„Jahrmarkt der Eitelkeiten“ als Serie : Becky manipuliert Männer

„Jahrmarkt der Eitelkeiten“: Eine Serie auf Arte entstaubt radikal den Roman von William Makepeace Thackeray.

Manfred Riepe
Ehrgeizig. Becky Sharp (Olivia Cooke) fasziniert und verführt mit ihrem Charme Männer der Oberschicht.
Ehrgeizig. Becky Sharp (Olivia Cooke) fasziniert und verführt mit ihrem Charme Männer der Oberschicht.Foto: ITV

William Makepeace Thackerays stilbildender Sittenroman „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ wurde schon häufig fürs Fernsehen adaptiert, zuletzt 1998 von der BBC. Die Neuverfilmung des britischen Konkurrenzsenders ITV ist einerseits recht werkgetreu. Das im vorviktorianischen England des frühen 19. Jahrhunderts angesiedelte Kostümdrama wird aber radikal entstaubt. Michael Palin von der legendären Komikertruppe Monthy Python's Flying Circus schlüpft in die Rolle des Autors und führt als Conférencier in jede der sieben Episoden ein. Das jeweilige Thema der einzelnen Folgen wird mit Popsongs wie „Material Girl“ von Madonna augenzwinkernd unterstrichen.

„Ein Roman ohne Held“, so lautet der Untertitel der Vorlage, den die Drehbuchautorin Gwyneth Hughe buchstäblich nimmt. Sie erzählt die Geschichte aus der Sicht einer Heldin, die zugleich eine Antiheldin ist. Und was für eine. Die junge Becky Sharp (Olivia Cooke), verwaiste Tochter eines mittellosen Malers und einer französischen Balletttänzerin, will ihr Dasein nicht als darbende Gouvernante fristen.

Also nutzt sie ihren berechnenden Scharfsinn und die Freundschaft zu ihrer reichen, aber einfältigen Schulkameradin Amelia Sedley (Claudia Jessie), um durch die Hintertür in die bessere Gesellschaft aufzusteigen.

Ihr Versuch, deren Bruder zu ehelichen, einen fettleibigen Faulpelz, scheitert jedoch. Becky tritt daraufhin in die Dienste des vulgären Landadligen Sir Pitt Crawley (Martin Clunes). Den Antrag des geifernden alten Bocks weist sie zurück, nur um heimlich dessen Sohn Rawdon Crawley (Tom Bateman) zu ehelichen – der daraufhin von seiner ebenso vermögenden wie eifersüchtigen Tante enterbt wird.

„Es mag sein, dass ich ein Narr bin“

Dumm gelaufen? Keineswegs, denn die kecke Intrigantin hat immer einen Plan B in petto. Im Zuge ihrer durchtriebenen Machenschaften schiebt Becky ihren Gatten, einen schneidigen, aber nicht allzu intelligenten Kavallerieoffizier, hin und her wie einen Zinnsoldaten. Haarklein kaut sie ihm vor, was er sagen soll und wann er gefälligst den Mund halten und „stilvoll leiden“ möge. „Es mag sein, dass ich ein Narr bin“, protestiert Rawdon einmal halblaut, „aber du solltest es nicht so betonen.“

Mit dieser schillernden Becky Sharp, deren Verstöße gegen Konventionen sich durch die Beschaffenheit jener Gesellschaft erklären, in der sie Fuß zu fassen versucht, erschuf Thackeray eine der interessantesten Frauenfiguren im englischen Roman.

Olivia Cooke, bekannt aus der Thrillerserie „Bates Motel“, gibt Becky als Mischung zwischen schmollmundiger Kindfrau und verschlagener Meisterin des amoralischen Ränkespiels. Eine nicht begüterte Frau, so verdeutlicht die siebenteilige Serie, kann es in der vorindustriellen Ständegesellschaft nur mit Köpfchen und Ellbogen zu etwas bringen.

Die Neuadaption des Thackery-Romans, ab Donnerstag auf Arte zu sehen ["Jahrmarkt der Eitelkeiten“, Arte, Donnerstag, 21 Uhr], setzt auch formal Akzente. Wenn Becky die Welt der blaublütigen Zyniker durcheinanderwirbelt, dann stehen sogar die Bilder auf dem Kopf. Die U1 Uhr], setzt auch formal Akzente. Wenn Becky die Welt der blaublütigen Zyniker durcheinanderwirbelt, dann stehen sogar die Bilder auf dem Kopf. Die Uniformen der Soldaten sind so leuchtend rot, als würden die Männer schon vor dem Kampf bluten.

Verblüffend aufwendig inszeniert ist die historische Schlacht gegen einen nicht beim Namen genannten französischen Feldherrn, den die Briten schlichtweg als „korsischen Zwerg“ verunglimpfen. Vor dem entscheidenden Gefecht gegen Napoleons Truppen also hadert der britische General: Soll er tatsächlich Richtung Waterloo marschieren? Denn er „kann auf der Karte kein Kaff dieses Namens finden“. Britischer kann Humor nicht sein.

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