziert werden, also kann ich ihnen mehr trauen als den russischen Sendern in Russland.“ Oder eine 34-jährige Managerin in Moskau erklärt uns: „Euer Sender bringt die Tatsachen ans Licht, die von russischen Medien verschwiegen werden.“ Solche Statements, von denen es sehr viele gibt, machen uns permanent Mut und beweisen, dass unsere Arbeit sich lohnt.

Sie werden der Boss von 500 Angestellten in Prag und weiteren 1200 Mitarbeitern, die entweder als feste oder freie Reporter für Radio Free Europe arbeiten. Wie behält man bei dieser ungeheuren Anzahl überhaupt den Überblick, wie kann man sicherstellen, dass alle seriös berichten?

Ohne Frage ist das eine Herausforderung: Wir haben ja 21 Büros und senden in 28 Sprachen! Es existiert zwar ein recht rigoroses, internes Kontrollsystem, aber ich bespreche derzeit auch mit meinen Kollegen, wie sich die Wege der Qualitätssicherung langfristig noch verbessern und methodisch ergänzen lassen.

Sie nehmen da die Arbeit der Vorgänger auf.

Ja, und dazu habe ich gerade eine umwerfende Geschichte des Senders gelesen, ein Buch von Arch Puddington. Es heißt „Broadcasting Freedom, The Cold War Triumph of Radio Free Europe and Radio Liberty“. Auf eindrucksvollste Weise beschreibt er, dass und wie es immer schon eine große Herausforderung war, Journalisten einfach nur ihren Job machen zu lassen, sie einfach frei und ungehindert recherchieren zu lassen, so dass sie ihren Geschichten nachgehen können und dabei zugleich auf dem höchsten Niveau der Zuverlässigkeit bleiben. An der Aufgabe wird sich gar nichts ändern.

Radio Free Europe will laut eigener Aussage dabei helfen, autokratische Institutionen und zentralistische Wirtschaftssysteme zu überwinden. Manchen Autokraten wird das wenig gefallen.

Es gibt Länder, in denen hat man uns verboten, ein Büro zu unterhalten, etwa Turkmenistan oder der Iran. In beide Länder will ich selbst so bald als möglich reisen und mir vor Ort ein Bild machen.

Gibt es Sabotageversuche?

Dass das iranische Regime regelmäßig unsere Frequenzen mit Störsendern behindert, scheint mir doch ein gutes Zeichen zu sein: Irgendetwas machen wir da also richtig. In Russland wird die Lage für uns leider immer schwieriger. Freie Medien sind nun mal das rote Tuch für autoritär strukturierte Regierungen oder Systeme.

Kennen Sie die Zahl Ihrer Hörer oder Zuschauer?

Wir erreichen Hunderttausende, bisweilen Millionen. Quoten ermitteln wir, so gut es jeweils geht, durch Umfragen, etwa unter wechselnden Gruppen. Je nach Land und Region gibt es allerdings da Variablen, was die Verlässlichkeit der Daten betrifft. Selbst während des Kalten Krieges war Radio Free Europe sehr auf seinen Marktanteil bedacht. Es kommt darauf an, beliebt zu sein.

Was bedeutet das?

Quantität zählt. Aber wen man erreicht, das hat auch viel Bedeutung. Es geht nämlich auch um Qualität. Im Kalten Krieg haben uns viele kritische Köpfe gehört, Denker und Aktivisten wie Vaclav Havel, Nathan Sharansky, Lech Walesa und Sacharow. Das war zentral, darauf kam es an.

Inzwischen spielt das Internet eine Hauptrolle. Im Januar verzeichneten die Websites von Radio Free Europe/Radio Liberty mit ihren Audio- und Textdokumenten über 5,5 Millionen Besucher, die insgesamt mehr als zwanzig Millionen Seiten angeklickt haben. Läuft das Netz dem Radio den Rang ab?

Im Großen und Ganzen ja, das ist ein globales Phänomen. Allerdings muss man das auch länderspezifisch betrachten. Häufig schließen Radio, Fernsehen und Internet einander gar nicht aus, sondern wirken komplementär. Die Iraner zum Beispiel sind leidenschaftliche Blogger, trotzdem ist unser Sender Radio Farda sehr populär, besonders während der Rush Hour, wenn Leute im Auto sitzen statt vor dem Bildschirm.

Worauf freuen Sie sich in Ihrem neuen Job?

Unsere Reporter und Rechercheure, Moderatoren und Redakteure kommen aus vielen, enorm unterschiedlichen Lebensbereichen und Kulturen, insgesamt eine unglaublich talentierte Gruppe, die mit Hingabe ihrem Beruf nachgeht. Wenn ich sie dabei unterstützen kann, in ihren Herkunftsländern, wo sie ja alle auch Freunde und Familie haben, etwas zum Positiven zu verändern, dann ist das für mich wie ein Geschenk.

Wird Berlin Ihnen fehlen?

Wer wird Berlin nicht vermissen! Aber immerhin ist es mit der Bahn nur gut drei Stunden von Prag entfernt.

Das Interview führte Caroline Fetscher.