"King-Lear"-Verfilmung bei Amazon : 115 Minuten Drama mit Anthony Hopkins

Klappt: Amazon produziert Verfilmung von "King Lear" mit Anthony Hopkins in der Titelrolle

Vater und Tochter. Spät, zu spät erkennt Lear (Anthony Hopkins), dass Cordelia (Florence Pugh), seine jüngste Tochter, aufrichtig und loyal zu ihm war.
Vater und Tochter. Spät, zu spät erkennt Lear (Anthony Hopkins), dass Cordelia (Florence Pugh), seine jüngste Tochter, aufrichtig...Foto: BBC

Eine Inszenierung von „King Lear“ lässt den Theaterzuschauer ausgelaugt, erschöpft zurück. Zu groß das Drama der Menschen auf der Bühne, sehr lange die Dauer seiner Aufführung. Dieser „Lear“ ist schneller, viel schneller: 115 Minuten dauert der Film von BBC und Amazon Studios. Richard Eyre, exzellenter Shakespeare-Kenner und langjähriger künstlerischer Direktor des National Theatre in London, hat den Stoff für den Bildschirm adaptiert; seine (Kurz-)Fassung ist ein Konzentrat, ein Geradeausweg durch das Lear-Universum: Die Tragödie von Lear, seiner drei Töchter und des Earl of Gloucester tritt in aller Schärfe hervor. „King Lear“ stellt auch hier die Grundfrage: Was ist der Mensch, was will er sein?

Schauplatz ist ein dystopisches England

Eyre verlegt die Handlung in ein fiktionales, heutiges, gleichwohl dystopisches England, von Lear regiert wie von einem Militärdiktator. Er und seine Familie leben in einer sehr komfortablen Welt, die psychologisch aber alles andere als komfortabel ist. Das wird deutlich, als Lear sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen will. Während Regan und Goneril Liebe und Unterwürfigkeit erweisen, lässt Cordelia, die jüngste, kein einzig Schmeichelwort fallen. Lear erkennt auf Ungehorsam, Niedertracht und Verrat, Cordelia wird enterbt, ihre Schwester teilen England unter sich auf. Der Machtkampf beginnt, Lear mittendrin.
Die Transaktion des Protagonisten wird auch gespiegelt in Farbpalette und Setting des Films. Was anfangs in Prosperität und Reichtum aufleuchtet, wird bleicher, Lear wankt durch ein Flüchtlingslager und schleudert einen Einkaufswagen durch ein Shoppingcenter. Und am Ende, im grausigen Finale, ist alles grau.
„King Lear“ präsentiert ein superbes Ensemble, natürlich allen voran der 80-jährige Anthony Hopkins, als Lear übrigens nach „Othello“ und „Titus Andronicus“ in einer Shakespeare-Titelrolle. Emma Thompson bietet als Goneril spröde Perfektion, deren Zusammentreffen mit Lear als das wütende Ineinanderfallen von Menschen implodiert, die Regan von Emily Watson ist frustriert, hungrig nach Gelegenheiten zum Auftrumpfen und Sich-Dicke-Tun bis zur Brutalität. Florence Pugh als die verstoßene und zu spät von Lear als ehrliche, integre erkannte Tochter Cordelia bleiben nur wenige Szenen für starke Präsenz und nachhaltige Eindrücke.

Hopkins ist der Triumph der Verfilmung

„Lear“ kann immer der Triumph seines Darstellers sein. Anthony Hopkins ist der Triumph des Films. Er reißt den Menschen in sich ein, ein Narr, der erkennen muss, dass er nichts erkannt hat. Gefährlich, trinksüchtig, integriert er das Politische in das Persönliche und er desintegriert es, was zu Chaos und Vernichtung und Untergang führt. Hopkins zeigt einen Lear, der an der Macht hängt, weil die Macht ihm Bedeutung gibt. Und Hopkins wird von einem Personal unterstützt, was in dieser Prominenz wohl auf keiner Bühne und nur in dieser BBC-Amazon-Produktion zusammenfinden wird. Apropos Bühne versus Film: Die Kamera kann Flüstern und Wispern, das mimische Spiel eindrücklicher transportieren als es im Theaterraum möglich ist. Bei aller Intimität: Dieser „King Lear“ bietet keine Grimassenshow.
„King Lear“ – Shakespeare light? Die Eintrittsschwelle ist gesenkt, keine Frage, zugleich jede Gefahr gebannt, dass eine Menschen-Tragödie zum McMafia-Spektakel umgewertet wird.

„King Lear“, ab Freitag verfügbar bei Amazon Prime Video.

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