„Living with yourself“ auf Netflix : Selbstoptimierung für Zombies

Verwechslungskomödie auf bizarrstem Niveau: In der Netflix-Serie „Living with yourself“ begegnet Paul Rudd seiner geklonten Kopie.

Jan Freitag
Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Die Netflix-Serie mit Paul Rudd kritisiert die Leistungsgesellschaft auf unterhaltsame Weise.
Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Die Netflix-Serie mit Paul Rudd kritisiert die Leistungsgesellschaft auf unterhaltsame Weise.Foto: Eric Liebowitz/Netflix

Wenn Serien oder Filme damit beginnen, dass sich Menschenhände aus dem Erdreich wühlen und dabei gutturales Grunzen zu hören ist, kann es sich dabei eigentlich nur um die neue Staffel „The Walking Dead“ oder eines der 10 000 Zombie-Formate am Bildschirm handeln.

Falls die Menschenhände jedoch zu einem ziemlich lebendigen Mann gehören, der nach dem Ausgraben nur mit einer Windel bekleidet ziellos durchs dämmrige Gehölz läuft, bevor er im Flur seines eigenen Hauses auf eine Kopie seiner selbst trifft, sind wir im Post-„Akte X“-Mystery-Fernsehen Baujahr 2019 gelandet, das alle fiktionalen Handlungs- und Denkbeschränkungen weit hinter sich gelassen hat. Zum Glück.

Denn „Living with yourself“, so heißt der Achtteiler auf Netflix, ist eine Art Zombieserie ohne Zombies, die unsere Sehgewohnheiten mit Kreativität, Charme, Esprit und dezentem Witz unterwandert, ohne sie ganz zu zerstören.

Nachdem sein unbefriedigendes Leben zwischen unbefriedigter Frau (Aisling Bea), unbefriedigtem Babywunsch (zu schwache Spermien) und freudloser Arbeit (irgendwas mit Reklame) durch ein asiatisches Wellness-Treatment gelockert wird, bemerkt die Hauptfigur Miles (Paul Rudd) nämlich, dass er durch eine verbesserte Version seiner selbst ersetzt worden ist, während er offenbar als überflüssiger Prototyp mit Plastikfolie umhüllt im Wald verscharrt wurde.

Kein Wunder, könnte man im Selbstoptimierungswahn unserer Tage meinen: Die Fälschung ist nicht nur fitter, klüger, schöner, zielstrebiger als das Original; sie zeigt auch berufliche, soziale, vor allem emotionale Intelligenz, der alle Welt in Windeseile erliegt.

Nach anfänglicher Skepsis schickt der träge Miles seinen Klon also nicht nur zur Arbeit; er lässt ihn auch feiern, kochen, plaudern und bis kurz vorm Sex Beziehungspflege betreiben. Vorgeblich, um endlich Zeit für sein unvollendetes Drehbuch zu haben; weil er am Ende aber doch nur besoffen Onlinepornos glotzt, wird schon in den ersten der acht Episoden klar, welches Konfliktpotenzial die Daseinserleichterung durch Defizitverschiebung birgt.

Der echte Miles wird nämlich bald eifersüchtig auf den optimierten, was „Living with myself“ zur ulkigen, aber auch ernsten Analogie auf unsere Leistungsgesellschaft zwischen Couchpotatoes und Lohas, Arbeitsmarktverlierern und Wohlstandsgewinnern, Anspruch und Wirklichkeit einer Zivilisation im Hamsterrad macht.

Nach dem Drehbuch von Showrunner Timothy Green ist ihr zentraler Handlungsrahmen daher nicht ohne Grund eine überhitzte PR-Agentur im amerikanischen Spießerparadies, das dem westlichen Burnout mit fernöstlicher Entspannungstherapie begegnet, anstatt das Leben mal von Grund auf zu entschleunigen.

Selbstoptimierung gescheiterter Gegenwartscharaktere

Und diesen Zustand dauernder Zerrissenheit könnte wohl niemand besser verkörpern als die amtierende Marvel-Ameise „Ant-Man“. Auch als Schauspieler scheinbar 15 Jahre jünger als seinem Geburtsdatum Anfang 1969 entsprechend, zelebriert Paul Rudd die neugierige, weltoffene, empathische, menschheitsumarmende Philanthropie des kopierten Miles mit einem Blick, der spielend ganze Stadien voll antriebsloser, übellauniger, selbstmitleidiger Misanthropen wie dem wahrhaftigen Miles zum Lächeln brächte.

Im virtuosen, filmtechnisch längst unsichtbaren Wechselspiel dieser Doppelrolle entsteht somit eine Verwechslungskomödie auf bizarrstem Niveau. Und daran haben die Regisseure gehörigen Anteil.

Indem sich der Cliffhanger jeder Folge zu Beginn der nächsten aus anderer Perspektive wiederholt, orientieren sich Jonathan Dayton und Valerie Faris, die seit 1988 gemeinsam PR-Spots (von Playstation bis VW) und Filme (wie „Little Miss Sunshine“) drehen, dramaturgisch am multiperspektivischen Netflix-Irrsinn „Dirk Gentlys holistische Detektei“.

Ästhetisch dagegen ähnelt ihre Story der Retro-Science-Fiction-Serie „Maniac“ an gleicher Stelle, in der sich Emma Stone mithilfe ungetesteter Medikamente zurück in die Spur des Alltags zu bringen versucht.

Bei „Living with yourself“ erfolgt die Selbstoptimierung gescheiterter Gegenwartscharaktere zwar durch vermeintlich kuschelige Heilmethoden des New Age, läuft jedoch aufs Gleiche hinaus: Das Bewusstsein kollidiert mit dem Sein und dem Wollen, bis die Multioptionalität unseres Gemeinwesens an sich selbst zu zerbrechen droht. Wie hart das wird, zeigt sich nach vier Folgen: für Miles vielleicht härter als sein mieses Leben als Untoter unter Untoten zuvor.

„Living with yourself“, Netflix, acht Folgen, ab Freitag