Krankenhaus-Reihe von Kabel 1 : Am Schicksalsort

Die neue Krankenhausreihe „Die Klinik“ auf Kabel 1 geht über die übliche medizinische Unterhaltung hinaus. Den Unterschied machen die Protagonisten.

Jan Freitag
Mit Skalpell und Dienstwaffe. Die Ärzte und Krankenschwestern im Klinikum Frankfurt Höchst lassen sich bei der OP eines Straftäters auch nicht von einem bewaffneten Beamten mit Waffe beeindrucken.
Mit Skalpell und Dienstwaffe. Die Ärzte und Krankenschwestern im Klinikum Frankfurt Höchst lassen sich bei der OP eines...Foto: Kabel1

Ganz gleich ob Fiktion oder Sachfernsehen, Scripted Reality oder amtliches Märchen – Babys gehen immer! Wer sein Publikum früh ans Format binden will, rückt also Kleinkinder prominent ins Bild – selbst wenn sie vor Schmerz lauthals brüllen. Exakt so beginnt ein sechsstündiges Stück Reality-TV aus dem zugkräftigen Mikrokosmos der Götter in Weiß. Von diesem Dienstag an schildert es auf Kabel 1 zur besten Sendezeit den Arbeitsalltag am Klinikum Frankfurt Höchst, „eins der größten Krankenhäuser in der Mitte Deutschlands“, wie es der Größenwahn handelsüblicher Reportagen gebietet. 100 Tage haben diverse Kameras 17 der 2000 Verantwortlichen für jährlich rund 140 000 Patienten in 900 Betten begleitet, und den Anfang macht ein Neugeborenes.

Damit ihm die Entfernung eines Abszesses am Po kein lebenslanges Trauma verpasst, muss es Anästhesist Tino Bastiani möglichst komplikationsfrei betäuben. „Die Gefäße sind in dem Alter noch wesentlich kleiner als bei Erwachsenen“, räumt der smarte Oberarzt ein und legt die Messlatte der Empathie gleich mal drei Stufen höher. Das Baby brüllt wie am Spieß, die OP gelingt, alles herzzerreißend, alles herzergreifend, die volle Emotionsladung halt. Kein Wunder, könnte man meinen, ist ja auch Kabel 1. Die Altkleidersammlung der ProSiebenSat1- Gruppe lagert sein nonfiktionales Angebot zwar länger schon im eigenen Dokukanal aus; aber was von „Achtung, Kontrolle!“ bis „Abenteuer Leben“ übrig bleibt, unterläuft selbst das niedrige Niveau kommerzieller Dokusoaps spürbar.

Alles furchtbar also? Mitnichten! „Die Klinik“, wie der Vierteiler unprätentiös heißt, ist nicht nur seriöses Factual Entertainment; es entfaltet auch eine Wahrhaftigkeit, die selten ist im ewigen Strom medizinischer Unterhaltung. Erst kürzlich war die ARD „Im Herzen der Megaklinik“ Aachen zu Gast, wo gar doppelt so viele Patienten pro Jahr behandelt werden. Der RBB begab sich „Auf Leben und Tod“ ins Unfallkrankenhaus Marzahn. Die benachbarte Charité ist vielleicht öfter im Bild als alle Gesundheitsstaatsminister der Welt zusammen. Bei „24 Stunden“ von Berlin über Bayern bis Jerusalem gab’s natürlich Notaufnahmesequenzen. Und vor zwei Jahren machte „Code Black“ aus der gleichnamigen Dokumentation übers Angels Memorial in L.A. so gewissenhafte Fiktion, dass sie mit der Wirklichkeit förmlich verschwamm.

Vorteil Langzeitbeobachtung

Umso mehr ragt „Die Klinik“ hervor aus der Klinikflut am Flatscreen. Das liegt zum einen an der Langzeitbeobachtung. Den Unterschied machen aber die Protagonisten. Schon der Anästhesist vom Anfang ist nicht nur wegen seines schiefen Lächelns von so sympathischer Vertrauenswürdigkeit, dass man ihm freudig durch die blutige Notaufnahme folgt. Ähnliches gilt für den sehr hektischen, sehr hessischen, sehr emsigen Pflegeschüler, die sehr blonde, sehr eitle, sehr fleißige Assistenzärztin oder ihren sehr versierten, sehr nüchternen, sehr bescheidenen Stationsleiter.

Sie alle wurden (angeblich ohne Honorar) gewiss auch nach Zuschauer-Kriterien gecastet, stammen aber spürbar aus der Mitte des rastlosen Krankenhausbetriebes – der zudem bis in die Ecken ausgeleuchtet wird. Neben Hubschrauber-Besatzungen und Physiotherapeutinnen, Hebammen oder medizinischem Fachpersonal mit erstaunlichen Berufsbezeichnungen wie „Spezielle Rhythmologie“, dringen Bärbel Jacks und Florian Falkenstein auch ins Untergeschoss des Gesundheitswesens vor. Zum Lageristen fern aller Heilungserfolge, zur Putzfrau im OP, zum Leiter der Krankentransporte. Mit abnehmendem Gehalt babbeln sie alle zunehmend Mundart, werden aber nie wie bildungsferne Hilfskräfte dargestellt.

Die üblichen Showeffekte gibt es natürlich dennoch. Der Kommentar aus dem Off wähnt sich beim Kampf „um Leben oder Tod“ schon mal am „Schicksalsort“. Die Hingabe aller Beteiligten bis runter zum Azubi wirkt bisweilen zu unverbrüchlich, ihre Dauerbelastung zu tragbar, der Zusammenhalt arg kollegial, um nicht den Kameras vor Ort geschuldet zu sein. Und dass nicht jeder Ernstfall mit bedrohlichem Sound wie beim Anflug einer Hubschrauberstaffel im Kriegsfilm vertont werden muss, wird Kabel1 wohl nie begreifen. Darüber hinaus aber ist die Atmosphäre von einer Zurückhaltung geprägt, die erst nach zwei, drei Stunden langatmig wird. Doch keine Sorge: wer einnickt, wird sicher irgendwann von schreienden Babys geweckt…
„Die Klinik – Ärzte, Helfer, Diagnosen“, Kabel 1, Dienstag, 20 Uhr 15

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