Medien : Jäger des vergrabenen Schatzes

Liebe, Sand & Abenteuer: Als Heinrich Schliemann sucht Heino Ferch im großen TV-Event nach Troja

Markus Ehrenberg

1869 schreibt der 47-jährige Wissenschaftler Heinrich Schliemann in einem Brief an seinen Vater über seine Heiratspläne: „In Griechenland habe ich den Vorteil, dass die Mädchen arm wie Ratzen sind. Sollte ich eine finden, die Hoffnung auf Nachkommenschaft lässt, nehme ich sie.“ Gut möglich, dass Heino Ferch diesen Brief gelesen hat. Jedenfalls hat sich der deutsche Schauspieler selten so in eine Figur vertieft wie in die des reichen preußischen Geschäftsmannes, der über viele Widerstände hinweg das homerische Troja entdeckt hat und sich auf dem Wege dorthin eine 18-jährige Griechin zur Frau kaufte. Die Idee, das Thema Schliemann in einem Event-Zweiteiler aufzugreifen, sagt Ferch, stamme ursprünglich von seiner Agentin und ihm. Der Schauspieler hat sie über Jahre verfolgt. Mittlerweile kündet jede zweite Litfaßsäule von Ferchs Durchschlagskraft. Riesenwerbung für „Der geheimnisvolle Schatz von Troja“ – es dürfte Sat 1 nicht schwergefallen sein, grünes Licht für dieses Projekt zu geben, bei dem Zuschauerpotenzial: Deutschlands Quoten-Garant Nummer eins gibt – Chauvi hin, Ratzen her – Deutschlands Forschermythos Nummer eins. Action!

„Der Tunnel“, „Die Luftbrücke, „Der Untergang“, „Das Wunder von Lengede“ – wenn in Deutschland große historische Rollen für das Fernsehen besetzt werden müssen, ist Heino Ferch eh immer einer der heißesten Favoriten. Diesmal war er es noch mehr. Er habe mehr als ein Dutzend Bücher gelesen, die den nicht unumstrittenen Schliemann aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, sagte Ferch im Interview. Besonders reizvoll an dem Stoff sei, dass es um Schliemann eine gewisse Grauzone gebe. „Böse Zungen behaupten, er habe sich den Ruhm nur erschlichen, tatsächlich hat er sich nicht nur seine Frau, sondern auch seinen Doktortitel erkauft.“

Schade nur, dass von diesen verschiedenen Blickwinkeln in 180 Minuten großem TV-Event auf Sat 1 nicht allzu viel übrig bleibt. Was weniger an den Künsten der bis in die Nebenrolle ausgezeichneten Schauspieler (Max von Thun, Matthias Koeberlin, Claudia Michelsen, Justus von Dohnanyi) liegt als am Buch (Don Bohlinger). Das macht aus der Aneinanderreihung von biografischen Stationen Schliemanns eine mitunter packende, aber auch reichlich vorhersehbare Abenteuer-Western-Pistole mit gelegentlicher Rosamunde-Pilcher-Einlage. Dazu, aber das ist mittlerweile Standard im großen TV-Event, eine ständig präsente Bombast-Musik, die den Bildern einfach nicht mehr trauen will.

Immerhin: Heino-Ferch- und Indiana-Jones-Fans kommen trotz einiger historischer Ungereimtheiten (Schliemanns Frau war nicht beim Heben des Schatzes dabei) auf ihre Kosten. Der Grundplot ist dann doch zu spannend: Seit frühester Jugend ist der erfolgreiche Kaufmann Heinrich Schliemann von einem Traum beseelt. Der Pfarrerssohn aus Neu-Bukow will nach der „Ilias“-Lektüre das von Homer beschriebene Troja finden, erntet von der Berliner Gelehrtenwelt nur Hohn und Spott, investiert sein beträchtliches Vermögen, bricht nach Athen auf, kauft dem Briten Calvert nach mehreren Fehlversuchen das richtige Stück Land ab und stößt gegen militante örtliche Widerstände tatsächlich auf den berühmten Schatz des Priamos.

Der von Dror Zahavi routiniert inszenierte Zweiteiler (Kosten: 8,8 Millionen Euro) setzt nicht nur den tollkühnen Karrieristen ins Bild, sondern auch den Privatmann, der nach zwei gescheiterten Ehen mit der 18-jährigen Griechin Sophia (Melanie Doutey) einen Neuanfang machen will. Diese Geschichte durchläuft den Film wie ein roter Faden. Die Braut, die sich der Zwangsheirat in hohem Maße widersetzt, entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einer treuen Partnerin, orchestral stets aufwühlend begleitet.

Der eigentliche Held des Films ist der Filmstab und das Örtchen Marwitz in Brandenburg. Hier wurde im Sommer 2006 eine gigantische, 150 Meter lange, 70 Meter breite und zwölf Meter tiefe Kulisse aufgebaut – oder besser: ausgegraben–, für die Aufzeichnungen Schliemanns und Originalfotos herangezogen wurden. Quasi Troja in Brandenburg, allein 40 Mitarbeiter des Studios Babelsberg bauten bei sengender Hitze aus Lehm, Gips, Beton und Holz den neben der „Sturmflut“ wohl aufwendigsten Set der jüngeren deutschen Filmgeschichte.

Sat 1 wird damit sicher gute Quote einfahren, doch leider reicht Schweiß allein nicht aus. Da kann Heino Ferch Bücher, Briefe lesen, kaufen, schießen, reiten, vom Pferd fallen, sich tot stellen, rezitieren, Herzen erobern, mit eigenen Händen graben, wie er will. Nach dem „Wunder von Lengede“ und dem „Tunnel“ wollte der 43-Jährige seine „Digger-Trilogie“ mit der Teamworx-Produktion im märkischen Sand abschließen. Abwarten. Von Indiana Jones soll es mit Harrison Ford eine Fortsetzung geben.

„Der geheimnisvolle Schatz von Troja“, Sat 1, Montag und Dienstag, Sat 1, jeweils 20 Uhr 15

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