Irrfahrt voraus : Florian Silbereisen übernimmt als „Traumschiff“-Kapitän

In der ZDF-Kreuzfahrtserie beginnt mit der Folge „Antigua“ am zweiten Weihnachtstag eine neue Zeitrechnung. Die heimliche Hauptfigur bleibt aber Harald Schmidt.

Manfred Riepe
Der neue Kapitän Max Parger (Florian Silbereisen, rechts) und sein Staff-Kapitän (Daniel Morgenroth).
Der neue Kapitän Max Parger (Florian Silbereisen, rechts) und sein Staff-Kapitän (Daniel Morgenroth).Foto: ZDF und Dirk Bartling

Strahlend weiße Strände unter azurblauem Himmel. Und dazu Kokospalmen: Schiffsreisen zu Sehnsuchtsorten sind ja eigentlich nicht mehr ökologisch korrekt. Ein Kreuzfahrtdampfer pustet so viel CO2 in die Luft wie Tausende von Autos. Diese Durchsage ist noch nicht so ganz angekommen auf dem „Traumschiff“, das seit fast 40 Jahren exotische Gefilde rund um den Globus ansteuert. [„Das Traumschiff – Antigua“, ZDF, Donnerstag, 26. Dezember, 20 Uhr 15]

Mit dieser Seifenoper haben die Mainzer eines ihrer langlebigsten Formate geschaffen. Inspiriert wurde es unter anderem von der Defa-Produktion „Zur See“. In der DDR, einem Land ohne Reisefreiheit, avancierte der telegene Eskapismus zu einer der meistgesehenen TV-Serien. An einen Erfolg im Westfernsehen glaubte man anfangs nicht so recht. Die Serie sollte eigentlich bereits nach der ersten Staffel wieder eingestellt werden. Wiederholungen erzielten jedoch erstaunlich gute Quoten. Und so setzte das ZDF die Mattscheiben-Kreuzfahrt fort.

Am Konzept der heiteren Verwicklungen um mehr oder weniger schrullige Passagiere eines Luxusliners hat sich seither nicht viel verändert. In der ersten Episode „Liebe und Karottensaft“ spielte Manfred Krug den „Sonderling vom Tisch 28“. Inmitten von schlemmenden Urlaubern, die um ihn herum Köstlichkeiten goutieren, will dieser Mann mit Rohkost abspecken. In der aktuellen Folge „Antigua“ gehen sich Uschi Glas und Michael Gwisdek als ihr Ehemann mit nervöser Prostata auf die Nerven: Ein wenig fühlt es sich schon so an, als wäre die Zeit stehen geblieben.

Ist sie aber nicht. Nach den vier Traumschiff-Kapitänen Günter König, Heinz Weiß, Siegfried Rauch und Sascha Hehn – alles virile Vorzeigetypen – übernimmt nun Florian Silbereisen die Brücke. Der Schlagerstar und populäre Moderator ist ein vergleichsweise zierlich anmutender Typ, jedenfalls kein Mann mit Gardemaß. Mit seinem Tattoo am Arm ist er zwar ein gefühlter Seemann. Aber Männlichkeit, so könnte man diese Ansage deuten, wird mit Silbereisen als Kapitän des Traumschiffs tendenziell diverser ausgelegt.

Aus der Zeit gefallen

Nicht zufällig erfolgt auf dem Luxusdampfer die erste Verlobung eines homosexuellen Paares. Sebastian Felber (Leander Lichti) will seinem Lebensgefährten Thomas Severin (Jan Kittmann) an Bord einen Heiratsantrag machen. Dummerweise funkt dessen Exfreundin dazwischen, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Von ihr muss Thomas erfahren, dass er – Überraschung – Vater eines mürrischen 14-Jährigen ist. Der nicht minder überraschte Tobias (Alexis Salsali) fällt daraufhin in ein tiefes Loch und reagiert ausgesprochen homophob: Wenn er seinen Mitschülern zu Hause erzählt, dass sein Erzeuger schwul ist, wäre das für ihn eine Katastrophe.

Wo, fragt man sich, wird ein Junge noch im Jahr 2019 wegen seines homosexuellen Vaters gemobbt? Während die Kamera postkartenschöne Sehenswürdigkeiten des Reiseziels ablichtet – die malerische Karibikinsel Antigua, von Kolumbus auf seine zweiten Amerikareise entdeckt –, setzt das „Traumschiff“ am Rande auch irritierende Akzente. Spätestens seit 2008, als Harald Schmidt alias Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle auf dem Luxusliner anheuerte, sind solche marginalen Irritationen gewollt. Der Kabarettist ist zwar nur eine Randfigur, und er fällt auch nie wirklich aus der Rolle. Doch mit seinen überzogen artikulierten Dialogsätzen sorgt er für einen gefühlten Seegang.

Kein Zweifel: Schmidt verkörpert die heimliche Hauptfigur auf dem Urlaubsdampfer. Das hat er in einem Interview auch zu Protokoll gegeben. Gefragt, was er von Florian Silbereisen auf der Kommandobrücke hält, antwortete er: „Ich hatte immer die Devise: Mir egal, wer unter mir Kapitän ist!“ Und so nimmt das „Traumschiff“ mit einer Prise Queer- und Patchworkfamilien-Thematik behutsam Kurs Richtung Zukunft.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!