„Auch der stärkste Mensch weint.“

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Jürgen Domian : Diese nimmermüde Nachtgestalt

1:18 Uhr: Der nächste Anrufer ist Denis (22). Er sagt, seine Oma sei heute gestorben. Domian unterhält sich ausführlich mit ihm. „Spiel nicht den Starken“, rät er am Ende. „Auch der stärkste Mensch weint.“ Aber Denis, dessen Opa angeblich Heino heißt, weint nicht. Er bricht plötzlich in Lachen aus und sagt verächtlich „Okay Heino, du bist so ein Heino“. Gespräch zu Ende. Geschlagene acht Minuten wurden Domian sowie zuvor der Mitarbeiter an der Hotline und Realisator Barth an der Nase herumgeführt. Ein Sport, den heitere junge Männer sonst gerne freitagabends versuchen, mit tollen Geschichten wie „Mein Penis ist zu lang“. Doch Denis war überzeugend, und eigentlich hat er – auf seine Weise – etwas ganz Ähnliches getan wie Domian: Er hat ein fiktives Interview über den Tod gegeben. Und hätte Denis es nicht selbst aufgelöst, kein Mensch hätte die Lüge bemerkt.

Dass Denis sich den Tod eines Angehörigen ausgedacht hat, nimmt ihm Domian allerdings übel. „Ihr trefft nicht mich damit, sondern ihr trefft all die anderen Menschen, die gerade einen schweren Trauerschmerz haben, und das macht mich sehr, sehr wütend“, sagt er in einer kleinen Moralpredigt an die Spaß-Fraktion draußen. In der Regie brummelt Barth: „Mich auch eigentlich.“ Redakteur Marc Strucken lässt die Tasten fliegen, bei Twitter sind die ersten Reaktionen über Denis negativ, „auch per Mail wird gekotzt“, sagt er. Nach Denis folgen Samantha, eine muntere 70-Jährige, die über ihre Beziehungen, Sex und den weiblichen G-Punkt plaudert, sowie drei weitere Gespräche. In der Nachbesprechung spielt Denis kaum eine Rolle mehr. Alle anderen Gäste bekommen in der internen Bewertung eine Zwei oder Zwei minus. Eigentlich keine schlechte Sendung. Feierabend: 2:39 Uhr.

Jürgen Domian hat einen Traum: Eine Sendung, in der die Gäste nicht telefonisch zugeschaltet werden, sondern leibhaftig vor ihm stehen. Natürlich live, „denn das ist der Thrill für den Zuschauer“, sagt er. Bisher hat der WDR die Idee nicht umgesetzt, aber der Nachttalker träumt weiter. „Bei allen großen Katastrophen haben wir fast immer die ersten Augen- und Ohrenzeugen in der Sendung. Am Abend nach dem Amoklauf von Winnenden rief der Vater eines ermordeten Kindes an. Wenn wir an so einem Tag in der Stadt wären mit unserem variablen Studio, wäre das eine super Sache“, sagt Domian, der nun beinahe wie ein Handlungsreisender in Sachen Tod klingt. Wäre das nicht Katastrophenjournalismus? Das Wort schreckt ihn nicht sonderlich, da ist er ganz Medienprofi. „Das ist mit Risiken verbunden, das ist mir schon klar. Ein Anfänger könnte das auch nicht. Wir können das.“