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KRITISCH gesehen: Augenzwinkern mit Hoeneß

Maybrit Illner. ZDF.

Maybrit Illner. ZDF.

Fragen, nichts als Fragen. Vor drei Wochen ist Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Nach nur vier Verhandlungstagen. Seitdem stehen beim Fall Hoeneß noch viele Unklarheiten im Raum: Hat der ehemalige FC-Bayern-Präsident mehr als 28,5 Millionen Euro hinterzogen? Woher kam das Geld genau? Hätte der Prozess bei einem Aktenumfang von 70 000 Seiten nicht verlängert werden müssen? Wieso gab es keine Revision? Und welche Rolle spielten Sponsoren des FC Bayern und die bayerische Politik? Für mehr Aufklärung wollte Maybrit Illner am Donnerstagabend in ihrer Talksendung sorgen. Es blieb jedoch bei Spekulationen.

Die ZDF-Moderatorin wollte zum Beispiel wissen, wo das ganze Geld, mit dem Uli Hoeneß zockte, herkam. Die Antwort des stellvertretenden FDP-Vorsitzenden und Strafverteidigers Wolfgang Kubicki: „Ich kann sicher sagen, dass es nicht mein Geld ist, alles andere ist Spekulation.“ Ob Hoeneß die Millionensumme samt Zinsen überhaupt zurückzahlen kann? Börsenexperte Frank Lehmann: „Es kann sein, dass er in Privatinsolvenz gehen muss. Da gibt es die wildesten Spekulationen.“ Wann der frühere Präsident des FC Bayern auf einen offenen Vollzug hoffen kann? Laut dem Strafverteidiger Gerhard Strate recht bald. Doch: „Das sind alles nur Vermutungen.“

Sicher waren sich die Gäste nur dahingehend, dass ein Turbo-Prozess bei einem solchen Ausmaß an Steuerhinterziehung sehr ungewöhnlich gewesen ist. Einen Deal zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung schlossen sie zwar aus, doch es habe laut des „Stern“-Reporters Johannes Röhrig wahrscheinlich eine „unausgesprochene Einigung“ gegeben. Warum? Hoeneß habe ein überschaubares Urteil bekommen, die Staatsanwaltschaft mit geringem Aufwand eine Verurteilung und der Richter habe seine geplante Verhandlungsdauer einhalten können. Von einer Inszenierung war die Rede. Von einer Geschichte mit Augenzwinkern. 3,12 Millionen Zuschauer (Marktanteil 15,2 Prozent) verfolgten diese Interpretationen.

Für die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags und ehemalige Grünen-Vorsitzende Claudia Roth war der Prozess zudem ein Musterbeispiel für Öffentlichkeitsarbeit. Mit dem Höhepunkt, dass die Bundeskanzlerin den Verurteilten lobte, weil er eine Revision ablehnte. „Ich schätze Uli Hoeneß, aber er hat eine Straftat begangen und ist kein Vorbild“, sagte sie. Über den Menschen Hoeneß sprach auch Frank Lehmann. Ein absolut ausgeschlafener Anleger sei er gewesen. Aber auch ein Machtmensch. Gierig und beratungsresistent.

Bei der weiteren Klärung der Hoeneß-Affäre hofft der Strafverteidiger Gerhard Strate nun auf die Journalisten statt auf die Justiz. Zu viel erwartet er allerdings nicht. Ob Deutschland durch den Fall denn zumindest ehrlicher geworden sei? „Neee“, kommentierte er kurz – und konnte sich das Lachen nicht länger verbeißen. Marie Rövekamp

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